Donnerstag, 24. Mai 2012

Protest gegen Netto




Carl Heerlein vor seinem Hochdorfer Geschäft. Foto: Bögel
Carl Heerlein vor seinem Hochdorfer Geschäft. Foto: Bögel

Hochdorf (ub). Die Ladenfront ist zugeklebt. „Es geht um unsere Existenz“ steht auf den Plakaten. Drinnen liegen die Unterschriftenlisten aus. 400 Leute haben seit Montag ihren Unmut geäußert. Eine Kundin macht ihrem Ärger Luft: „Eine Sauerei ist das.“
 Carl Heerlein, in vierter Generation Inhaber des Edeka Nah-und-Gut-Marktes in der Pulverdingerstraße in Hochdorf, schüttelt den Kopf. „Das geht doch nicht. Es geht nicht nur um meine Existenz, sondern auch um die Vernichtung des ganzen Innenortes.“ Grund für den Aufruhr der Bürger ist die geplante Ansiedlung eines Netto-Marktes an der Eberdinger Straße (gegenüber der Firma Schober) in Hochdorf.
Geht es nach den Plänen des Hochdorfer Investors Bernhard Hagdorn, sollen dort, wo heute noch ein Maisfeld ist, auf einer Fläche von 1200 Quadratmetern billige Lebensmittel verkauft werden. Hagdorn, dem das Grundstück gehört, will den Discounter bauen und langfristig an Netto verpachten.
Voller Sitzungssaal ist
heute Abend garantiert
Über die Bauvoranfrage diskutiert heute Abend um 19.30 Uhr der Eberdinger Gemeinderat. Ein voller Sitzungssaal ist dabei garantiert. „Wir wollen sorgfältig abwägen. Deshalb gibt es heute Abend erst einmal die Vorberatung zur Bauvoranfrage“, sagt der Eberdinger Bürgermeister Peter Schäfer. Wenn sich das Gremium für die Ansiedlung des Discounters ausspricht – und einen Trend dahin will Schäfer gar nicht verheimlichen –, muss für das Gebiet außerhalb des Ortes ein vorhabenbezogener Bebauungsplan aufgestellt werden.
In einer Klausursitzung im Frühjahr und in einer nichtöffentlichen Beratung vor wenigen Wochen hat sich der Eberdinger Gemeinderat bereits mit dem Thema beschäftigt. Dabei gibt das Einzelhandelskonzept, das vor vier Jahren für Vaihingen, Sersheim, Oberriexingen und Eberdingen erstellt wurde, Entscheidungshilfe. Denn die Experten aus Lörrach hatten bei der 6500 Einwohner zählenden Dreiergemeinde Eberdingen ein Defizit beim „nahversorgungsrelevanten kurzfristigen Bedarf“ ausgemacht, der durch den „örtlichen Einzelhandel nur teilweise erfüllt werde“.
Zwar klopfte schon bei der Erschließung des Gewerbegebiets Pulverdinger Weg in Hochdorf (2700 Einwohner) ein möglicher Investor für einen Vollsortimenter an, doch damals gab das Gremium der Industrie den Vorzug.
Damit war das Problem des Kaufkraftabflusses aber nicht gelöst. Schäfer zur VKZ: „Nun haben wir die Chance, weil wieder ein Investor da ist.“ Dabei liege es dem Gemeinderat fern, irgendwelchen Betrieben in der Hochdorfer Ortsmitte den Garaus zu machen. Es bestehe zwar die Gefahr, dass der Nah-und-Gut-Markt von Carl Heerlein in Schwierigkeiten komme, es gebe aber auch Beispiele im Land, wo sich ein Netto (ebenfalls eine Tochter von Edeka) und ein kleiner Edeka im gleichen Ort halten können. Schäfer: „Ich bin überzeugt, dass beide Geschäfte in Hochdorf bestehen können.“
Diese Überzeugung teilt Kaufmann Heerlein (49) nicht. In einem Brief an den Bürgermeister und die Gemeinderäte schreibt er: „Mit ihrem Beschluss riskieren und provozieren Sie, ein alteingesessenes Familienunternehmen mit immerhin 135 Jahre Vergangenheit kaputtzumachen.“
Mit der Zustimmung zu Netto werde nicht nur sein Lebensmittelgeschäft mit rund 250 Quadratmeter Fläche mit einem Umsatzrückgang und damit auch ums Überleben ringen, sondern auch die anderen Geschäfte wie der Bäcker, die Metzgerei oder die Getränkescheuer.
Heerlein bekam schon in den letzten Jahren einen Umsatzrückgang zu spüren, baute das Personal von 13 auf derzeit vier Angestellte ab. „Aber bis jetzt passt es noch. Wir können am Markt bestehen“, sagt Heerlein. „Aber wenn ein Netto kommt, ist das der Genickbruch.“ Wenn ein Discounter sich in Hochdorf ansiedle, werde er auf jeden Fall Kunden und Umsatz verlieren. Dies führe dann wiederum zu Sortimentsabbau und wieder zu mehr Kundenverlust.Heerlein: „Dann sagen doch die Kunden, der hat keine Auswahl mehr, da gehe ich nicht mehr rein. Hier fällt dann Stein um Stein, bis eine Lawine ausgelöst ist und wir vor der Schließung stehen.“
Diskussionen vor
der Wursttheke
Seit Montag sammelt Heerlein, in der Freizeit passionierter Musiker, bei seinen Kunden Unterschriften. Innerhalb von zwei Tagen haben 400 Leute unterschrieben. Beim Einkauf machen viele Kunden ihrer Verärgerung Luft, diskutieren vor der Wursttheke, fluchen mit dem Joghurt in der Hand. Die Existenzangst von Carl Heerlein wird hier greifbar.
In der Vorlage für den Gemeinderat wird die Sache nüchtern dargestellt. „Bereits seit längerer Zeit werden Überlegungen angestellt, die Lebensmittelversorgung für die Gesamtgemeinde langfristig zu sichern und zu verbessern. In dieser Situation beabsichtigt die Firma Netto die Neuansiedlung eines Lebensmittel-Einzelhandelsbetriebs am westlichen Ortseingang von Hochdorf an der Eberdinger Straße. Als Vorhabenträger wurde Bernhard Hagdorn gefunden.“ Auch der Eberdinger Verwaltungschef Schäfer sieht die Sache pragmatisch: „Der Gemeinderat ist nicht dazu da, die schützende Hand über den Betrieb Heerlein zu legen. Das wäre eine Wettbewerbsverzerrung.“




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