Donnerstag, 24. Mai 2012

Der Umgang mit Streuobst


Der Ensinger Dr. Markus Rösler. Foto: Rücker
Der Ensinger Dr. Markus Rösler. Foto: Rücker

Ensingen (sr) – Streuobst erweckt auf Anhieb nicht unbedingt den Eindruck, besonders aufregend zu sein. Wer sich mit dem Ensinger Dr. Markus Rösler über selbiges Thema unterhält, der wird eines Besseren belehrt. „Der Streuobstbau“, behauptet Rösler sogar, „spiegelt die Gesellschaft wider.“
Sabine Rücker
Der Grünspecht ist – das darf man wohl so sagen – ein plumper Vogel. Im Flug erinnert er an eine unförmige Rote Wurst, die sich mit aller Kraft gegen die Erdanziehungskraft wehrt. Seine Stimme klingt wie lautes Lachen, das den Beobachter verhöhnt. Kurz und gut: das Tier hat annähernd nichts von einem der Singvögelchen, die in der Gunst des Menschen ganz oben stehen. Man kann die Sache aber auch so sehen: Der Grünspecht ist mit seinem kräftigen Körper ein prima Zimmermann. Seine Höhlen, die er in das Holz der Bäume klopft, ziehen eine Vielzahl von Nachmietern an. Ein toller Bursche also, der sich unter anderem in Streuobstwiesen sichtlich wohl fühlt. So weit, so gut.
 Wer hätte aber gedacht, dass der kapitale Specht es mit dem Material für seine Behausung ganz genau nimmt? Unter 1,80 Meter Stammhöhe läuft zwischen Grünspecht und Obstbaum nichts. Soll heißen: Nur ein Hochstamm mit dieser Mindesthöhe kann den Bauherrn mit dem grünen Federkleid locken. „Zu niedrige Stämme sind fatal“, sagt Markus Rösler, der ehrenamtlich seit 1992 Sprecher des Bundesfachausschusses Streuobst beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) ist. Fatal, da nicht nur der Specht, sondern auch Nachmieter wie Fledermäuse, Hornissen, Gartenrotschwanz, Steinkauz und Halsbandschnäpper dann fern bleiben.
„Streuobst“, fügt Rösler hinzu, habe aber nicht nur mit Naturschutz, sondern auch „mit Lebensfreude und Genuss zu tun“. Schon als Pimpf strolchte der 46-jährige Dr. Ing. Landschaftsplanung durch die Streuobstwiesen seiner Gerlinger Heimat. Die Liebe für dieses ganz besondere Biotop ist Rösler geblieben. Streuobstbau, das bedeute „Hochstamm-Obstbau ohne synthetische Behandlungsmittel“, so Rösler. Ein Spiegel der Gesellschaft sei, wie es um den Streuobstbau steht: Welche Produkte die Verbraucher bevorzugen, wie das Freizeitverhalten der Menschen und deren Heimatbezug ist sowie die Globalisierung wirke sich auf die Hege und Pflege der Hochstämme auf heimischen Flächen aus. Rösler: „Die Leute gehen heute lieber ins Fitnessstudio, anstatt sich körperlich auf einer Streuobstwiese zu betätigen und dafür noch Geld zu bekommen.“
Das ist nur einer der Gründe, weshalb Streuobstbestände in den letzten Jahrzehnten schwinden. Besonders unter dem Aspekt der Artenvielfalt auf diesen Flächen ist diese Entwicklung erschreckend. Rösler, hauptberuflich parlamentarischer Berater der Grünen im Landtag: „Man kann mit Fug und Recht sagen, dass die Streuobstbestände die Hotspots der biologischen Vielfalt Mitteleuropas sind.“ Die Wiesen und Äcker mit den Hochstämmen bieten über 5000 Tier- und Pflanzenarten und 3000 Obstsorten eine Heimat. Deutschland trage eine internationale Verantwortung für den als stark gefährdet eingestuften Biotoptyp, da hier 25 Prozent der europäischen Bestände existieren.
 Was ist nun eigentlich Streuobst? Unter dem Begriff darf nur firmieren, was von einem so genannten Hochstamm kommt und ohne synthetische Hilfsmittel wächst. Also Äpfel, Birnen, Kirschen sowie Zwetschgen und Walnüsse von Bäumen, deren Stammhöhe definiert ist. Seit 1995 muss der Stamm bis zum ersten Ast 1,80 Meter messen, um als Hochstamm zu gelten. Die Erfindung des Wortes Streuobst gehe auf einen Vogelkundler zurück, der in den 70er den Zusammenhang vom Vorkommen bestimmter Vogelarten und dem Lebensraumtyp beschrieb, erläutert Rösler. Die mit relativ großem Abstand gepflanzten Gehölze und eine in der Regel extensiv bewirtschaftete Krautschicht bieten etlichen Geschöpfen optimale Lebensbedingungen. Wer einen Hochstamm nachpflanzt, der sollte die Jungpflanze sorgfältig auswählen, rät der Ensinger. Ganz besonders wichtig: Dass der hölzerne Nachwuchs schon die Stammhöhe von mindestens 1,80 Meter aufweist.
