Vaihingen/Enzweihingen (sr) – Das Thema Schweinegrippe fühlt sich in den Medien sauwohl. Neuerdings gerät die Volksseele über zweierlei Impfstoffe in Wallung (siehe gestrige Ausgabe unserer Zeitung). Die Verunsicherung über Sinn oder Unsinn der Schutzimpfung hat dadurch bestimmt nicht abgenommen. Die VKZ fragte Vaihinger Ärzte zu ihrer Meinung.
Ob und wie sich die Erreger der Schweinegrippe – korrekter Neue Influenza – weiterentwickeln, das wissen vielleicht die Götter. Eines kann das H1N1-Virus auf Erden aber schon ganz gut: Nerven kosten. Besonders das Thema Impfung spaltet. Laut „Ärztezeitung“ vom September sind 72 Prozent der Baden-Württemberger gegen eine Impfung, nur neun Prozent der Menschen im Ländle wollen sich ganz sicher impfen lassen.
Ab nächsten Montag steht der Impfstoff bei den Ärzten bereit. Aber die „schwimmen da auch ein bissle“, wie es Dr. Karl Bausch, Internist im Vaihinger Ärztehaus Vaisana, ausdrückt. Jeder Arzt müsse quasi nach Gefühl entscheiden, ob er die Impfung gegen die Neue Influenza empfiehlt oder nicht. Denn die Datenlage sei chaotisch. Die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft rate beispielsweise dazu, erst einmal abzuwarten und nicht gleich zu impfen. Grund hierzu sind sei vor allem der in die Kritik gekommene Verstärker des Impfstoffes „Pandemrix“.
Auf der anderen Seite seien die Experten des Robert Koch- und des Paul-Ehrlich-Instituts, die sagen, man könne sich „problemlos mit dem Zeug impfen lassen“, so Bausch weiter. „Es ist sicher kein Fehler, wenn man eine abwartende Haltung hat“, macht der Internist seine Meinung zur neuen Impfung deutlich. Zumindest, was die allgemeine Bevölkerung betreffe und beispielsweise nicht chronisch Kranke.
Die Grundtendenz des Zögerns zeige sich auch bei vielen Patienten, die sich gegen die „normale“, also die Saisonale Grippe, bereitwillig impfen lassen, aber sich gleich gegen die Schweinegrippeimpfung aussprechen.
Richtlinien zu Schutzimpfungen gibt beispielsweise die Ständige Impfkommission (Stiko) des Robert-Koch-Instituts heraus. Diese dienen den Bundesländern als Vorlage für öffentliche Impfempfehlungen (siehe Info).
Bei Kindern müssen die Erwachsenen entscheiden. „Das ist schon ein großes Thema bei den Eltern“, sagt Kinder- und Jugendarzt Dr. Arnold Schwarz. Der Mediziner mit Praxis in Enzweihingen berichtet von viel Skepsis, die bei den Eltern gegenüber der Impfung herrsche.
Was empfiehlt der Kinderarzt für seine kleine Patienten? Prinzipiell ist Schwarz der Meinung, dass die Stiko verantwortlich handele. Von daher schließe er sich deren Empfehlungen an. Momentan gelte eine Impfempfehlung für Kinder und Jugendliche mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung, also mit chronischen Erkrankungen wie Asthma, Stoffwechselerkrankungen oder anderen Grundleiden.
Schwarz schränkt aber ein: Der Berufsverband für Kinder- und Jugendärzte hatte bemängelt, dass noch keine Beobachtungsstudie für Kinder zwischen sechs Monaten und drei Jahren vorliege. „Obwohl die Impfung ab sechs Monaten empfohlen wird“, so Schwarz. Nun werde er bei dieser Altersgruppe abwarten, was der Berufsverband empfiehlt.
Die Diskussion um die Verträglichkeit des Impfstoffs, der einen Wirkverstärker enhält, reißt indes nicht ab. „Pandemrix“ von der Firma GlaxoSmithKline heißt die Substanz, die für „Otto Normalverbraucher“ in Arztpraxen und Gesundheitszentren bereitsteht. Sie enthält Bruchteile der Viren und Zusatzstoffe, die die Wirkung verstärken.
Der angeblich schonendere Impfstoff „Celvapan“ des Pharmaherstellers Baxter wurde vom Bundesinnenministerium zur Impfung der Bundesbediensteten bestellt. In ihm sind vollständige, abgetötete Viren enthalten, er kommt ohne Verstärker aus. Die Bundeswehr setzt dieses Mittel ebenfalls für ihre Soldaten ein.
Als „sehr unglücklich“ schätzt Mediziner Schwarz dieses Vorgehen ein. „Besonders, wenn immer betont wird, dass es keine Zweiklassenmedizin gibt“, so Schwarz weiter.
Es könne schon davon ausgegangen werden, dass der Impfstoff mit Wirkverstärker Nebenwirkungen verursache, so der Kinderarzt. Diese seien aber lokal begrenzt und es spreche nichts dafür, dass dadurch ernsthafte Krankheiten entstünden. Er selbst wird sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen.
Vor einigen Jahren hätte es ein ähnliches Problem mit dem Zecken-Impfstoff gegeben. Dieser sei verändert worden, woraufhin sich zeigte, dass er nicht mehr so gut verträglich war. Schließlich wurde wieder auf die besser verträgliche Schutzimpfung umgestellt.
In seiner Praxis habe er schon vereinzelte Fälle der Neuen Influenza gehabt, sagt Schwarz. Allesamt hatten sich klassischerweise im Urlaub mit dem Erreger infiziert.
Im Wartezimmer der Kinder- und Jugendarztpraxis sitzt derweil Margit Stege aus Enzweihingen mit Töchterchen Finja. Sie will nun erst einmal hören, was der Arzt zum Thema Impfung für die Kleine zu sagen hat, so Stege. Sie selbst werde sich auf jeden Fall impfen lassen. „Das wird bei uns im Büro angeboten“, so die Enzweihingerin weiter.
In einer ganz blöden Situation befinden sich momentan Schwangere, für die laut Stiko eine Impfempfehlung gilt. Allerdings steht für sie kein geeigneter Impfstoff zur Verfügung. Das sollte nämlich laut Stiko ein „nicht-adjuvantierter Spaltimpfstoff“, also eine Substanz mit Viren-Bruchteilen aber ohne Verstärker, sein. Internist Bausch vom Ärztehaus rät – falls nicht zusätzlich chronische Erkrankungen bestehen: „Abwarten.“
