Vaihingen (sv). Fast selbstverständlich begleitet der Glockenton der Vaihinger Stadtkirche das alltägliche Leben auf Marktplatz und Umgebung. Die wechselhafte Geschichte der fünf läutenden Schwergewichte zeigt eine Ausstellung in der Stadtkirche am Sonntag (13. September), dem „Tag des offenen Denkmals“.
Man fühlt sich schon ein wenig an das Lied „Stairway To Heaven“ erinnert, wenn man die steilen Stufen im Inneren der Vaihinger Stadtkirche erklimmt. Die Treppe führt aber nicht in den Himmel, sondern in die Glockenstube, in der vier der fünf Glocken hängen. Nur das Silberglöcklein, 1621 gegossen und damit der älteste Schallkörper im Gotteshaus, befindet sich ein paar Meter über den anderen.
Wer die bis zu 1200 Kilogramm schweren Schlaginstrumente nicht nur hören, sondern auch einmal sehen möchte, für den bietet die Kirchengemeinde am Sonntag drei Führungen auf den Turm an. Dr.Christoph Schöll wird interessierten Besuchern in diesem Rahmen auch die Glockenstube zeigen. Anlass ist der bundesweite „Tag des offenen Denkmals“, bei dem die evangelische Kirchengemeinde Vaihingen bereits seit 15 Jahren dabei ist.
„Von 1989 bis 2001 wurde die Kirche renoviert, dabei haben wir bemerkt, dass es hier viele ausgesprochen interessante und spannende Sachen zu entdecken gibt“, erklärt Dekan Hartmut Leins das Engagement der Kirchengemeinde. Jede Auflage hatte einen anderen Schwerpunkt. So war die Farbgebung der Kirchenfenster schon Thema, genauso wie Tierabbildungen im Gotteshaus. Leins lacht: „Nach 15 Jahren fällt einem dann fast nichts mehr ein.“
Für kommenden Sonntag hat der Vaihinger Dekan aber dennoch ein Thema gefunden. Es soll um die Glocken der Stadtkirche gehen, die die Stadt an der Enz seit Jahr und Tag beschallen. Da bietet es sich an, gleichzeitig den fünfzigsten Jahrestag der jüngsten Vaihinger Glocke zu feiern. Seit 1959 ist die Kreuzglocke im Dienst.
Der 950 Kilogramm schwere Zeitansager wurde damals von Fabrikant Friedrich Häcker gestiftet. Dabei wurde Häcker nicht mit offenen Armen aufgenommen – im Gegenteil. Der Kirchengemeinderat versuchte zunächst, den Spender von seinem Plan abzubringen und sagte aus, dass das vorhandene Geläut völlig genüge und die Geldmittel für andere Gemeindeaufgaben viel dringender benötigt würden. Häcker setzte sich durch – und finanzierte letzten Endes sogar die Erweiterung des Läutewerks, um das Anbringen der Kreuzglocke möglich zu machen.
Der Jubilar trägt übrigens neben einer Inschrift, die über den Spender informiert, auch noch eine biblische Inschrift, nämlich die Aufforderung „Wachet und betet“ aus dem Matthäus-Evangelium. Außerdem ist auf dem Klangkörper eine Abbildung Jesu zu sehen, wie er im Garten Gethsemane in der Nacht vor seiner Kreuzigung betet.
Diese Bibelstelle wird am Tag des offenen Denkmals auch Thema von Leins’ Predigt sein. Außerdem hatte der Dekan Kontakt mit den Enkeln des Glockenspenders und wird auch von persönlichen Umständen berichten, die zur Schenkung des jüngsten Schwergewichts führten.
Der Vorgänger der Kreuzglocke war 1942 dem Nazi-Regime zum Opfer gefallen. „Zur Stärkung der deutschen Metallreserve für Kriegszwecke auf lange Sicht“, wurden damals fast 80 000 Glocken entwendet, die nie auf ihre Türme zurückkehrten.
„Die Ablieferung von Kirchenglocken ist ein spannendes Thema, bereits im Ersten Weltkrieg musste Vaihingen zwei oder drei Glocken abgeben“, berichtet Dekan Leins. „Es ist haarsträubend, dass außgerechnet Glocken, der Inbegriff von Friedenssymbolen, zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurden.“ Experten vermuten, dass das Einschmelzen der massiven Klangkörper den Nationalsozialisten auch ideologisch in die Karten spielte.
Eine der abgelieferten Glocken kam aber wie durch ein Wunder wieder in die Enzstadt zurück. Die Zeichenglocke von 1698 wurde nicht eingeschmolzen, sondern stand auch noch bei Kriegsende auf dem sogenannten „Glockenfriedhof“ in Ulm. Da die Vaihinger ihre Glocke vor der Ablieferung gekennzeichnet hatten, wurde sie identifiziert und 1947 wieder an ihren angestammten Platz zurückgebracht.
Die gesamte Geschichte der Vaihinger Glocken wird am Sonntag in der Stadtkirche nochmals ausführlich veranschaulicht. Die Ausstellung umfasst vier Informationstafeln, die im Gotteshaus stehen werden.
