Donnerstag, 24. Mai 2012

Saumäßig viele Öchsle




Ehepaar Faigle mit Trollinger-Beeren. Foto: Rücker
Ehepaar Faigle mit Trollinger-Beeren. Foto: Rücker

Horrheim (sr). Nach einem Besuch beim Weingut Faigle in Horrheim kann einem der Kopf schwirren: Würzige Düfte schwängern die Luft, Säfte mit und ohne Alkoholanteil dürfen gekostet werden und Fachausdrücke verwirren das Großhirn. Die Traubenlese hat begonnen und Faigles freuen sich über einen guten Ertrag und eine gute Qualität.
 Da lacht das Herz, denn des Schwaben liebste Rebsorte ächzt unter einer süßen Last. Prall und dick hängen die Beeren am Rebstock. Der Trollinger ist der Inbegriff des Weines aus Württemberg. Vielleicht liegt die tiefe Zuneigung der Schwaben zum Trollinger in einer ähnlichen Anatomie begründet. Etwas dünnhäutig sind sie beide. Zwar mag eine burschikose Art darüber hinwegtäuschen. Doch des Schwaben Seele ist ebenso empfindlich wie die Hülle der Trollingerbeere. Wenn beide sich beim Viertele schlotzen vereinen, dann erst ist die Welt in Ordnung.
 Am Horrheimer Klosterberg werden gerade die Trauben des Trollingers geerntet. Seit dem 2. Oktober ist die Traubenlese auf der 5,5 Hektar großen Rebfläche des Weinguts Faigle im Gange. Auf die Frage, ob’s noch Spaß macht, schallt die Antwort hinterm Rebstock vor: „Das macht immer Spaß, vor allem, wenn’s auf 12 Uhr zugeht.“ Klar, ohne ein deftiges Vesper läuft im Weinberg nichts.
Unten im Dorf kümmern sich derweil Inhaber Dieter Faigle und der Auszubildende, Sohn Jens, um das weitere Schicksal der verheißungsvollen Früchte. Gerade wird die Schönung vorbereitet. Dabei wird der Trub, also die Schwebeteilchen, aus dem Traubensaft entfernt. Seit dem Vortag hat Faigle, Techniker für Weinbau und Kellerwirtschaft, einen Teil der Trollingerbeeren in der Mache.
 Beim ersten Arbeitsgang landen die Trauben aus dem Wengert in der Abbeermaschine. Dort wird der holzige Kamm von den süßen Früchten getrennt. Danach werden die Beeren aufgespalten und über Nacht in einem Tank auf 60 Grad Celsius erhitzt. Diese Maische wandert anschließend in die Tankpresse, wo mit Hilfe von Druckluft der Saft vom Trester, den festen Bestandteilen der Beeren, getrennt wird. Trester und Kämme kommen als Dünger wieder hinaus auf die Weinberg-Erde.
Nach dem Pressen läuft der Saft in Tanks. Dort wird bei besagter Schönung eine spezielle Gelatine zum Traubenmost gepumpt, die die Schwebpartikel bindet. Das Gemisch setzt sich oben ab und kann abgeschöpft werden. Übrig bleibt der klare Saft, der in Lagertanks gepumpt und mit Hefe versetzt wird. Die Gärung erfolgt beim Trollinger bei zirka 20 Grad Celsius. „Eine zu warme Gärung ist nicht ratsam, das wäre zu schnell und gibt zu wenig Aroma“, klärt Faigle auf.
In den Edelstahltanks passiert das Wunder, das aus Saft ein gutes Tröpfle werden lässt. Die Gärung ist ein Prozess, bei dem der Kellermeister auf der Hut sein muss. Nicht zu warm und nicht zu kalt darf es den Mikroorganismen werden, die den Zucker im Tank zu Alkohol verwandeln.
„Saumäßig viele“ Öchsle, das heißt hohe Zuckeranteile, warten in diesem Jahr in den Beeren. 110 Grad Öchsle kann der Samtrot vorweisen, 104 Grad Öchsle der Spätburgunder. Infolge dessen werden die Weine einen relativ hohen Alkoholanteil haben. Wobei doch der Trend eher zu leichten Weinen geht, sagt Faigle. Aber die Natur hat es in diesem Jahr eben gut gemeint. Faigle: „In diesem Jahr ist der Kunde Gewinner. Viele Sorten wären Kabinett, werden aber heruntergestuft zu Qualitätswein.“ Merke: Immer mal auf den Alkoholgehalt schauen, das gilt besonders für Autofahrer.
Rivaner, Spätburgunder, Samtrot und Dornfelder gären beim Weingut Faigle schon in den Tanks, während Trollinger, Lemberger, die ausgedünnten Sorten und Cabernet Cubin noch am Rebstock hängen. Ende Oktober werden wohl alle Beeren geerntet sein. Dann öffnet auch der Besen auf dem Weingut und ab Ende November ist der erste diesjährige Wein im Verkauf.
Rund 30 Prozent Ertragsverlust bescherte den Faigles ein Hagelschauer am 1. Juli. Doch die Menge und die Qualität seien trotzdem o.k. Dieter Faigle: „Es ist ein spitze Weinjahr.“ Seiner Schätzung nach könne das Qualitätsniveau sogar über das des Superjahrgangs 2003 steigen. Gattin Kerstin: „Es sollte jetzt nicht unbedingt regnen.“ Aber, besinnt sie sich, man müsse das Wetter nehmen wie’s kommt.
Rund 60000 Liter Wein produziert der Horrheimer Familienbetrieb. Den Löwenanteil kaufen Privatkunden, die teilweise schon in der zweiten Generation ihren Horrheimer bei Faigles holen. Flexibilität sei da gefragt, um dem Kundenwunsch schnell gerecht werden zu können, sagt Weinbautechniker Dieter Faigle.
Draußen im Weinberg schneidet Seniorchef Willi Faigle mit dem Team die Trollinger-Trauben vom Rebstock. Bis zu 140 Kilogramm Trauben pro Ar bringt der Trollinger vor Lemberger (bis 120 Kilogramm) und Burgunder (bis 100 Kilogramm) an Gewicht auf die Waage.
Ein Umstand, der viele Schwaben mit stiller Freude erfüllen wird.




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