Vaihingen (ub) – Wer in der Vaihinger Innenstadt unterwegs ist, hat es schon gehört – das Klopfen hoch oben auf der Spitze der Peterskirche. Hinter den Gerüstplanen passiert eine Notwendigkeit: Das denkmalgeschützte Gebäude bekommt ein neues Turmdach.
Stürme wie Wiebke und Lothar hatten der Turmeindeckung an der Peterskirche in den letzten Jahren sehr zugesetzt. „Die Dachziegel waren marode. Es bestand Absturzgefahr. Wir mussten dringend etwas machen“, so Waldemar Mann, Abteilungsleiter Hochbau bei der Stadtverwaltung Vaihingen, und der zuständige Projektleiter Klaus Boden.
Alle bisherigen Reparaturmaßnahmen konnten nur Notlösungen sein, da das Originalmaterial, gebogene Biberschwanzziegel, nicht verfügbar war. Notgedrungen mussten in der Vergangenheit gerade Biberschwänze zum Einsatz kommen. Weil diese an einem derartigen Dach aber immer ein wenig abstehen, war die Dachdeckung nie hundertprozentig dicht. Auch erhielt sie keine Gesamtfestigkeit und der eindringende Regen beschädigte mit der Zeit die Holzkonstruktion darunter.
Nun lautete die Aufgabe: Die Peterskirche in der Vaihinger Innenstadt musste eine dauerhaft dichte Dachabdeckung erhalten, die nach heutigem Wissensstand auch sturmsicher ist. Seit einigen Tagen ist die Firma Fink Bedachungen aus Illingen damit beschäftigt, rund 800 Biberschwanzziegel in luftiger Höhe zu verlegen. Nun fehlt noch der Aufbau der Turmzier (die VKZ berichtete). Insgesamt wird die Sanierung der Peterskirche etwa 35000 Euro kosten. Waldemar Mann: „Viel Aufwand für eine relativ kleine Maßnahme.“
Die Peterskirche besitzt aber zum einen ein „Zeltdach“. Das Zeltdach ist eine relativ seltene Dachform, da es praktisch nur auf einem quadratischen Grundriss errichtet werden kann. Alle vier Ecken laufen auf eine Spitze zu, das Dach hat also keinen First. Steile Zeltdächer auf Türmen und Kirchtürmen wirken wie Fingerzeige und Orientierungspunkte in der Landschaft oder Stadtsilhouette.
Das Zeltdach auf der Peterskirche ist zum anderen auch noch dreifach gewölbt, zuerst konkav (concavus gleich ausgehöhlt), also nach innen, dann konvex nach außen und schließlich wieder konkav nach innen. Durch diese besondere Konstruktion entsteht an jedem Punkt des Daches eine andere Dachneigung. Dachdeckermeister Hartmut Berner: „Meine Mitarbeiter und ich haben das Feingefühl und die notwendige Aufmerksamkeit für diese Eindeckung. Überdeckt der Dachdecker nämlich einen Ziegel zu wenig, so entsteht eine Undichtigkeit. Überdeckt er zu viel, sperrt der Ziegel auf, steht also ab.“
So wurden die Ziegel, für einen Quadratmeter 70 Stück, nach Vorgaben im Werk von Hand angefertigt. Jede Ziegelreihe muss durch die Dachneigung eine andere Biegung aufweisen. Berner: „Die spannende Frage ist, an welcher Stelle des Daches herrscht welche Dachneigung?“ Dies hat er zeichnerisch und rechnerisch ermittelt und dann im Maßstab 1:10 einen Aufriss hergestellt. Auf dessen Grundlage wurden im Ziegelwerk die einzelnen Ziegel von Hand gefertigt. Dabei wird der gepresste Rohling, je nachdem, in welcher Reihe er später seinen Platz finden wird, auf ein für diese Reihe angefertigtes Gestell gelegt. Dort erhält er seine individuelle Biegung und trocknet, bevor er in den Brand geht.
Die Gesellen der Firma Fink arbeiten mit der Turmdach-Eindeckung an einem außergewöhnlichen Projekt, das nur alle zehn Jahre ein Mal vorkommt. „Ich habe zu Hause erzählt, was ich gerade für ein geiles Dach mache“, meint Marcel Dickemann aus Kieselbronn, Auszubildender im dritten Lehrjahr. „In ein paar Jahren fahre ich hier vorbei und kann stolz behaupten, dass ich das Türmchen mit gedeckt habe.“
