Wiernsheim (ub) – Der Wiernsheimer Bürgermeister Karlheinz Oehler war von dem Medienrummel überrascht. Aber im „Sommerloch“ kommt selbst das Fernsehen, wenn Tanja Gönner zu Besuch ist. Die baden-württembergische Umweltministerin würdigte gestern die Verdienste der Viererkommune beim Umweltschutz. „Es ist wirklich toll, was Sie hier machen.“
Dabei ist die Initiative von Wiernsheim nicht neu: Bereits seit 20 Jahren beim Start der Ortskernsanierungen in Wiernsheim, Serres, Pinache und Iptingen bemüht sich die Gemeinde um das Thema Energie. Und die energetischen Sanierungen, die umfangreiche Nutzung der Erdwärme, die dezentrale Regenwassernutzung und vieles mehr tragen ihre Früchte – so zum Beispiel im Dezember 2007 mit der Zertifizierung auf der Grundlage des „European Energy Award“.
Und diese Auszeichnung wollen die Wiernsheimer in Gold; die nötige Punktzahl ist bereits geschafft. So wäre die Plattengemeinde die erste Kommune in Baden-Württemberg, die diese Ehrung bekommen würde.
„Wiernsheim ist Vorbild für andere Städte und Gemeinden. Es wurde die Chance ergriffen, durch ein professionelles Energiemanagement die laufenden Kosten zu senken, verstärkt erneuerbare Energien einzusetzen und so einen Beitrag für den Klimaschutz zu leisten“, so Gönner am Dienstag im Wiernsheimer Rathaus. Die Gemeinde ist mit derzeit 107 Bohrungen für Erdwärmesonden bei privaten Haushalten landesweit spitze. Oehler: „Wir haben als einzige Kommune im Land die Erlaubnis für flächendeckende Bohrungen.“
Mitte der 90er Jahre hat Wiernsheim als einzige Landgemeinde am Forschungsprojekt „Schadstoffminimierung im Städtebau“ des experimentellen Wohnungs- und Städtebauprogramms (ExWoSt) des Bundesbauministeriums teilgenommen. „Entscheidend für den Wiernsheimer Erfolg ist die konstruktive Zusammenarbeit zwischen dem im Jahr 2005 gegründeten Arbeitskreis ExWoSt II, der aus Gemeinderäten, Handwerkern und interessierten Bürgern besteht, dem Bürgermeister und seinen Gemeinderäten“, lobte Gönner.
Im kommunalen Energiebericht wird explizit der Gesamtenergiebedarf der kommunalen Liegenschaften errechnet und der kommunale Strombedarf analysiert. So entfallen 32 Prozent des Strombedarfs auf die Straßenbeleuchtung. Sie ist mit Abstand der größte kommunale Stromverbraucher, gefolgt vom Klärwerk in Großglattbach. Für 2007 wurden die 21 Abnahmestellen der Straßenbeleuchtung den Teilorten von Wiernsheim zugeordnet. Auffallend war der hohe Strombedarf von Wiernsheim und der sehr viel höhere Strombedarf in Iptingen gegenüber dem beinahe gleich großen Ortsteil Pinache. 70000 Euro investierte der Gemeinderat mittlerweile in den Austausch der Straßenlaternen. Die Folge: Im Jahr werden 7000 Euro an Energiekosten eingespart.
Oder die Kläranlage in Großglattbach, wo die Abwasser von Wiernsheim, Pinache und Serres zusammen mit dem Abwasser von Großglattbach behandelt wird. Im Jahr 2005 wurde der Heizkessel durch ein Blockheizkraftwerk ersetzt. In diesem BHKW wird nun das gesamte im Faulturm gewonnene Klärgas zur eigenen Strom- und Wärmerzeugung verwendet. Ein Abfackeln von überschüssigem Klärgas findet so gut wie gar nicht mehr statt.
„Wir dachten am Anfang nicht, dass wir soweit kommen“, gibt Verwaltungschef Oehler zu. Jetzt ist die Energiepolitik teilweise zum Selbstläufer geworden. Oehler: „Im privaten Bereich setzen wir auf das Freiwilligkeitssystem.“ So ist in Neubaugebieten nicht vorgeschrieben, wie die Häuser stehen müssen. „Das machen die Leute automatisch richtig“, lobt der Bürgermeister seine Bürger. Und Gönner setzte am Mittwoch noch einen drauf: „Ich bin froh, dass wir solche Kommunen im Land haben.“
