Donnerstag, 24. Mai 2012

Ein Försterleben ist viel zu kurz






Frieder Schwarz und  mächtige Douglasien. Foto: Rücker
Frieder Schwarz und mächtige Douglasien. Foto: Rücker

Kleinglattbach (sr) – Mit einem lachenden und einem weinenden Auge kann Forstdirektor Frieder Schwarz in diesem Jahr in die Wipfel schauen. Der Wald stehe zwar satt und gut da, doch von der globalen Krise sei auch die Forstwirtschaft nicht verschont geblieben. Eine Waldbegehung im Bartenberg.
 Bei der Fahrt durch den Bartenberg in Kleinglattbach, vorbei an Eichen und Buchen, unter dem grün schimmernden Blätterdach, gerät Frieder Schwarz ins Schwärmen. Seit 22 Jahren ist er Forstamtsleiter in Vaihingen. Es sei enorm, wie sich die Waldbilder während dieser Zeit verändert hätten, sagt er. Aus kleinen Bäumchen zu Beginn seiner Zeit in Vaihingen seien nun Wälder geworden, „viele Babys von mir“, schmunzelt Schwarz, Leiter des Fachbereichs Forsten beim Landratsamt Ludwigsburg. Darunter befinden sich auch Speierlinge und Elsbeeren, die Schwarz als „großer Freund von Raritäten“ pflanzen ließ. Eigentlich sei so ein Försterleben doch viel zu kurz, fügt er noch hinzu.
In diesem Jahr würzt der Anblick der Bäume im Landkreis Ludwigsburg das zu kurze Leben von Schwarz und seinen Kollegen mit Freude. Von „allem Bösen“ sei diese Region in den letzten Monaten verschont geblieben. Eine sehr gute Winterfeuchtigkeit habe für einen guten Start ins Frühjahr gesorgt. Da war genug Wasser vorhanden, um „richtig voll und satt auszutreiben“. Außerdem habe der Wald weder unter Schwamm- und Prozessionsspinnern, Borkenkäfern noch Stürmen gelitten. Auch der verregnete Juli förderte die gute Laume beim Förster, denn dadurch sei die Vegetationszeit verlängert, die Blätter noch satt grün. Insgesamt gute Voraussetzungen für Laub mit schöner Herbstfärbung.
Einziger Wermutstropfen ist eine neue Krankheit, die punktuell der Esche zusetzt. Zweige und Äste werden braun und trocken, Blätter verwelken und die Ursache liegt noch im Dunkeln. Langfristig wird die Esche, zusammen mit dem Ahorn, eine größere Rolle als heute spielen, sagt Frieder Schwarz. Beide Baumarten können Stickstoffverbindungen aus der Luft, die unter anderem aus Abgasen stammen, für ihr Wachstum nutzen.
Nach diesen überwiegend guten Nachrichten thematisiert Schwarz die betriebswirtschaftliche Lage. Noch sei man im grünen Bereich, doch gegenüber 2008 seien die Zahlen deutlich schlechter. Schwarz: „Große Exportfirmen haben viel weniger und zu wesentlich niedrigeren Preisen gekauft.“
Lagen die Durchschnittserlöse bei der Eichensubmission 2008 für den Festmeter noch bei 420 Euro, so betrugen sie in diesem Frühjahr nur noch 240 Euro. „Ein gravierender Einschnitt“, so Schwarz. Im gesamten Unterland stellen die Eichen einen Wirtschaftsfaktor dar. In der Stadt Vaihingen und den beiden großen Strombergdistrikten überwiegen die Standortvorteile für die Eiche, in Eberdingen und Hemmingen bieten sich Boden und Klima dagegen eher für die Buche an.
Immer wieder greift nicht nur die Natur, sondern auch der Förster regulierend in das Waldgefüge ein. Der alte Spruch „wie schön hat es die Forstpartie, der Wald der wächst auch ohne sie“ ist im Grunde nicht verkehrt, doch der Forstmann hat genug zu tun. Esche und Ahorn wird er beispielsweise in Schach halten, um wunderschöne Eichen zu bewahren, sagt Schwarz. Ein Blick in Richtung Boden zeigt dem Waldspezialisten, dass aus den vielen Eicheln vom letzten Jahr einige kleine Bäumchen gewachsen sind. Auch hier wird der Förster regulieren und lenken und an geeigneten Stellen diese Naturverjüngung unterstützen.
 „Die Eiche ist eine extreme Lichtbaum-art“, erklärt Schwarz, „da muss man das Kronendach für den Nachwuchs aufmachen, sonst gehen die Jungbäume ein.“ Mit Kahlschlag habe das dann nichts zu tun. Eichenkulturen seien extrem aufwendig in der Pflege. Immerhin ist die Eiche laut einer Allensbach-Umfrage der Lieblingsbaum der Deutschen. Insofern bereitet der Anblick des stolzen Baumes vielen Spaziergängern Freude. Zur Steigerung einer von vielen als ansprechend empfundenen Optik und der Holzqualität verfügen die Förster über eine verblüffende Taktik. Um den Stamm von kleinen Ästchen, die dem Baum das Aussehen einer „Klobürste“ verleihen würden, frei zu halten, darf eine dienende Baumart neben der Eiche wachsen. Es ist die Hain- oder Weißbuche. Sie kommt der Eiche im Kronenbereich nicht in die Quere, beschattet aber den Stamm und lässt auf diese Weise die Astaugen schlafen.
Insgesamt bewege sich der Förster bei der Pflege und Nutzung des Waldes in einem Netz von Restriktionen, die zu einem großen Teil selbst auferlegt sind, sagt Schwarz. In Bannwäldern, wie im Sommerrain im Kirbachtal oder im Rotenacker in Bietigheim, herrscht zum Beispiel der Urwald. Schwarz: „Hier wird überhaupt nichts gemacht, außer die Wanderwege gesichert.“ Die Entwicklung dieser Wälder wird wissenschaftlich begleitet.
Auch im Schonwald, im Naturpark, in Natura-2000-Gebieten sowie weiteren besonderen Schutzkategorien ist die Arbeit der Förster von Regeln und Gesetzen beeinflusst. Beispielweise gebe es vor allem im Zusammenhang mit den Flora-Fauna-Habitat-Gebieten und mit dem Artenschutz ein Alt- und Totholzprogramm, das nun nach und nach umgesetzt werde. Hierzu gehört beispielsweise, Bruchholz stehen und liegen zu lassen, was ein Umdenken bei den Waldarbeitern voraussetze.
Die Angst als „faule Kerle“ tituliert zu werden, muss dabei abgelegt werden. Doch Schwarz ist voll des Lobes: „Die Waldarbeiter ziehen mit.“ Und auch die Förster haben Totholz und Spechthöhlen schon länger im Blick. Schwarz: „Mancher Revierförster hat bei der Suche nach Spechtlöchern Genickstarre erlitten.“ Diese Bäume seien auch seither nicht gefällt worden, damit sie noch lange Zeit vielen Tierarten eine Heimat sein können.
In langen Zeiträumen denken, das zeichne den Förster aus. Das werde mitunter belächelt, von manchen aber auch beneidet, sagt Forstdirektor Schwarz: „Wir sind Exoten in dieser hektischen Zeit.“




Seitenanfang