Vaihingen (sv). Menschen, die einst nur wenige Häuser trennten, trennen jetzt Ozeane – die Vertreibung der Deutschen aus Jauernig hat dazu geführt, dass sich die ehemaligen Bewohner der Stadt über den ganzen Erdball verstreut haben. Am Wochenende lädt der Heimatbund Jauernig alle Landsleute in die Patenstadt Vaihingen ein.
Wenn es um die Vertreibung der Sudetendeutschen oder um den Kreis Vaihingen in der Nachkriegszeit geht, kann Helmut Maschek einige Anekdoten aus seinem Leben erzählen. Nicht selten hängt der Zuhörer bereits nach wenigen Minuten an seinen Lippen, um keinen Satz der persönlich erlebten Zeitgeschichte zu verpassen. Maschek wurde 1946 aus Jauernig vertrieben und lebt seitdem in Vaihingen, wo er als Leiter der Geschäftsstelle und Museumspfleger seinen Teil dazu beiträgt, dass die deutsche Geschichte Jauernigs auch in der neuen Heimat erhalten bleibt.
Fest verankert im Veranstaltungskalender sind dabei die Jauerniger Heimattage, die der Heimatbund Jauernig am Wochenende zum 27. Mal veranstaltet. Das Festprogramm startet am Freitag mit einem Treffen der Teilnehmer im Heimatmuseum Jauernig am Kirchplatz.
Am Samstag folgt die Hauptversammlung des Heimatbundes im Rathaus, später eine Totenehrung auf dem Friedhof und am Abend ein gemütliches Beisammensein im Löwensaal. Am Sonntag findet schließlich ein Festgottesdienst in der katholischen Kirche statt, anschließend werden die Teilnehmer in der Stadthalle von Oberbürgermeister Gerd Maisch empfangen.
Offizielle Verbindungen zwischen Vaihingen und Jauernig bestehen seit 1955, als die Stadt an der Enz die Patenschaft für Javorník, wie die Stadt mittlerweile amtlich heißt, übernahm. Maschek erzählt: „Der Zug, der uns Vertriebene in die Bundesrepublik brachte, ist am 6. Oktober losgefahren. Nach dem Durchgangslager rollte er weiter. Einige Waggons fuhren nach Sinsheim, einige nach Ludwigsburg und die restlichen nach Vaihingen. Ein Soldat sagte uns dann, wir Jauerniger sollten uns bemühen, in den Zug nach Vaihingen zu kommen, weil Vaihingen unserer Heimatstadt charakterlich ähneln würde.“ Der Soldat hatte recht. Wie Jauernig besitzt Vaihingen ein Schloss als Wahrzeichen. Außerdem war Vaihingen, sagt Maschek in einem VKZ-Gespräch, zu diesem Zeitpunkt etwa so groß wie Jauernig vor Kriegsbeginn.
„Ich habe immer versucht,
diese Patenschaft mit
Leben zu erfüllen“
Helmut Maschek, Museumspfleger
Der Museumspfleger hat sich immer für die Verbindung zwischen neuer und alter Heimat ausgesprochen: „Ich habe immer versucht, diese Patenschaft mit Leben zu erfüllen.“ Zur Verdeutlichung der Bande zwischen den zwei Städten gibt es neben der bekannten Skulptur auf dem Vorplatz der Stadthalle auch ein Stifterfenster im Rathaus und ein Ehrenmal auf dem Friedhof.
Bei den Heimattagen, die seit 1955 stattfinden, haben sich die Jauerniger in der Enzstadt immer wohl gefühlt. „Die Patenschaft hat auch bewirkt, dass sich die Jauerniger in ganz Deutschland gut integriert haben“, stellt Maschek klar.
Doch nicht nur ins Bundesgebiet hat es die Deutschen aus dem Städtchen an der heutigen polnisch-tschechischen Grenze verschlagen.
„Es gibt auch Jauerniger in Australien“, weiß der Organisator. An vergangenen Heimattagen, so Maschek weiter, nahmen schon Landsleute aus Kanada und den Vereinigten Staaten teil. Wie viele Teilnehmer am Wochenende erwartet werden, ist schwer zu sagen.
Der Museumspfleger: „Die Zahl der Teilnehmer nimmt ab, die Leute werden älter und können aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr reisen. Früher waren auch mal 1000 Leute da, heute wären wir über 400 oder 500 Teilnehmer froh.“
