Jäger klagen über vermehrten Maisanbau
Horrheim (elf). Herbert Rottner aus Illingen ist Jäger mit Leib und Seele. Seine Jagd in Horrheim hat er von der Stadt Vaihingen gepachtet – erst im Jahr 2009 hat er den neuen Jagdpachtvertrag unterschrieben. Doch die Lust am Dasein als Jäger wird ihm immer mehr vergällt. Grund ist der vermehrte Maisanbau durch die starke Zunahme an Biogasanlagen.
„Irgendwann macht es keinen Spaß mehr“, sagt Herbert Rottner und blickt von einer Anhöhe des großen Fleckenwalds nördlich von Horrheim und Gündelbach aus auf ein großes Maisfeld. Deutlich ist der Kahlschlag darin zu erkennen, für den ganze Wildschweinrotten verantwortlich sind. Den daraus entstandenen Schaden muss der Jäger dem Landwirt zu hundert Prozent ersetzen, schließlich ist der Jäger für durch Wild verursachte Schäden in Wald und Flur verantwortlich. Und diese Schäden nehmen immer mehr zu. Auf insgesamt 18 042 Euro hat der Schwarzwildring Stromberg-Heuchelberg im Jagdjahr 2009/2010 den Schaden durch Schwarzwild im Kreis Ludwigsburg beziffert. Neben den Schäden in Weinbergen, Wiesen, Gerste, Zuckerrüben und Weizen nimmt der Mais mit einem Schaden in Höhe von 9942 Euro den Großteil ein. Das liegt nicht nur daran, dass der Mais den Wildsäuen besonders gut schmeckt. Vielmehr ist es die Anzahl der Maisfelder, die in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. „Vor wenigen Jahren hat es in der Region mit Sachsenheim und Kleinsachsenheim gerade mal zwei Biogasanlagen gegeben“, weiß Rottner. Heute stehen Anlagen in Mühlacker, Ensingen und Nussdorf, weitere in Sersheim und Oberriexingen sind am Entstehen. Alles Abnehmer von Mais. „Rund drei Viertel des angebauten Maises geht in die Biogasanlagen“, sagt der 69-Jährige.
Das bedeutet viel Arbeit für Herbert Rottner und seine Jagdkollegen Dr. Horst Fahrbach, Norbert Ohnhaus und Hilde Rau, die für die Jagdreviere Horrheim-Süd und Horrheim-Nord zuständig sind. Dabei handelt es sich um ein 760 Hektar großes Gebiet mit 55 Prozent Feldern und 45 Prozent Wald. Da es für den Wildschaden keine Versicherung gibt, haben die Jäger in den beiden Revieren zehn Äcker mit Stromzäunen versehen, um sie vor Schwarzwild zu schützen. Eine wirkungsvolle, doch arbeitsintensive Maßnahme. Schließlich müssen die Zäune nicht nur errichtet, sondern auch täglich geprüft werden. Immer wieder kommen auch Sachbeschädigungen an den Zäunen vor. Da werden die Drähte zerstört, die 200 Euro teuren Stromgeräte gestohlen...
Doch die Wildsäue sind bei weitem nicht nur während der Vegetationszeit des Maises in den Feldern zu finden. Auch das frischausgebrachte Saatgut ist für die Sauen ein Leckerbissen. Deshalb hoffen die Jäger auf die Mithilfe der Landwirte. Wenn diese mit Mesorol gebeiztes Saatgut verwenden, hält dies das Schwarzwild ab. Doch dieses Saatgut ist teurer. Aber: „In den Feldern, in denen gebeizt wurde, haben wir den Mais hochbekommen“, sagt Rottner. Die Jäger sind demnach auf die Mithilfe der Landwirte angewiesen. Dazu hält sie auch der Landesbauernverband an. Demnach sollen die Landwirte die Äckerränder frei von Bewuchs machen, damit die Elektrozäune installiert und gewartet werden können. „Mit unseren Landwirten hier arbeiten wir sehr gut Hand in Hand“, macht Rottner deutlich. Doch andernorts sei dies nicht immer der Fall. Außerdem rücken die Landwirte mit den Maisfeldern immer näher an die Waldränder heran, was es dem Wild erleichtert, ungesehen ins Feld zu kommen.
