Donnerstag, 24. Mai 2012

Besonderer Rundgang




Eine Station war der Vaihinger Marktplatz. Foto: Bögel
Eine Station war der Vaihinger Marktplatz. Foto: Bögel

Vaihingen (ub). Zwischen den Gleisen wuchert das Unkraut. Die Fenster des Stadtbahnhofs in Vaihingen sind mit Holzlatten zugenagelt. Ein Fenster ist hinter Gestrüpp versteckt. Vandalen haben es entdeckt und eingeworfen. An den Wänden sind Schmierereien hingekritzelt.
 Das Gebäude macht nicht nur von außen, sondern vor allem von innen einen trostlosen Eindruck. Der Stadtbahnhof in der Hans-Krieg-Straße ist am Sonntag Ausgangspunkt eines thematischen Stadtrundgangs mit dem Titel „Straße, Enz und Nebenbahn – auf den Spuren der Vaihinger Verkehrsgeschichte“ im Rahmen des Denkmaltags.
Andrea Majer vom Stadtarchiv hat den Schlüssel für den Bahnhofsbau, eingeweiht am 15. Oktober 1904, in der Tasche. Die Tür klemmt, innen erwartet die 50 Besucher der typische Mief eines leerstehenden Gebäudes. Stadtführer Knut Berberich hat einen Tag zuvor noch die Scherben zusammengefegt.
Das Dienstgebäude hatte ursprünglich zwei Wartesäle, zwei Diensträume und im Obergeschoss zwei Wohnungen für den Bahnverwalter und den Stationswärter. Angeschlossen ist ein Güterschuppen, in dem noch ein zerfledderter Fahrplan hängt und eine Stückgutwaage, deren Zeiger beim Betreten wie von der Tarantel gestochen nach oben schnellt. Im schummrigen Licht des Backsteinbaus mit Fachwerkaufsatz sind rudimentär noch die Reste des Fahrkartenschalters auszumachen.
Sonst Leere. Hinten im dunklen Zimmer ist eine Toilette. Der Zugang zum Obergeschoss ist durch ein rot-weißes Band abgesperrt. Das Gebäude ist im Besitz der Stadt. Es gab mal einen Interessenten, der das Bahnhofsgebäude als Gaststätte nutzen wollte. Jetzt ist Funkstille.
Knapp vor dem 100-jährigen Bestehen der Nebenbahn wurde 2003 der Zugverkehr eingestellt. Zuvor kappte die Bundesbahn deutschlandweit die Rübentransporte. Bereits 1990 ist der Stückgutbetrieb in Vaihingen eingestellt worden, 1957 fuhr die letzte Dampflok.
Mit dem Bahnhof ist
die Zeit der grünen Wiese vorbei
Es hat aber schon bessere Zeiten für die 7,26 Kilometer lange Nebenbahn gegeben, die damals für 900 000 Mark plus 100 000 Mark für die Grundstücke gebaut wurde. Enzweihingen und Vaihingen waren nun per Schiene an die Hauptstrecke in Kleinglattbach angebunden. „Vorher hat es einen dramatischen Schwund der Einwohnerzahl gegeben und die Industrie ist abgewandert“, sagt Knut Berberich, der sich an diesem Tag wieder als profunder Kenner der Vaihinger Stadtgeschichte zeigt. Mit dem neuen Stadtbahnhof ist die Zeit der grünen Wiese vorbei. Gegenüber siedelt sich das Bahnhotel an, 1909 geht wenige Meter entfernt die Post in Betrieb. Die Firma Baresel residiert ab 1909 in Vaihingen, in Enzweihingen nutzen Blum, das Sägewerk Harsch im Rieter Tal und die Papierfabrik den Gleisanschluss. Nach dem Zweiten Weltkrieg fährt der Großzirkus Holzmüller mit dem Zug nach Vaihingen. Elefanten werden über die Rampe entladen.
Das alte Vaihinger Postamt in der Hans-Krieg-Straße, die nächste Station unseres Stadtrundgangs an diesem Sonntagnachmittag, ist als Folge des Bahnhofs zu sehen. Während am Himmel die Maschinen des Flugsportvereins kreuzen, erzählt Berberich von der Fahrt der letzten Postkutsche am 14. Oktober 1904 zum Bahnhof nach Kleinglattbach, vom Postkutscher Holzer, der von Großglattbach kommend kräftig ins Horn geblasen und dem Trompetensteigle den Namen gegeben hat. Der Posthof war die Zentrale der Postbusse – eine Linie ging von Vaihingen nach Ochsenbach, ab 1928 ging es auch nach Weissach. 33 Beamte und 34 Angestellte haben einmal im Postamt gearbeitet.
Heute lebt das Postgebäude wie der Bahnhof nur von der Vergangenheit. Das Postamt steht zum Verkauf, ungewiss ist, wie lange in dem Gebäude noch die Post sortiert und verteilt wird.
Es geht weiter an die Ecke Grabenstraße/Heilbronner Straße. An dieser Stelle wurde um 1830 die Stadtmauer nach Norden hin aufgebrochen. Damit ergaben sich ganz neue Perspektiven für die Stadtentwicklung. Die Heilbronner Vorstadt entstand, ursprünglich idealtypisch geplant. Die Anlegung der kerzengeraden Heilbronner Straße zielte schon auf den späteren Nord- oder Reichsbahnhof.
Die Gruppe steht im Schatten auf dem Marktplatz. Wie war das vor über 20 Jahren, als es hier noch keine Fußgängerzone gab? Oder wie war es vor 2000 Jahren, als die heutige Stuttgarter Straße eine wichtige Fernhandelsstraße zwischen dem Balkan, Augsburg, Speyer und der Nordsee war? Zahlreiche Durchreisende kamen durch das Enzweihinger oder Illinger Tor in die Stadt, wurden verköstigt und beherbergt. Zweimal im Jahr war Markt – „eine Art Volksfest“, wie Archiv-Mitarbeiterin Andrea Majer sagt. Das Erdgeschoss des Rathauses – hier ist heute das Bürgerbüro – war Markthalle.
1856 wurden in Vaihingen 50 Gastwirtschaften gezählt. Eines der besten Häuser in der Stadt war die Krone (heute befindet sich hier das Verlagsgebäude der VKZ). 28 Betten wies die Gastwirtschaft aus, zehn Räume waren beheizbar, sogar Flaschenwein wurde verkauft.
Ein weiterer Markt dürfte, so die Recherchen von Majer, in der Auricher Straße oder früheren Judengasse stattgefunden haben. Die erstaunlich breite Straße war typisch für einen Nebenmarkt, den Judenmarkt in Vaihingen.
Zweieinhalb Stunden sind rum. Das Kreuz tut weh, der Kopf ist voll. Als Belohnung gönnen sich viele ein Eis. Ein Eis auf die interessante Geschichte von Vaihingen.




Seitenanfang