Nach Nabu-Schätzungen gibt es aktuell noch 300000 bis 500000 Hektar Streuobstbestände in Deutschland - vor 50 Jahren waren es noch rund 1,5 Millionen Hektar. „Verantwortlich für diesen Verlust ist eine völlig verfehlte Agrarpolitik, aber auch der enorme Flächenverbrauch durch Siedlungen und Straßen sowie ein verändertes Verbraucher- und Freizeitverhalten der Bevölkerung. Wenn EU, Bundesregierung und Bundesländer nicht schnellstens Maßnahmen einleiten, droht ein weiterer massiver Rückgang der Bestände“, warnt Nabu-Präsident Olaf Tschimpke. In Baden-Württemberg erreichte dieser Biotoptyp in den 50er Jahren mit rund 400000 Hektar seine Blütezeit. Neueste Zahlen lassen befürchten, dass die Bestände im Ländle auf 100000 Hektar geschrumpft sein könnten.
Schon in den 80er Jahren erkannten Naturschützer die Gefahr und prägten den Slogan „Mosttrinker sind Naturschützer“. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ersann Ende der 80er Jahre mit der Streuobst-Aufpreisvermarktung eine Strategie gegen das Sterben der Streuobstwiesen. Rösler: „Es entwickelte sich das Erfolgsmodell einer Kooperation aus Landwirtschaft und Umweltschutz.“ 1987 gründete der BUND Markdorf das erste Streuobst-Aufpreisprojekt: Die Bauern erhielten für den Doppelzentner Äpfel einen Aufpreis zum marktüblichen Preis, teilweise mehr als doppelt soviel. Dafür verpflichteten sie sich, die Hochstammbäume durch Pflege und Nachpflanzungen zu erhalten und nicht zu spritzen oder düngen. Bundesweit gab es im Jahr 2006 rund 120 Streuobst-Aufpreisvermarkter. Im Landkreis Ludwigsburg gibt es  fünf Streuobst-Aufpreisvermarktungsinitiativen, so Rösler.  Bietigheim-Bissingen, Steinheim, Oberstenfeld (zusammen mit Beilstein und Ilsfeld), Möglingen sowie Ditzingen. Allerdings habe sich bis 2007 keine Kelterei aktiv daran beteiligt, für Streuobst aus dem Kreis Ludwigsburg einen Aufpreis zu bezahlen. In diesen Wochen neu eingestiegen in diese Tätigkeit sei  die Kelterei Bayer in Ditzingen-Heimerdingen, die federführend für die Gründung eines Bio-Streuobstvereines verantwortlich ist und voraussichtlich zwölf Euro pro Doppelzentner bezahlen wird. Für Bio-Streuobst sei  dies allerdings  weit weniger als marktüblich: "Hierfür wird sonst in Deutschland zwischen 16 und 25 Euro  pro Doppelzentner bezahlt", so Rösler.
In diesem Jahr seien zehn bis 20 Prozent mehr Äpfel und Birnen zu erwarten, wodurch der Preis entsprechend niedrig ist. Rund sechs Euro bringt der Doppelzentner Äpfel momentan ein, im letzten Jahr lagen die Preise durchschnittlich bei 13 bis 16 Euro für die gleiche Menge. „Das ist für den Streuobstbau eine Katastrophe und eine Unverschämtheit“, erregt sich Rösler, „der Apfelsaft wurde im letzten Jahr ja auch verkauft.“ Das Geschehen des Weltmarktes beeinflusst das Preisgeschehen an den heimischen Mostereien natürlich ebenso. Schlechte oder gute Ernten in Polen und Apfelsaftkonzentrat aus China spielen bei der Preisentwicklung unter anderem eine Rolle. Aber, so Rösler, „die Keltereien werden unter dem Druck des Weltmarktes zum Totengräber der eigenen Rohware“. Faire Preise seien nicht nur für Kaffebauern in Nicaragua wichtig, sondern auch für Streuobstbewirtschafter in Deutschland, mahnt der Nabu.
Bis der Hochstamm im Garten der Familie Rösler – ein Roter Berlepsch – einmal genügend Obst für den eigenen Saft abwirft, werden wohl noch einige Jährchen ins Land gehen. „Für den Hochstamm braucht man ein bissle Geduld“, sagt Markus Rösler, ganz die Ruhe selbst.
Informationen im Internet unter www.streuobst.de


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