Peinliche Verwechslung im Vaisana
Vaihingen (elf) – Weil ihr die Atmosphäre im Vaihinger Ärztehaus Vaisana nicht diskret genug gewesen ist und sie dort mit der ärztlichen Betreuung nicht mehr zufrieden war, entschloss sich eine Patientin dazu, den Arzt zu wechseln. Hierfür forderte sie ihre komplette Unterlagen und Befunde an. Als sie zuhause den Umschlag öffnete, stellte sie Unglaubliches fest: Sie bekam den kompletten Krankheitsverlauf einer ihr völlig fremden Frau ausgehändigt.
Patricia R. (Name von der Redaktion geändert) aus einem Vaihinger Stadtteil steht die Fassungslosigkeit immer noch ins Gesicht geschrieben, obwohl die Angelegenheit schon ein ganzes Jahr zurückliegt. „Der Vorfall bestätigt, dass es richtig war, den Arzt zu wechseln“, sagt sie. „Die sind dort total überlastet.“
Aufgrund ihrer Krankheit muss sie regelmäßig den Arzt aufsuchen. Bis zum Sommer 2008 hat sie dies im Vaihinger Ärztehaus getan. Doch dort missfiel ihr zusehends die fehlende Anonymität an der Anmeldung. „Wenn ich eine Überweisung benötigt habe, war es mir unangenehm, sagen zu müssen, warum ich zum Psychologen muss“, erinnert sie sich. „Und hinter mir zahlreiche andere Patienten, die alles mitgehört hatten.“ Außerdem hätten dort ihrer Meinung nach zu viele Beschäftigte (Ärzte und Sprechstundenhilfen) Zugriff auf die Patientendaten. „Da herrscht eine richtige Bahnhofsatmosphäre.“ Auch versteht sie es nicht, warum sie im Vaisana eine Überweisung nicht umgehend oder wenigstens innerhalb des gleichen Tags ausgehändigt bekam. Patricia R.: „Ich musste immer zweimal hinfahren.“
Hinzu kam ihre Unzufriedenheit mit der ärztlichen Betreuung, so dass sie sich im Sommer 2008 zu einem Arztwechsel entschloss. Also rief sie im Ärztehaus an und verlangte ihre gesamten Unterlagen, die Befunde und ergriffene Maßnahmen dokumentierten. Die könne sie in zwei bis drei Tagen abholen, lautete die Antwort. Doch statt ihre eigenen Patientendaten bekam sie die einer Fremden in die Hand gedrückt – mit Angaben zu Diagnosen, Laborwerten, Medikation, Röntgenbefunden und Therapieverlauf. „Ich bin erstmal tierisch erschrocken und traute meinen Augen nicht“, sagt Patricia R. Bei den Daten zum Krankheitsverlauf eines Patienten handele es sich um „äußerst private Dinge“. Schnell stellte sie sich die Frage, ob mit ihren eigenen Daten auch so umgegangen wurde. „Wie soll man da noch Vertrauen zu einem Arzt haben“, schüttelt Patricia R. den Kopf. Lange hat sie sich überlegt, wie sie damit umgehen soll. Als sie jüngst in der VKZ den Leserbrief einer Frau las, die nach einem EKG im Ärztehaus Vaisana vergessen wurde, reifte in ihr der Entschluss, die Angelegenheit öffentlich zu machen.
„Für so etwas gibt es grundsätzlich keine Entschuldigung. Das ist eine Situation, die überhaupt nicht vorkommen darf“, sagt Katreen-Christiane Hein-Sauer, Ärztin und Geschäftsführerin im Ärztehaus Vaisana. Bei dem Vorkommnis handele es sich nicht um ein Vaisana-Problem. Vielmehr könne eine solche Verwechslung „in jeder Praxis in Deutschland vorkommen“. Dies liege einerseits an der EDV-Archivierung der Patienten. Die führe mitunter dazu, dass am Monitor ein völlig anderer Patient angezeigt wird. Die Behandlung würde dies nicht tangieren, da die Ärzte ihre Patienten kennen und Auffälligkeiten gleich feststellen würden. Rund 77000 Patienten sind im Vaihinger Ärztehaus gespeichert – eine Unmenge an Daten von einer Vielzahl Menschen. Dumm nur, wenn die Sprechstundenhilfe nicht sorgsam genug ist. „Bevor einkuvertiert wird, sollten die Daten kontrolliert werden“, so Hein-Sauer.
Unerklärlich sei es für sie, warum die Unterlagen überhaupt an die Patientin gingen. Normalerweise würden die Patientendaten vollständig direkt an den neuen Arzt gehen. Werden auf diesem Weg falsche Unterlagen verschickt, sei der Schaden begrenzt, weil nichts in die falschen Hände gerät. Diese Vorgehensweise rege im Übrigen auch die kassenärztliche Vereinigung an. Verwunderung äußert Hein-Sauer darüber, dass Patricia W. erst ein Jahr danach an die Öffentlichkeit ging und dann auch noch angestoßen von einem Leserbrief. „Wir behandeln täglich 400 bis 500 Patienten erfolgreich und dann nach zwei Jahren der erste negative Leserbrief und eine solche Reaktion.“ Das sei schade, wenngleich klar sei: „Das hätte nicht passieren dürfen.“