Horrheim (ub) – Im Erdgeschoss des Horrheimer Rathauses, unten im hinteren Teil der Ortsteilbücherei, sind hinter Glas die Schätze aus dem Boden ausgestellt: eine Fliegenfalle, ein Dreifußpfännchen, ein Urintöpfle, Bildmotive auf Ofenkacheln. Von 1975 bis 1989 erforschte Dr. Fritz Wullen die Überreste des Augustinerinnenklosters am Baiselsberg. In der neu gestalteten Museumsstube können Interessierte die Ausgrabungen betrachten.
„Wir haben hier einen Querschnitt durch die Gebrauchskeramik des späten Mittelalters wie sie damals in einem Frauenkloster benutzt wurde“, bezeichnet Wullen (79) seine Funde. Auf der Bühne des Rathauses lagern weitere Fundstücke – immerhin bargen Wullen und seine Helfer bei den Grabungskampagnen Abertausende von Tonscherben. Ein Überblick der Ausgrabungsergebnisse sind nun kompakt im Erdgeschoss des Rathauses präsentiert (den Schlüssel gibt es bei der Verwaltungsstelle; hier ist auch ein Heft von Wullen über die Fundstücke erhältlich).
Wullen, gebürtiger Horrheimer und Arzt aus Gerlingen, will mit seinen Funden beispielhaft zeigen, welche Art von Keramiken im Mittelalter verwendet wurden. Es sind keine archäologischen Sensationen, aber immerhin gilt das Stromberggebiet als Berührungspunkt zwischen den elsässischen und fränkischen Waren. Das Kloster am Baiselsberg an der Markungsgrenze zwischen Horrheim und Hohenhaslach war seit dem Herbst 1547 unbewohnt und war nicht verschlossen. Im Frühjahr 1556 brach man es ab, vorher war es fast neun Jahre dem ungehinderten Zugriff der Bevölkerung ausgesetzt. Was und wieviel zunächst bei der offiziellen Konfiszierung 1547 an Gebrauchsgegenständen mitgenommen und wieviel in den Jahren danach entwendet oder mutwillig zerstört wurde, ist ungewiss.
Nach den Recherchen von Wullen stand in dem in historischer Zeit wahrscheinlich dicht bewaldeten Gelände mit dem heutigen Flurnamen „Nonnensessel“ und „Nonnenwäsch“ im Spätmittelalter und in früher Neuzeit ein bemerkenswert ausgedehnter Gebäudekomplex, der heute von einem Aussichtsturm schön zu sehen ist: mehrere zum Teil unterkellerte Gebäude, eine kleine Kirche mit Friedhof, Steinpflasterungen, Ziehbrunnen und Abwasseranlagen. Erst beim Bau der transalpinen Ölleitung im Jahr 1962 kamen zahlreiche Tonreste ans Tageslicht. 1975 startete Hobby-Archäologe Wullen mit wissenschaftlicher Beratung des Landesdenkmalamtes seine Ausgrabungen.
Zahlreiche Gebrauchsgegenstände des 14., 15. und des beginnenden 16. Jahrhunderts konnten in mehreren Grabungskampagnen entdeckt und geborgen werden. Fünf verschiedene Typen von Trinkbechern sind so in dem renovierten Kleinmuseum zu sehen, dazu einige Öllämpchen. Wullen, gelernter Internist und passionierter Historiker: „Da heben wir unheimlich viele davon gefunden.“ Zu sehen ist auch das Brunnengeschirr wie Eimerhaken aus dem zehn Meter tiefen Ziehbrunnen. In einer Vitrine steht eine Eckkachel, die vielleicht als Futtertrog für die Hühner diente. „Aber da konnte bis jetzt noch kein Experte eine schlüssige Antwort geben.“ Zu sehen sind auch riesige Töpfe und dazugehörende Deckel oder eine Fliegenfalle, die vermutlich mit Honigwasser gefüllt wurde.
Aus Quellen des Hauptstaatsarchivs Stuttgart und des General-Landesarchivs Karlsruhe lässt sich herausfinden, dass die Frauen auf dem Baiselsberg keineswegs immer Ordensschwestern waren. In der Anfangszeit der Niederlassung, im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts, werden sie als „Clösnerinnen“ bezeichnet, das heißt fromme Frauen, die in der Waldeinsamkeit die unmittelbare Begegnung mit Gott suchten, Mystikerinnen, wie es dem Zeitgeist entsprach. Sehr wahrscheinlich waren es kaum mehr als ein halbes Dutzend Klausnerinnen. Später siedelten rund zehn bis 15 Nonnen, die zu den regulierten Augustinerinnen gehörten, in dem unwegsamen Waldgebiet auf dem Baiselsberg.
Die außergewöhnlich große Menge an irdenem Geschirr der um 1500 modernen, heute als jüngere Drehscheibenware bezeichneten Gebrauchskeramik von zum Teil hoher Qualität, spiegelt trotz der untergehenden wirtschaftlichen Entwicklung einen Lebensstandard wider, der im Vergleich zu der bäuerlichen Bevölkerung, die im Wesentlichen mit Holzgeschirr vorlieb nehmen musste, beachtlich ist. Töpfe, Schüsseln, Näpfe samt Deckeln, Krüge, Kannen, Trinkbecher, Pfannen, Käseformen und Siebgefäße, allerdings durchweg zerscherbt und weiträumig verstreut, wurden in großer Anzahl ausgegraben und sind jetzt ausgestellt.
