Vaihingen (aa). „Konzert im Herbst“ ist der schlichte Titel der Veranstaltung des Vaihinger Männerchors am kommenden Sonntag (18. Oktober, 17 Uhr) in der Peterskirche. Dabei wird ein Mann besonders im Mittelpunkt stehen: Chordirektor Dr. Klaus Frano-Pallesche, der sein 40-jähriges Dirigentenjubiläum feiert.
„Soll ich die Geschichte wirklich erzählen, wie ich zum Dirigenten wurde?", fragt Frano-Pallesche etwas verschämt. Natürlich soll er. Das Gymnasium habe er damals noch besucht und sei, da er Geige und Klavier spielen konnte, in Musik immer sehr gut gewesen. Da habe sein Onkel Gustav, der Vorsitzender des Gesangvereins Hagenloch bei Tübingen war, bei ihm in Lustnau angerufen: „Du, wir müssen beim Blumenschmuckwettbewerb singen und unser Dirigent fällt aus. Du musst kommen.“ Der Neffe versuchte sich natürlich zu drücken, hat sich letztlich aber doch geehrt gefühlt und stand am Abend mit tierischer Angst und zitternden Knien vor dem Chor.
Den ersten Chor mit
18 Jahren geleitet
„Ich habe die Sache wohl gut hingebracht“, erinnert sich Frano-Pallesche. Fortan war er mit seinen 18 Lenzen Chorleiter in Hagenloch; der alte Dirigent brauchte gar nicht mehr zu kommen. Da wurde der Samen gelegt. Als Dirigent sah er seine Zukunft. Doch der Vater wollte zunächst, dass er einen „gescheiten“ Beruf lernte: Industriekaufmann. Danach hat Frano-Pallesche BWL studiert und schließlich auch noch seinen Traum verwirklicht, das Chorleiter-Studium an der Staatlichen Musikhochschule Trossingen.
13 Jahre hat Frano-Pallesche in Hagenloch dirigiert. Wie viele andere Vereine es noch geworden sind, kann er aus dem Gedächtnis heraus nicht sagen. „Wenn ich mit einem Chor nicht mehr klar kam, dann deshalb, weil ich einen hohen Anspruch hatte und weil halt viele das nicht mittragen wollten. Für Wald-Wiesen-Chormusik bin ich nicht zu haben. Eigentlich wollen viele Chöre etwas anderes machen, so nach dem Motto: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass. Das funktioniert nicht. Man muss als Chorsänger wirklich eine Leistung erbringen. Wer das auf sich nimmt, erfährt auch Befriedigung. Nur um gesellig zusammenzuhocken, braucht man mich nicht.“
In Vaihingen einen
guten Chor angetroffen
Das klappt mit dem Vaihinger Chor seit 1991. An Stöcken ist der Dirigent, der in Leutenbach wohnt, nach einer Operation in Vaihingen zur ersten Chorprobe gekommen. Wie man aufeinander aufmerksam wurde, kann er nicht mehr sagen. Frano-Pallesche, damals der Nachfolger von Jürgen Budday, weiß noch, dass er den MGV als guten Chor angetroffen hat. Und empfindet die Zusammenarbeit mit dem MGV und vor allem mit dem Vorsitzenden Manfred Schmalzried („Wir können gut miteinander“) immer noch als „unverbraucht“, was er selbst manchmal als kleines Wunder bezeichnet. Er fahre jede Woche unheimlich gerne nach Vaihingen; die Ideen seien noch lange nicht ausgeschöpft. Und er empfindet es erstaunlich, auf welchem Qualitätsniveau der inzwischen auf 32, 33 Sänger zusammengeschrumpfte Chor, der in allen Stimmen durchaus gut besetzt ist, gehalten werden konnte („Phänomen“). „Ich bewundere viele meiner Sänger, die mit einem ungeheuren Engagement und mit Geist bei der Sache sind“, gibt der Dirigent fast eine Liebeserklärung ab.
