Donnerstag, 24. Mai 2012

Der Stadtkämmerer geht




Stadtkämmerer Jürgen Liegmann, seit 22 jahren in Vaihingen. Foto: Bögel
Stadtkämmerer Jürgen Liegmann, seit 22 jahren in Vaihingen. Foto: Bögel

Vaihingen (ub). Er ist nicht nur ein Meister der Zahlen, sondern auch des feinsinnigen Humors. „Mit Nullen kann ich nicht so. Weder bei den Zahlen, noch bei den Menschen“, sagt Jürgen Liegmann. Seit 22 Jahren ist er Stadtkämmerer in Vaihingen, hat in dieser Zeit mit den Haushalten einen Umsatz von 1,2 Milliarden Euro „gemacht“. Am 1. März 2010 hat der in Lomersheim wohnhafte Liegmann seinen ersten Pensionstag. „Das ist genau der richtige Zeitpunkt.“
 Er ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt. „Die Öffentlichkeit ist mein Begehren nicht“, formuliert es der Vaihinger Finanzchef. „Ich freue mich mehr, wenn ich einen ausgeglichenen Haushalt vorlegen kann.“ Doch wenn Liegmann in die Öffentlichkeit muss, kneift er nicht, steht am Rednerpult galant seinen Mann. Bei den Sportlerehrungen der Stadtverwaltung und der Vaihinger Kreiszeitung moderierte er, streute seine Bonmots ein. Beim Traditionsfest Maientag war der belesene Stadtkämmerer für den Umzug verantwortlich und fuhr am frühen Samstagmorgen die Birken aus. „Das mit den Birken mache ich weiter, das habe ich versprochen“, sagt er. Den nächsten Maientagsumzug verfolgt er aber nur noch als Privatmann.
Der Haushalt 2010
verantwortet Liegmann noch
Mit 63 Jahren lässt sich Jürgen Liegmann in den vorzeitigen Ruhestand versetzen. Das hat private Gründe, aber die Zäsur passt auch geschäftlich. Den Haushalt 2010 verantwortet Liegmann noch, aber die Einführung des neuen kommunalen Haushaltsrechts will der in Mühlacker aufgewachsene Finanzmann nicht mehr mitmachen. Das ist die Sache für den Nachfolger – gestern endete für die A15-Stelle im Vaihinger Rathaus die Bewerbungsfrist.
Die sechsjährige Ausbildung zum gehobenen nichttechnischen Verwaltungsdienst durchlief Liegmann in Wurmberg, Lomersheim und auf dem damaligen Landratsamt Vaihingen. Nach der Staatlichen Verwaltungsschule in Stuttgart arbeitete Liegmann zwei Jahre als Kämmerer in der zu dieser Zeit noch selbstständigen Gemeinde Lomersheim, dann zwei Jahre beim Regierungspräsidium Stuttgart, wo er für den Grunderwerb beim Straßenbau zuständig war. Ab 1971 dann die „Böblinger Zeit“: Drei Jahre lang baute Liegmann hier die Datenbearbeitungsstelle auf, war dann sechs Jahre stellvertretender Kämmereileiter und weitere sechs Jahre Leiter des Schul- und Sportamtes. „Das war eine sehr schöne Zeit“, sagt Liegmann rückblickend. Hochkarätige Sportveranstaltungen standen genauso auf der Agenda wie die Unterhaltungssendung „Verstehen Sie Spaß“.
Am 1. August 1987 wechselte Liegmann als Stadtkämmerer nach Vaihingen – als Chef einer Kämmerei, bei der auch Schule, Sport und Kultur angesiedelt waren und teilweise noch sind. Es war auch die Zeit der Stadtkernsanierung und der Zuschüsse. „Spannende Jahre, die das Geschäft des Kämmerers nicht trocken erscheinen lassen“, so der Haushaltsexperte.
