„Könnt ihr das nicht fertig anstreichen?“
Großglattbach (rkü). Zwei Jahre lang wurde an der historischen Bausubstanz gearbeitet, heute Abend findet die Wiedereinweihung der Großglattbacher Petrikirche statt. Das Gotteshaus, das um das Jahr 1300 erbaut wurde, erstrahlt in neuem Glanz. Allerdings nicht überall – an einigen Stellen blieben Boden und Decke im Ursprungszustand.
Friedemann Glaser, der seit dem Jahr 2005 als evangelischer Pfarrer für Großglattbach zuständig ist, erklärt die scheinbar unvollendeten Arbeiten: „Das Denkmalamt wollte von uns, dass man das Alte noch sehen kann.“ Darum gilt der Eingang an der Seite des Kirchenschiffs als Haupteingang. Dieser führt über neu gestalteten Steinfußboden direkt zu den Sitzplätzen. Wer den Eingang im Glockenturm nutzen würde, müsste über die alten Steinplatten, die hier und da eine Stolperfalle bieten. Dafür sehen sie urig aus – so wie der gesamte Bereich des Glockenturms auf der Westseite. Denn auch die Empore wurde weitgehend belassen. „Wir haben sie geputzt, aber sonst nicht viel gemacht“, sagt der Pfarrer. Das sei auch vom Denkmalamt so gewünscht gewesen. Die Tatsache, dass auch die Decke der Kirche in dem Bereich der Empore nicht gestrichen wurde, habe schon so manchen Großglattbacher zu der Frage verleitet: „Könnt ihr das nicht fertig anstreichen?“
Ursprünglich sollte das morsche Gebälk im Dach der Petrikirche saniert werden. Doch schnell wurde klar: Das reicht nicht, um das denkmalgeschützte Gotteshaus auf Dauer zu erhalten. Bei den Arbeiten stellte sich zudem heraus, dass die Nordseite der Kirche feucht, im unteren Bereich sogar völlig durchnässt war. Also musste Erdreich abgegraben und die Wand getrocknet werden. Um das Gemäuer dauerhaft trocken zu legen, soll der neu geschaffene Graben im Außenbereich erhalten bleiben. Unterm Strich verweist die Kirchengemeinde jetzt auf zwei Jahre Bauarbeiten und Kosten in Höhe von 140000 Euro. Rund 60000 Euro blieben an der Kirchengemeinde hängen, erläutert Glaser. Daneben habe es viele Spenden gegeben, außerdem flössen Zuschüsse vom Landesdenkmalamt, der Landesdenkmalstiftung und dem Kirchenbezirk. Für das Bauprojekt war die Kirchengemeinde auf das große Engagement ehrenamtlicher Helfer angewiesen, die insbesondere bei den Bodenarbeiten zum Einsatz kamen.
Die Petrikirche mitten im Kern von Großglattbach hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Erbaut wurde sie in mehreren Schritten. Ein Wehrturm auf der westlichen und ein kleiner Wohnturm auf der östlichen Seite wurden in den Bau einbezogen. Zwischen die vorhandenen Türme wurde das Kirchenschiff eingebaut. Der frühere Wehrturm dient heute als Glockenturm, der Wohnturm als Chorraum. Die Kirche selbst wurde schon Mitte des 19. Jahrhunderts zu klein für die Gottesdienste der Gemeinde. Diese wurden fortan in der Markuskirche am Friedhof abgehalten. Die Petrikirche diente im 20. Jahrhundert zunächst als Turnhalle, später einige Zeit als Kindergarten und danach als Fabrik, wovon auch stabile Betonböden zeugten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg begann auch die katholische Kirchengemeinde, Gottesdienste in der Petrikirche zu halten. Diese fanden zuletzt einmal im Monat statt, bis die Bauarbeiten begannen. Auch künftig wollen sich evangelische und katholische Kirchengemeinde die Räume teilen. Die Katholiken stellten als Ausstattung Altar, Ambo und Tabernakel zur Verfügung. An den Wänden sind auch wieder zahlreiche Ikonen zu sehen. Maria Koczy aus Großglattbach ist bekannt für ihre Kunst, Ikonen zu schreiben.
Heute Abend findet ein feierlicher Gottesdienst zur Wiedereinweihung der Petrikirche statt. Die evangelische und die katholische Kirchengemeinde mit ihren Pfarrern Friedemann Glaser und Claus Schmidt sind bei dem ökumenischen Gottesdienst vereint. Begonnen wird die feierliche Zeremonie im Freien, bevor die Gemeinden gemeinsam in die Kirche einziehen und sie symbolisch wieder in Besitz nehmen. „Die 80 Stühle werden dieses Mal nicht reichen“, schätzt Glaser, der sich auf viele Besucher freut. Anschließend an den Gottesdienst, der um 18 Uhr beginnt, ist ein Stehempfang geplant.
Die Iptinger Kirchengemeinde, in der Glaser bereits seit 2002 als Pfarrer wirkt, spendierte den Nachbarn aus Großglattbach die Kerzenhalter und das modern gestaltete Kreuz für den Altar. Stühle statt Kirchenbänke – diese Entscheidung haben die Großglattbacher ganz bewusst gefällt, um in der Nutzung des Kirchenraums auch für andere Veranstaltungen flexibel zu sein.
Über die künftige Nutzung der Petrikirche macht sich Pfarrer Glaser schon seine Gedanken. „Unsere Hauptkirche bleibt die Markuskirche, gar keine Frage. Aber hier könnte ich mir ein kleines Kulturprogramm vorstellen: Konzerte, vielleicht Ausstellungen und natürlich Gottesdienste.“ Beispielsweise mit den Kindern aus der benachbarten Schule. Diesen würde Glaser die Kirche auch zur Verfügung stellen, wenn sie einen Raum für Aufführungen benötigen. Mit der Schule will er aber auch zusammenarbeiten, wenn es um die Heimatgeschichte geht. Denn die Kirche hatte schon vor langer Zeit große Bedeutung auch in kriegerischen Zeiten – im Dachbereich waren Fluchtstuben eingebaut, in die sich die Einwohner bei Gefahr zurückziehen konnten. Eine dieser Stuben wurde im Zug der Sanierungsarbeiten hergerichtet. Ganz im Sinn des Denkmalschutzes, der die Erinnerung an frühere Einrichtung und Nutzungsweisen erhalten will.
