Aurich (ub). Es gibt die ungarische und englische Variante. Bei den Kinnbärten ist die Musketier-Kategorie möglich, bei den Vollbärten dient Verdi als Vorbild. Es ist ein haarige Sache mit den Bärten und nicht jedes lange Gewächs im Gesicht eines Mannes muss schön aussehen. Am Samstagabend waren jedoch die Bartträger in der Auricher Festhalle die Hingucker.
Gerhard Knapp, Präsident der „Pforzemer Schnäuz“, hat kein Problem mit den Medien. Der zweifache Weltmeister, Weltcup-Sieger, Olympiasieger, Europameister, Stadtmeister, deutscher Meister, Grösseltalmeister und Weltmeister im Bartgewicht heben – so steht es jedenfalls auf seiner Visitenkarte – redet und erklärt gerne sein Hobby. Knapp saß schon in vielen Fernsehshows, heute Abend ist er mit seinen Vereinskollegen zu Gast bei der Country-Night in Aurich. Ihre Haarpracht am Kinn rücken sie gerne ins rechte Licht: der 74-jährige Friseurmeister Knapp, Hans-Peter Weiss aus Philippsburg, dritter bei der Weltmeisterschaft in der Königsklasse in Alaska, Markus Nufer aus Rottenburg, der wie ein Verschnitt der Musketiere aussieht, oder der Organisator der Country-Night, Heinz Schober. Alle tragen sie eine mächtige Schnurre – und sind stolz darauf. „Wo Haar ist, ist auch Freud“, lacht Gerhard Knapp und wackelt mit seinen Spitzen.
Jeden Tag geht er mit einem anderen Bart durchs Leben, lässt sich vor seinem Friseursalon in Pforzheim mit japanischen Touristen fotografieren. Für die Bartpracht am Samstagabend in Aurich benötigte Knapp eine Stunde Zeit. Mit Haarspray und einem Fön wird gewerkelt, bis alles passt. Für wichtige Wettkämpfe brauchen die Bartträger aber bis zu fünf Stunden, um die Jury zu beeindrucken. „Das ist dann richtige Schwerstarbeit“, berichtet Knapp. Fünf Stunden vor dem Spiegel, die Arme hoch, in den Händen Spray und andere Hilfsmittel. Ein Meter Spannweite hat der graue Bart von Knapp, Vereinskollege Weiss schafft mit seinem Prachtstück noch größere Dimensionen.
Dabei wissen die Pforzemer Schnäuz auch um die kultur-geschichtliche Bedeutung der Bärte, die über Jahrhunderte hinweg als Symbol für Stärke und Maneskraft sowie als militärisches Kennzeichen verwendet wurden. Die alten Briten, die sich mit Cäsars Heer schlugen, hatten lang herabhängende Schnurrbärte. Es wird auch erzählt, dass Karl der Große im Krieg seinen langen weißen und imposanten Bart über das Brustschild hängen ließ und von seinen Rittern verlangte, es ihm nachzutun, damit man sie von den Feinden unterscheiden konnte.
Mohammed, der Begründer des Islams, trug einen ungeschorenen Bart – wie auch seine Anhänger. Für einen strenggläubigen Moslem ist es immer noch der wichtigste Eid, beim Barte des Propheten zu schwören. In der Stadt Srinigar im Kaschmir wird eines der Barthaare des Propheten als heilige Reliquie aufbewahrt.
Der Bart der Könige ist oft als besonders heilig und bedeutungsvoll für das Wohlergehen des Königreichs angesehen worden. Man glaubte zu dieser Zeit, dass drei Barthaare des Königs, eingefügt in das Siegelwachs eines Dokumentes, eine Gewähr für die Versprechen bedeuteten, die das Dokument aussprach. In alten Zeiten wurden die Könige von Persien, Ninive, Assyrien und Babylon traditionellerweise mit Bart abgebildet und bei besonderen Gelegenheiten betonten die ansonst glattrasierten ägyptischen Könige und Königinnen ihre königliche Würde mit Hilfe eines künstlichen Bartes.
Die Menschen statten ihre Götter mit dem aus, was sie bei sich selbst am meisten bewundern. Deshalb stellten sie die Götter mit langen flatternden Locken und mit einem Bart dar, als Zeichen für ihre Stärke und ihre Macht. Zeus, der oberste Gott der alten Griechen, derjenige der die Wolken bewegen und Regen und Schnee verursachen konnte, wurde als majestätischer Mann mit langem geflochtenem Haar und einem mächtigen Bart abgebildet. Im Norden war Thor einer der mächtigsten Götter. Mit seinem Wagen, der von zwei Böcken gezogen wurde, fährt er über das Himmelsgewölbe und verursacht den Donner, so die Überlieferung. Er konnte aber auch einen Sturm erzeugen, indem er durch seinen rothaarigen Bart, den man am Horizont funkeln sah, blies.
In Aurich wählte ein Jury von zehn Frauen ihren König des Bartes. Die Siegerehrung mit Box-Welt- und Europameister René Weller war allerdings erst um Mitternacht. Ohne ein gutes Spray war da nichts zu machen.