Der Chef der Finanzverwaltung bestimmt zwar nicht, wo und wann welche Mittel eingesetzt werden, aber er kann an der strategischen Ausrichtung arbeiten, kann im Zusammenspiel mit dem Oberbürgermeister und dem Gemeinderat Weichen stellen. Bekannt ist, dass Jürgen Liegmann ein vorsichtiger Rechner ist. Bremsen in Zeiten, wo die Einnahmen kräftig sprudeln, investieren in einer Phase, in der das Handwerk Aufträge braucht.
Die relativ steuerschwache Stadt Vaihingen verzichtet auf Luxusprojekte, stellt den Schuldenabbau und die Pflichtaufgaben in den Vordergrund. „Als ich meine Tätigkeit in Vaihingen begann, wurde zwar auch schon von Feuerwehr und Bauhof gesprochen, aber schnell war klar, dass wir nur Schulen, Kindergärten und die Stadtkernsanierung ernsthaft bedienen können“, erinnert sich Liegmann. 1994, 1998, 2004 und 2006 dann die vier Sparrunden des Gemeinderats – umgerechnet 2,8 Millionen Euro wurden hier als Konsolidierungsvolumen generiert. Jetzt sieht Liegmann allerdings die Grenze des Sparens erreicht: „Wir sind an der Grenze zur Handlungsfähigkeit.“ Klar ist für ihn deshalb, dass es beim Etat 2010 einen Griff in die Rücklage geben muss, um den Haushalt auszugleichen. Mit 1,7 Millionen Euro rechnet Liegmann; angesichts von 25 Millionen Euro, die sich auf der hohen Kante der Stadt befinden, ein überschaubarer Betrag.
Neben dem Ansparen der Rücklage, in der auch die Aktienerlöse stecken, ist für Liegmann der Abbau der Schulden wichtig. „Durch eine hohe Verschuldung bindet man sich, nimmt sich Gestaltungsräume.“ Die Entschuldung stand nach dem Haushalt 2000, bei dem sich 25 Millionen Euro Miese angesammelt hatten, konsequent im Vordergrund. „Das war ein Wendepunkt“, sagt heute Liegmann. Zum 1. Januar 2009 beträgt der Schuldenstand der Stadt Vaihingen noch 11,4 Millionen Euro. „So kann ich zufrieden auf die Entwicklung der Stadtfinanzen schauen.“
„Es ist wie daheim
mit der Haushaltskasse“
Stadtkämmerer Jürgen Liegmann
Wenn Liegmann von seinen Finanzen redet, setzt er auf einfache und klare Worte. „Man muss sich an den Adressaten der Worte hineindenken können“, sagt der 63-Jährige. Mit wenigen Begriffen probiert Liegmann, den Kommunalpolitikern den Haushalt nahe zu bringen. „Es ist wie daheim mit der Haushaltskasse.“ Deshalb versucht der Kämmerer auch nicht, den kommunalen Finanzausgleich, der mit 9,6 Millionen Euro den zweitgrößten Einnahmeposten der Stadt ausmacht, zu erklären. „Ich verstehe ihn im Grundwesen, aber mehr auch nicht.“ 12,2 Millionen Euro ist der Anteil der Einkommenssteuer, acht Millionen Euro die Gewerbesteuer, 3,5 Millionen Euro die Grundsteuer – diese Summen, die die aktuellen Haupteinnahmen der Stadt sind, hat Liegmann parat.
Liegmann, verheiratet, vier Kinder, freut sich auf den Ruhestand. Der passionierte Koch – „meine Soßen sind weltberühmt“ – hat dann Zeit für seine Hobbys. So will er auf jeden Fall den Westweg von Pforzheim nach Basel wandern. Mit 17 Jahren legte er diese Strecke das erste Mal zurück. „Mit meinen dann 64 Jahren gehe ich die Sache gemütlicher an.“ Ganz werden ihn die Finanzen auch Zuhause nicht loslassen. Die drei Jungs von Liegmann sind noch in der Ausbildung, da muss mit dem Geld schon kalkuliert werden. Aber vorsichtig, so wie es Jürgen Liegmann 22 Jahre in Vaihingen praktiziert hat.




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