Donnerstag, 24. Mai 2012

Interview mit Heinz Kälberer


Heinz Kälberer. Foto: Bögel
Heinz Kälberer. Foto: Bögel

Bis 2006 war Heinz Kälberer Oberbürgermeister von Vaihingen. „Ich habe dies unglaublich gerne gemacht und es war eine schwierige Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren“, sagt er im Rückblick. Seit Juli 2007 ist der 66-Jährige Osteuropabeauftragter der Landesregierung und fühlt sich bei dieser Aufgabe als „Repräsentant des Landes Baden-Württemberg“. Die Vaihinger Kreiszeitung hat sich mit Kälberer in Stuttgart über sein neues Tätigkeitsfeld unterhalten.
Haben Sie jetzt als Pensionär einen Chef?
Als ehemaliger Oberbürgermeister arbeitet man nicht unter einem Minister. Aber im Ernst: Ich und meine Referentin sind niemanden unterstellt. Wir sind verantwortlich für den Etat, der uns von der Landesstiftung zur Verfügung gestellt wird – und das sind ja schließlich auch Landesgelder. Auch Ministerpräsident Günther Oettinger hat noch nicht gesagt, Kälberer mach mal das oder das.

Nach Jahrzehnten an der Spitze von Kommunalverwaltungen hätten Sie es jetzt auch etwas ruhiger angehen lassen können.
Ich kann mich an den Blumen von anderen Menschen erfreuen, brauche sie aber selbst nicht. Auch habe ich keine Begabung, für einen Verein Kuchen zu verkaufen. Natürlich habe ich Respekt für ältere Menschen, die sich nach dem aktiven Berufsleben nicht durchhängen lassen. Meine neue Aufgabe macht mir unheimlich Spaß. Da kann ich meinen Horizont in völlig anderen Bereichen erweitern und kann im Leben noch etwas tun, wovon andere Menschen profitieren. Ich habe in diesem Jahr festgestellt, dass es zum Glück viele Menschen gibt, die sich im Stillen für andere einbringen. Das ist Gott sei Dank ein Widerspruch zu der Tendenz, dass unsere Gesellschaft immer egoistischer wird.

Was sind Ihre Erfahrungen als Osteuropabeauftragter der Landesregierung?
Ich habe dadurch eine völlig neue Welt kennen gelernt. Ich wusste nicht, wie viele Hilfsorganisationen es gibt und wie viele Menschen sich ehrenamtlich einbringen. Diese neuen Erfahrungen haben mich sehr beeindruckt.

Können Sie einige Projekte aufzählen, die in der letzten Zeit angestoßen wurden?
Die langjährige Erfahrung und Arbeit der Stadt Ulm und des Donaubüros sowie die Vielfalt der Aktivitäten mit den insgesamt zehn Donauanrainerstaaten führen zu zahlreichen Projekten, die von der Geschäfts- und Servicestelle Osteuropa der Landesstiftung gefördert werden. So beteiligen wir uns auch an der Donaukonferenz in der Landesvertretung im Oktober in Brüssel. In Zusammenarbeit mit der Steinbeis Innovation und dem Steinbeis Innovationszentrum Weinwirtschaft wird das Projekt ‚Aufbau eines dualen Ausbildungssystems im Weinbau in Georgien’ realisiert. Das Projekt verfolgt das Ziel, Schulabgängern eine solide Basisausbildung (Küfer oder Winzer) nach baden-württembergischen Vorbild anzubieten. Mit der Landeszentrale für politische Bildung sind Projekte im Bildungsbereich mit der Ukraine angedacht. Weiterhin werden gute Kontakte zur Donauschwäbischen Kulturstiftung des Landes gepflegt, mit der ein Jugendprojekt in Kroatien und ein multinationales Seminar an der PH Ludwigsburg durchgeführt werden. Mit der Robert-Bosch-Stiftung fanden Gespräche zum Themenbereich ‚Aus- und Weiterbildung junger kommunaler Verantwortungsträger’ statt. Man könnte sich hier ein Kooperationsprojekt vorstellen, bei dem kommunale Nachwuchskräfte aus Osteuropa in baden-württembergischen Verwaltungen hospitieren oder auch aus Baden-Württemberg Verwaltungsleute mit Praxiserfahrung, wie zum Beispiel ehemalige Bürgermeister, nach Osteuropa gehen, um dort als Multiplikator ihre Erfahrungen einzubringen.

Und wie sieht es mit der humanitären Hilfe aus?
Die Geschäfts- und Servicestelle Osteuropa unterhält in Kooperation mit dem DRK-Landesverband Baden-Württemberg in Kirchheim/Teck ein eigenes Logistikzentrum zur Sammlung und Aufbereitung von Hilfsgütern und führt eigene Hilfstransporte durch. In den vergangenen elf Monaten wurden diverse Hilfsgüterlieferungen in die Länder Bulgarien und Mazedonien durchgeführt. Darüber hinaus wurden im Jahr 2007 34 Transportmaßnahmen und in 2008 bislang 84 Hilfsgütertransporte baden-württembergischer Vereine und Institutionen mit bis zu 50 Prozent der Transportkosten bezuschusst. Die Hilfstransporte gingen schwerpunktmäßig in die Ukraine und nach Rumänien.

