Donnerstag, 24. Mai 2012

Offene Türen auf der Deponie


die Deponie Burghof kann am Samstag besichtigt werden. Foto: Arning
Die Deponie Burghof kann am Samstag besichtigt werden. Foto: Arning

Horrheim (aa) – So ändern sich die Zeiten. Vor 33 Jahren gab es einen Protestzug vors Ludwigsburger Landratsamt. Die Mülldeponie zwischen Horrheim und Gündelbach sollte unbedingt verhindert werden. Inzwischen gehört der „Burghof“ so selbstverständlich zum Erscheinungsbildes des Mettertals, dass sogar das 30-jährige Bestehen gefeiert wird.
Als eine Erfolgsgeschichte wird die Entwicklung der Deponie von der Abfallverwertungsgesellschaft des Landkreises Ludwigsburg (AVL) gerühmt. An dieser Erfolgsgeschichte soll auch die Bevölkerung teilhaben. Auf einer der größten Deponien des Landes Baden-Württemberg stehen am Samstag (27. September) zwischen 10 und 17 Uhr alle Türen offen. Die AVL will auf drei turbulente Jahrzehnte zurückblicken und sich zur Zukunft der Deponie äußern. „Wir haben durchaus das Gefühl, dass sich die Menschen für die Deponie interessieren“, sagt Albrecht Tschackert, der AVL-Abteilungsleiter Technik. Und Deponieleiter Peter Maier kann da nur zustimmen: „Es werden bei uns ständig auch noch Führungen angeboten.“
Manche interessieren sich fast zu sehr für den „Burghof“. Das musste Maier am vergangenen Wochenende feststellen. Da räumten Diebe die Werkstatt komplett aus. Der Schaden liegt bei rund 30000 Euro (siehe auch Polizeibericht). Am Samstag hofft man auf ehrliche Gäste und bietet ein abwechslungsreiches Programm mit Einblicken in die Deponietechnik und die Abfallwirtschaft.
Schon als die Deponie „Burghof“ 1978 in Betrieb ging, setzte sie Zeichen: als europaweit erste Großumschlagstation mit spe-ziell dafür entwickelten Großcontainerfahrzeugen. Bereits damals organisierte die AVL einen Tag der offenen Tür, um stets im persönlichen Kontakt zur Bevölkerung zu bleiben. Rund 1000 Besucher informierten sich über die Abläufe auf der Deponie und die ehrgeizigen Vorhaben,denn vom ersten Tag an wurde der „Burghof“ als Testfeld genutzt, um abfallwirtschaftlich neue Wege zu gehen. Ständige bauliche Veränderungen und Verbesserungen folgten.
Zu Beginn der 80er Jahre befasste sich die Universität Stuttgart bei einem Forschungsprojekt auf dem „Burghof“ mit einer Sortierungsanlage für Hausmüll samt anschließenden Kompostierversuchen. Es schlossen sich Experimente mit einer Gas-Trennanlage zur Erzeugung von Treibstoff für die Deponiefahrzeuge an.
Unabhängig von dieser Gas-Trennanlage gehört eine Entgasungsanlage zu den obligatorischen Umweltschutzeinrichtungen einer modernen Deponie. Diese stets weiterentwickelten Anlagen vermeiden auch auf dem „Burghof“ weitgehend Gerüche, beugen Brand- und Explosionsgefahr vor, schützen die Rekultivierungsbepflanzung und reduzieren den Methaneintrag in die Atmosphäre. Im Herbst 1983 wurde auf dem „Burghof“ die erste automatisch zündende Gasfackel eingeweiht, 1985 folgte die Inbetriebnahme der Gasverstromungsanlage mit zwei Gas-Ottomotoren. Zur Verbesserung der Entgasungsanlage wurde 1999 eine Hochtemperatur-Deponiegasfackel in Betrieb genommen.
Einen durchschlagenden Erfolg rund um das Thema Deponiegas feierte der „Burghof“ 1985: Seit damals wird vor Ort das erste Deponiegaskraftwerk betrieben, bei dem bis heute Deponiegas ökologisch sinnvoll zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt wird. Bis Ende 2007 konnten rund 160 Millionen Kubikmeter Deponiegas abgesaugt und 126 Millionen Kilowattstunden elektrische Energie erzeugt werden. „Wir liefern von der Deponie die Strommenge für rund 3000 Haushalte pro Jahr“, weiß Albrecht Tschackert. In der Hochphase wurden stündlich rund 1200 Kubikmeter Gas verstromt. Derzeit liefert der Müllberg 9500 Kubikmeter Gas. Für die Zukunft ist eine noch bessere Nutzung der Kraft-Wärme-Koppelung angedacht.
„Uns wird es auch in Zukunft sicher nicht langweilig“, sagt Deponieleiter Maier. Er erinnert daran, wie sich der „Burghof“ entwickelt hat: „Fast jedes Jahr gab es etwas zu bauen.“ Auch derzeit wird natürlich gebaut. So entsteht gerade eine Fläche für mechanisch-biologische Abfälle mit allen notwendigen Abdichtungsschichten. Aber das können die Besucher der Deponie am Samstag ja alles selbst in Augenschein nehmen.
Viel hat sich in den 30 Jahren geändert. Die AVL hat das Abenteuer Deponierückbau unter der Regie von Klaus Marbach inzwischen überstanden. Landrat Dr. Rainer Haas hat gleich nach seiner ersten Wahl die Notbremse gezogen. Auch das gehört zur Geschichte. Inzwischen darf der „Burghof“ nicht mehr zur Restmüllablagerung genutzt werden. Noch 12 bis 13 Jahre reichen die ausgebauten Flächen.
Seit 2005 werden hier nur noch mineralische Abfälle abgelagert. Dadurch hat sich der Lkw-Verkehr wesentlich verringert. Steuerten zu Restmüllzeiten bis zu 80000 Fahrzeuge jährlich die Deponie an, so sind es derzeit zwischen 1600 und 1800 Lkw im Monat, also um die 20000 Fahrzeuge. Dass ein Lkw auch mal eine italienische Nummer hat, wird im Mettertal durchaus registriert.
„Aber wir nehmen natürlich keinen Hausmüll aus Italien an“, unterstreicht Albrecht Tschackert. Vielmehr entsorge man hier zum Beispiel Asbestzementplatten oder asbesthaltigen Bodenaushub (für das die Deponie zugelassen ist). Man habe sich jedoch in keiner Weise um Lieferungen aus Italien bemüht, „auch wenn es aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten durchaus rentabel gewesen wäre“. Und AVL-Geschäftsführer Dr. Utz Remlinger ergänzt: „Die italienischen Vertragspartner bezahlen einen guten Preis, der der AVL und den Steuerzahlern zugute kommt. Das mit dem Abfall erlöste Geld fließt in die Deponienachsorge.“ Wer mehr wissen will: Remlinger und sein Team stehen am Samstag zur Verfügung.