Der Anfang sei nicht einfach gewesen, lacht Frano-Pallesche. „Beim Requiem mussten die Männer ein ganzes Jahr lang Lateinisch singen.“ Man habe dann eine Vereinbarung getroffen; das Requiem, dann was ganz anderes. Er habe dem Chor eingeimpft, dass man an einer Sache dranbleiben müsse. Das habe funktioniert. Inzwischen gebe es keine Streiterei über die Literatur mehr. „Es ist für jeden etwas dabei; nur nicht immer im Moment. Ich weiß, was ich dem Chor zumuten kann. Ich liebe zwar Kirchenmusik, aber ich kann aus dem Männerchor keinen Kirchenchor machen.“
Die Arbeit mit der Musik
ist für ihn eine Gnade
Der 58-Jährige spricht insgesamt von einer Gnade, dass er die Arbeit überhaupt machen kann. Seit vielen Jahren leidet er zum Beispiel unter Morbus Crohn (chronische Entzündung im Darm) und lebt mit Beinprothesen, „doch immer hat mich die Musik gehalten“. Vor etwa zehn Jahren hat er sich beruflich neu orientiert („Ich kann ja nicht sagen wie lange ich noch stehen kann“). Er hat wieder studiert (interdisziplinäre Studien zwischen Soziologie, Psychologie, Erziehungswissenschaft und Betriebswirtschaft) und betreut inzwischen als Freiberufler viele Forschungsprojekte, die alle mit Lernen oder mit Organisationsentwicklung zu tun haben. Zudem ist er Dozent an verschiedenen Universitäten.
Frano-Pallesche ist nicht unbedingt auf einen Männerchor fixiert. Beim Konzert am Sonntag wirkt wieder der Gemischte Chor Asperglen-Krehwinkel (das ist bei Rudersberg) mit. „Wenn wir in Vaihingen, aus welchen Gründen auch immer, keinen Gemischten Chor zusammenbringen, dann machen wir doch eine gute Kooperation mit meinem zweiten Chor“, hat sich Frano-Pallesche gesagt. Sehr schöne Sachen habe man schon gemeinsam veranstaltet. Zum Beispiel das Mozart-Requiem „Meine Männer haben dann die Freiheit zu sagen, so viel wollen wir, so viel nicht. Das ist eine gute Ausgangsbasis. Wenn der Männerchor noch so gut singt, dann ist ein Gemischter Chor immer eine Bereicherung für ein Programm.“
„Perlen der Chormusik“
zum Jubiläum
Geboten werden am Sonntag in einem kleinen, feinen Rahmen „Perlen der Chormusik“, ein Querschnitt aus der langen Dirigentenarbeit von Dr. Frano-Pallesche. „Dafür ist die Peterskirche der richtige Rahmen“, findet er. Das Programm würde zwar nicht ganz den Regeln der Kunst entsprechen, da die Lieder inhaltlich nicht schlüssig seien. Aber das nimmt er in diesem Fall in Kauf.
Frano-Pallesche hat seinen Einsatz bei Gesangvereinen inzwischen zurückgefahren, derzeit sind es nur zwei. Als er die Sache noch hauptberuflich ausübte, waren es fünf, sechs Vereine, jeden Abend einen und einen am Nachmittag. „Aber das geht auf Dauer nicht; es sind ja nicht nur die Proben.“
Der Chordirektor ist übrigens auch in Verbänden tätig. Beim „Forum Musik“, einem regionalen Musikrat, ist er stellvertretender Vorsitzender. Er empfindet das als Schaltstelle zwischen Politik und Musik. Man könne da wichtige Dinge mitgestalten, zum Beispiel zuletzt das Klassenmusizieren. Aus eigener Erfahrung kann er sagen: „Menschen, die im Kindesalter mit Musik in Berührung gekommen sind, bei denen ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie musikalisch aktiv sind, im Erwachsenenalter viel größer.“ Bei Kindern würden Impulse gesetzt. An solchen Dingen arbeite er gerne mit.
Wie empfindet Frano-Pallesche seine Arbeit als Dirigent? Von Beruf und Job will er da nicht sprechen. „Das bin ich, das ist untrennbar. Wenn ich das nicht mehr machen könnte, dann wäre sehr viel ganz schwierig für mich. Ich bin zum Beispiel oft bei Vorträgen in Berlin. Da fliege ich am frühen Morgen hin, komme am Abend zurück, setze mich ins Auto und fahre zur Chorprobe. Dann denke ich oft: Mensch, bist du verrückt! Doch es geht mir hinterher immer viel besser. Ich kann mich bei der Probe mit ganz anderen Dingen beschäftigen. Man sieht, wie etwas entsteht.“