Neben der Pacht muss der Jäger also immer mehr finanziellen Aufwand betreiben, um die Maisfelder zu schützen. Kommt hinzu der Aufwand für die Drückjagden und das Futter für die Kirrung. Hat das Wild trotzdem zugeschlagen, muss der Schaden reguliert werden. Diesen Ausgaben stehen die Einnahmen aus dem Wildverkauf an Metzgereien, Gaststätten und Privatpersonen gegenüber. „Im kommenden Jahr werden die Einnahmen nicht ausreichen, um den Schaden durch das Wild zu decken“, befürchtet Rottner. Deswegen beinhalten die Jagdpachtverträge auch den Passus, dass der Jäger zum Ende des Jagdjahres, das von April bis März geht, den Vertrag kündigen kann, wenn der Schaden die Summe der Jagdpacht um 15 Prozent übersteigt.
Ähnliche Probleme haben die Jäger auch im Wald. Gebiete, in denen eine Naturverjüngung stattfindet, müssen ebenfalls eingezäunt werden, damit die jungen Bäume unbeschadet wachsen können. Werden die jungen Bäume – vor allem Fichte, Douglasie und Eiche – nicht geschützt, halten sich Schwarz- und Rehwild schadlos daran. Wo kein Zaun installiert wird, wird immer mehr dazu übergegangen, die Pflanzen mit dem Verwitterungsmittel Kornitol zu bestreichen, um das Wild fernzuhalten.
Das Wild macht unterdessen auch vor den Weinbergen nicht Halt. Auch diese müssen mit Zäunen geschützt werden. Diese werden unmittelbar am Waldrand angebracht. Doch manche Wildschweine drücken sich unter den Zäunen durch und haben dann freie Bahn. Deshalb wird der Bereich zwischen Waldrand und Weinberg auch mit Kornitol versehen.
Von den Trauben im Weinberg halten sich die Sauen fern, dafür graben sie zwischen den Rebzeilen nach Würmern, Schnecken und Engerlingen. „In die Löcher, die die Sauen graben, kann man sich hineinlegen“, sagt Herbert Rottner. Damit die Weingärtner wieder im Weinberg arbeiten können, müssen die Jäger die Löcher wieder stopfen. Die Trauben werden dafür gerne von den Rehen gefressen, die sich vor allem im Frühjahr im Weinberg gerne an den Jungtrieben bedienen.
Zehn Hektar eingezäunte Maisfelder und fünf Hektar eingezäunter Wald bedeuten viel Arbeitsaufwand für die Jagdpächter, zumal die Zäune täglich kontrolliert werden müssen. Da ist es wichtig, dass die Jäger bei Drückjagden zusammenhalten. Doch gibt es immer wieder Privatwaldbesitzer, die sich nicht an die Termine halten, weswegen manche Drückjagd nicht so erfolgreich ist, wie sie sein könnte.
Der Strukturwandel in der Landwirtschaft macht dem Jagdpächter den Wildschadenersatz immer weniger kalkulierbar, weshalb die Jäger jetzt auf neue Wege hoffen, die beispielsweise die Gemeinde St. Johann im Landkreis Reutlingen geht. Dort wurde eine Wildschadensausgleichskasse auf freiwilliger Basis gebildet, in die Jäger und Gemeinde einzahlen. Landwirte sollen genaue Informationen über Saatzeiten geben und als Treiber bei Drückjagden helfen. „Ein solches Projekt würde uns helfen“, sagt Herbert Rottner, der in dieser Sache jetzt gemeinsam mit den anderen Jägern auf die Verwaltung zugehen will.
