Weinstube bringt Arbeitsplätze für Behinderte
Sachsenheim (sr). Im Sachsenheimer Gewerbegebiet Holderbüschle lädt eine neue Gaststätte zum Essen und Verweilen ein. Die Besonderheit daran: „’s Holderbüschle“ gehört zur gemeinnützigen, sozialen Einrichtung namens Isak. Insbesondere Schwerbehinderte bekommen hier die Chance auf eine Beschäftigung.
Gabriele Baumann lässt den Wischmopp über den Boden der Weinstube gleiten. Seit Anfang Oktober hat die Sachsenheimerin bei der Gaststätte namens „’s Holderbüschle“ eine Stelle als Reinigungskraft. „Ich bin körperlich und seelisch behindert“, sagt Baumann. In der neuen Weinstube hat sie die Möglichkeit, „so zu arbeiten, wie ich kann“. Ihr Fazit: „Super, ich bin froh, dass ich hier arbeiten kann.“
Die Gaststätte ist ein neuer Arbeitszweig der Firma Isak, erläutert Isak-Geschäftsführer Thomas Wenzler. Isak ist das Kürzel für die Initiative zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Körperbehinderte. Dabei handelt es sich um eine gemeinnützige Firma, die sich zur Aufgabe gemacht hat, körper- und lernbehinderten Menschen ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis zu bieten. „Und im Zuge dessen die Menschen zu qualifizieren“, ergänzt der Enzweihinger Wenzler. Die Isak ist eine 100-prozentige Tochter der Stiftung Karlshöhe in Ludwigsburg.Die Idee für die Gründung der gemeinnützigen Firma liegt rund 20 Jahre zurück. Wenzlers Vorgänger war damals Leiter der kaufmännischen Ausbildung in der Karlshöhe und hatte gemerkt, dass seine Auszubildenden anschließend keinen Job finden. Inzwischen ist der Sitz der Firma in Sachsenheim, etwas über 100 Beschäftigte arbeiten für die Isak. „Leiharbeit machen wir nicht“, betont Geschäftsführer Wenzler. Es gehe um Aufträge, die für die Kunden abgewickelt werden.Seither waren das in erster Linie einfache Tätigkeiten vor allem für Zulieferer der Automobilindustrie. Das Motto immer besser, immer schneller, immer billiger und die stetigen Kürzungen staatlicher Zuschüsse erschweren der Isak aber die Arbeit zunehmend. Nur 25 Prozent des Umsatzes erhält die Isak noch als Zuschuss. Wenzler: „Eine sehr bedenkliche Entwicklung.“Ein Aspekt für die Eröffnung der Weinstube war daher, Tätigkeitsfelder für Leistungsschwache zu gründen, „wo sie sich mit ihren Fähigkeiten einbringen können“. Eine der Mitarbeiterinnen, die unter einer Lernschwäche leidet, mache beispielsweise den besten Flammkuchen, sagt Wenzler.Hans Lautner ist dagegen für seine Saure Kutteln bekannt. Der gelernte Koch ist zu 90 Prozent schwerbehindert und bereitet gerade Saure Nierle für die Gäste vor. Auf den ersten Blick ist ihm seine Behinderung nicht anzusehen. „Man verwechselt da sicher oft Schwerbehinderung mit geistiger Behinderung“, sagt der Koch. Er leidet unter einer chronischen Rückenmarksentzündung, Lungenembolien und Thrombosen. „Ein Schlaganfall war’s letzte“, sagt er. Im Holderbüschle hat er die Möglichkeit, halbtags zu arbeiten.Der ehemalige Diakon Wenzler fasst zusammen: „Bei uns arbeiten vereinfacht gesagt Menschen, die zu fit für eine Werkstatt für Behinderte sind, aber aufgrund ihrer Behinderung keine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt finden.“ Dabei sei es nicht das Ziel, dass die Leute dauerhaft bei der Isak beschäftigt sind. Vielmehr sehe sich die Firma als Sprungbrett in die „normale“ Arbeitswelt.Die Weinstube als konsequente Fortführungdes Projekts WeinbauDoch „’s Holderbüschle“ hat auch noch eine andere Entstehungsgeschichte. Die kann als konsequente Fortführung des Projekts Weinbau angesehen werden. Vor rund vier Jahren entstand „wohl in einer Silvesternacht“ beim Regieteam der Isak die Idee, alternative Beschäftigungsmöglichkeiten ins Leben zu rufen. Unter anderem mit Hilfe des großen Förderers Aktion Mensch konnte 2007 ein Weinkeller gebaut werden. Inzwischen sind 50 Ar Weinberge gepachtet, werden bewirtschaftet und in der dritten Saison hat der Sommerbesen die Gäste gelockt.Das Gelände dieses Besens dient nun als Außenbereich der neuen Weinstube. 140 Plätze waren oft „brechend voll“, wie Wenzler sagt. Mit der neuen Gaststätte sind 120 Plätze im Gebäude dazugekommen.Über 500 000 Euro hat der Bau des Weinlokals „’s Holderbüschles“ gekostet, auch hier war die Aktion Mensch mit 212 000 Euro an den Kosten beteiligt. Thomas Wenzler ist gelernter Religionspädagoge und Diplom-Betriebswirt. Wichtig ist ihm zu erwähnen, dass die Weinstube ihre Speisen nicht im Hochpreissegment anbietet, sondern „gut bürgerlich und erschwinglich“, für die ganze Familie sozusagen.Seit 10. September ist das Holderbüschle geöffnet und lockt vor allem mit Gerichten, denen urige, von der Oma überlieferte Rezepte zugrunde liegen. Regionale Produkte werden in der Küche verarbeitet. Acht Schwerbehinderte und sieben Nichtbehinderte sind momentan im Holderbüschle tätig. Die Leute ohne Behinderung bieten als Fachpersonal auch Anleitung für die Behinderten.Hans und Lieselotte Österle aus Sachsenheim haben das Lokal seit Kurzem für sich entdeckt. Die Seniorin sitzt nach einem Schlaganfall im Rollstuhl. Vor allem, dass das Gebäude rollstuhlgerecht gebaut ist, findet das Paar gut. Das Essen habe sie schon vorher im Sommerbesen überzeugt.Kontakt: „’s Holderbüschle“, Siemensstraße 19 in Sachsenheim, Telefonnummer 0171 777 87 80, Internet unter www.isakggmbh.de.
