Donnerstag, 24. Mai 2012

Maschinen kämpfen sich über Rübenfelder


Herbert Antritter mit seiner Erntemaschine. Foto: Schmid

Vaihingen – Die Zuckerrübenernte hat begonnen. Auch in Vaihingen und der Umgebung werden die Felder abgeerntet. Dabei kommt in den meisten Fällen hoch entwickelte Technologie zum Einsatz. Pro Hektar können rund um Vaihingen im Schnitt 72 Tonnen Rüben gerodet werden.

Die Zeiten, in denen die Bauern ihre Rüben mit purer Muskelkraft aus dem Erdreich zogen und danach von den Äckern tragen mussten, sind schon lange vorbei. Wenn heutzutage die Zuckerrübenernte beginnt, werden große Maschinen herbeigekarrt. Weil sich diese Gefährte aber nicht jeder Landwirt leisten kann, gibt es Unternehmer, die sich auf die Ernte der süßen Wurzelgewächse spezialisiert haben. Einer von ihnen ist Herbert Antritter aus Zaisenhausen bei Karlsruhe. Er erledigt die Rodung – so wird die Rübenernte in Fachkreisen genannt – für etwa 60 Bauern.

Dieser Tage fährt Herbert Antritter mit seiner knapp 350000 Euro teuren und etwa 500 PS starken Maschine die Ernte des Kleinglattbacher Landwirts Derk Groeneveld ein. Groeneveld besitzt zwei Landstücke, auf denen er Rüben angebaut hat: Eines umfasst knapp 16 Hektar und das andere etwa 25. Einen Hektar pro Stunde rodet das fünfzehn Meter lange und knapp drei Meter breite Erntefahrzeug, neben dem ein normaler Traktor wie ein Kleinwagen wirkt. Große Räder sorgen dafür, dass Antritter sicher über den Acker fahren kann. Selbst hat er das Steuer nur selten in der Hand: „Eine Lenkautomatik hilft mir, die perfekte Route zu finden“, erläutert er.

Trotz aller Technologie ist der Mensch beim Roden aber unverzichtbar. Denn die Rüben müssen geköpft und entblättert werden. Herbert Antritter weiß genau, wie er das Schneidwerk seiner Maschine, die Schar, einstellen muss: „Wenn der Boden hart ist, sind die Zuckerrüben klein und es muss nur ein kleiner Teil abgeschnitten werden.“ Wenn der Boden hingegen locker ist, sind die Rüben in der Regel größer, erklärt Antritter, der bereits seit 25 Jahren Zuckerrüben erntet. „Das Wichtige beim Schneiden ist, dass man nicht zu viel Rübe absäbelt, aber so viel Grünzeug wie möglich.“ Wird zu viel abgeschnitten, leidet der Ertrag. Ist zu viel Blattwerk an den Wurzelgewächsen, drückt die Zuckerfabrik den Preis.

Nachdem das Schneidwerk die Rüben geköpft hat, hebelt der Roder sie aus dem Erdreich. Danach geht’s weiter über Förderwalzen unters Führerhaus: Dort werden die Rüben grob gereinigt. Endstation ist im Bunker auf der Ladefläche. „Da passen etwa 17 Tonnen rein“, sagt Antritter. Immer wenn er mit seinem Gefährt am Rand des Feldes ankommt, lädt er ab. Es entstehen zwei große Haufen – einer links vom Feld und einer rechts davon. Das Fahrzeug kämpft sich mit etwa sieben Kilometern pro Stunde über den Acker.

Oft sitzt der Lohnunternehmer 14 Stunden am Stück im Führerhaus. Und was unternimmt Herbert Antritter gegen die Eintönigkeit? Er dreht das Radio auf, schaltet die Heizung ein und freut sich ein wenig, wenn an der Maschine hin und wieder etwas kaputt geht – denn dann kann er aussteigen und auf Fehlersuche gehen. „Langweilig wird es mir eigentlich nie“, sagt er und betont, dass es in seinem Führerhaus sehr bequem ist. Nur wenn es regnet, muss er die Ernte abbrechen, denn dann würde sein Fahrzeug rutschen und nicht mehr die beste Route fahren.

Die Rüben, die Herbert Antritter drei Tage lang rechts und links vom Feld zu Haufen aufgeschichtet hat, werden in wenigen Tagen abgeholt und zur Südzucker-Fabrik in Offenau bei Heilbronn gebracht. Für diesen Arbeitsschritt haben sich knapp 780 Bauern in der Landwirtschaftlichen Maschinengemeinschaft der Zuckerrübenanbauer Ludwigsburg organisiert. „Es stehen acht Lastwagen und zwei Lademäuse zur Verfügung“, sagt Gerhard Rothacker aus Pulverdingen, der für die Rübenanbauer zwischen Ingersheim, Maulbronn und Hochdorf zuständig ist. Mit den Lademäusen werden die Rüben auf die Fahrzeuge befördert. Und dann geht die Reise los.

Spitzen Zuckerwert in der Umgebung

In Offenau kommt beinahe die ganze Zuckerrübenernte Baden-Württembergs an. Pro Tag werden dort 12850 Tonnen der Wurzelgewächse verarbeitet. „Die Rüben aus dem ganzen Land enthalten durchschnittlich 17,7 Prozent Zucker“, weiß Rothacker. Rund um Vaihingen sei der Wert aber noch besser: „Bei uns sind es 17,9 Prozent.“ Auch die Menge der Ernte sei super. Pro Hektar können im Landesdurchschnitt 66 Tonnen Rüben geerntet werden. In Rothackers Gebiet sind es 72.

Die Kampagne – so werden Ernte und Verarbeitung genannt – hat dieses Jahr am 29. September begonnen. Voraussichtlich endet sie am 20. Dezember: Bis dahin, so wird geschätzt, werden mehr als eine Million Tonnen Rüben zu 185000 Tonnen Zucker verarbeitet. Ein großer Teil davon wird unter anderem zur industriellen Herstellung von Backwaren verwendet. Der Rest geht als Haushaltszucker in die Supermärkte. Pro Tonne Rüben werden etwa 30 Euro an die Bauern bezahlt. Am diesem Betrag könne sich bis zum Ende der Kampagne jedoch noch einiges ändern.

Herbert Antritter geht davon aus, dass er noch bis Mitte November roden muss. Dann hat er alle Äcker seiner 60 Kunden abgeerntet. Und dann verschwindet seine Erntemaschine wieder in einem Schuppen. Bis zur nächsten Rodung.

Philipp-Marc Schmid


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