Ihre Liste geht aber noch weiter.
In Zusammenarbeit mit der Agapedia Jürgen-Klinsmann-Stiftung wurde bereits das Projekt ‚Einrichtung einer gynäkologischen Praxis für bedürftige Mütter’ in Chisinau/Republik Moldau gestartet. Zwei weitere Projekte in Bulgarien für Kinder sind avisiert. Mit dem DRK-Landesverband wird ein Hilfsprojekt für ehemalige NS-Opfer in Armenien durchgeführt, bei dem alte Menschen medizinische und psychologische Versorgung erhalten. Zur Resozialisierung von ukrainischen Straßenkindern baut ein Freiburger Verein in Kiev einen therapeutischen Bauernhof. Wir beteiligen uns an dem Projekt mit 40000 Euro. Die Stadt Friedrichshafen pflegt seit vielen Jahren eine Städtepartnerschaft mit der weißrussischen Stadt Polozk, im Rahmen derer sich der Freundeskreis Polozk für schwerhörige Kinder einsetzt.

Und wie geht Heinz Kälberer bei seinen Kontakten mit den osteuropäischen Regierungen vor?
Neben der Hilfestellung muss man das Gefühl vermitteln, dass die Länder Bestandteil von Europa sind – egal ob sie nun in der EU sind oder nicht. Man muss die Gesprächsteilnehmer auf jeden Fall ernst nehmen und nicht mit dem erhobenen Zeigefinger auf sie zugehen. Außerdem sitzen in den gemischten Regierungskommissionen blitzgescheite Leute. Wahnsinnig wichtig ist, dass man zuerst das menschliche Gespräch aufbaut, bevor es um Sachfragen geht.

Kann man Sie als Außenpolitiker des Landes Baden-Württemberg bezeichnen?
Ich fühle mich in meiner Aufgabe schon als Repräsentant des Landes Baden-Württemberg und will unser Land in partnerschaftlichen Gesprächen vernünftig vertreten. Für viele Institutionen sind wir in Osteuropa auch der klassische Türöffner.

Durch die Finanzkrise der Landesstiftung fehlt im nächsten Jahr ein zweistelliger Millionenbetrag für gemeinnützige Projekte. Betrifft das auch die Geschäfts- und Servicestelle Osteuropa?
Unser Programm ist vorläufig auf zwei Jahre begrenzt. Bei der Aufsichtsratssitzung der Landesstiftung im Herbst will ich Klarheit, wie es weitergeht. Das ist ganz klar eine politische Entscheidung. Denn wir können nicht langfristige Projekte anstoßen, wenn es dann kein Geld mehr dafür gibt. Ich habe jetzt bereits schon persönlich von dieser Aufgabe profitiert und hoffe, auch anderen Menschen geholfen zu haben.Fragen von Uwe Bögel

Heinz Kälberer
Seit gut einem Jahr ist Heinz Kälberer (66) Osteuropabeauftragter der Landesregierung und Leiter der Geschäfts- und Servicestelle Osteuropa der Landesstiftung. Im Gebäude der Landesstiftung (Im Kaisemer 1) unweit des Stuttgarter Hauptbahnhofs haben Kälberer und seine Referentin im fünften Stock ihre Büros. Seine Arbeit wird mit einer ehrenamtlichen Aufwandsentschädigung von 500 Euro im Monat dotiert. Die Hauptaufgabe von Kälberer ist die Vernetzung von in Baden-Württemberg mit dem Thema Osteuropa betrauten Personen aus Ministerien, Stiftungen, Vereinen, Hochschulen, Kommunen, Landsmannschaften, Verbänden und anderen Einrichtungen. Das Gebiet, das Kälberer als „Botschafter des Landes“ repräsentiert, umfasst die osteuropäischen Staaten – ausgenommen Russland. Kälberer hat einen Etat von 2,5 Millionen Euro für zwei Jahre – das Geld fließt ausschließlich von der Landesstiftung in die Projekte. So hat die Landesstiftung seit 2007 im Bereich Völkerverständigung und humanitäre Hilfe in Osteuropa bereits 150 Hilfstransporte von 50 Hilfsorganisationen gefördert und dafür 250000 Euro aufgewendet. Als weiterer Schwerpunkt des Osteuropaprogramms hat die Landesstiftung zwölf humanitäre Aufbauprojekte gefördert. Für diese zwölf Projekte seien seit 2007 über 330000 Euro bewilligt worden. Aus Mitteln des Osteuropaprogramms werden darüber hinaus auch Projekte in den Bereichen Völkerverständigung, Bildung und Kultur mit bisher insgesamt 685000 Euro gefördert.
Heinz Kälberer war von 1982 bis 2006 Oberbürgermeister in Vaihingen, davor zehn Jahre Bürgermeister in Münsingen. Neben der Aufgabe als Osteuropabeauftragter ist Kälberer noch Landesvorsitzender der Freien Wähler, Vizepräsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge und Präsident der Landesverkehrswacht. Der 66-Jährige ist Kreis- und Regionalrat.(ub)


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