Deponie-
Chronologie

1973 suchte der Landkreis Ludwigsburg nach der Gemeindereform ein Gelände für eine zweite Deponie im westlichen Teil des Landkreises (eine wurde am Lemberg bei Poppenweiler betrieben). 1974 fasste der Kreistag den Beschluss zum Bau. In Horrheim und Umgebung gab es heftige Proteste. Unter anderem bildete sich eine Bürgerinitiative. Im Juni 1975 wurde der Planfesstellungsbeschluss für die Errichtung und den Betrieb der geordneten Mülldeponie im Gewann „Burghof“ gefasst. Die Inbetriebnahme verzögerte sich durch Einsprüche bis 1978. Die Baukosten lagen bei sechs Millionen Mark. Das Gelände für die Deponie wurde von der Stadt Vaihingen gepachtet. Derzeit erhält die Stadt, die auch einen sogenannten Müllausschuss hat, 125000 Euro (Satz für 2008) Pacht. Bis heute wurden insgesamt 43 Millionen Euro in bauliche und maschinelle Einrichtungen investiert.
Die Ablagerungsfläche auf dem 56 Hektar großen Areal ist insgesamt 43 Hektar groß; es steht noch eine Fläche von rund 23 Hektar im zweiten Abschnitt zur Verfügung, über deren Verwendung frühestens in fünf bis sechs Jahren vom Kreistag entschieden werden muss. Insgesamt können rund 10,4 Millionen Kubikmeter Abfall entsorgt werden.
In den vergangenen drei Jahrzehnten fanden auf der Deponie rund eine Million Anlieferungen statt. Das abgelagerte Volumen umfasst 5,1 Millionen Kubikmeter bzw. 7,5 Tonnen. Die Basisabdichtung ist rund 250000 Quadratmeter groß. Es gibt 22 Kilometer Kanäle und sieben Kilometer Straßen und Wege. Das Deponiegaskraftwerk besteht seit 1985. Seit 2001 ist eine Sickerwasser-Reinigungsanlage in Betrieb.
Bis 2005 wurde der „Burghof“ als Restmülldeponie betrieben. Durch gesetzliche Auflagen ist das nicht mehr möglich. Der „Burghof“ fungiert nur noch als Mineralstoffdeponie, was die Zahl der Lkw-Fahrten ins Mettertal stark reduziert hat. Der Betrieb auf den Ablagerflächen erinnert an Großbaustellen. Der Hausmüll wird derzeit vor allem in der Anlage von Stuttgart verbrannt, nachdem sich die Entsorgung in der mechanisch-biologischen Anlage bei Buchen als Flop erwiesen hatte. (aa)


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