Großglattbach (sr) – „Die Kerle, die hier liebevoll ankommen“, lobte Winfried Abicht, Bürgermeister von Mühlacker, „helfen uns, das Landschaftsbild der Kulturlandschaft zu erhalten.“ Im Anmarsch befand sich eine bunte Mischung aus Raritäten auf vier Beinen. Die Stadt Mühlacker stellte gestern in Großglattbach ihr neues Beweidungskonzept für Trockenhänge vor.
„Hallo“, grüßt der Bürgermeister die Schafe und Ziegen, die sich zwischen die geladenen Zweibeiner drängen. Beim Ortstermin am Weihinger Berg in Großglattbach bringt das wollige Weidevieh Stimmung unter den grauen Himmel. Ein Pfiff erschallt von rechts außen. Monty, der Altdeutsche Hütehund, rast herbei, waltet seines Amtes und treibt die neugierigen Vierbeiner ins Abseits. Mühlackers Bürgermeister Winfried Abicht kann fortfahren: „Nach einem sehr erfolgreichen Trockenmauerprogramm ist die Öffnung stark verbuschter Trockenhänge eine perfekte Ergänzung.“ Denn die schönste Trockenmauer kann dem anhaltenden Druck vom Wurzelwerk der Gehölze auf Dauer nicht standhalten.
Doch das ist nur ein Grund für das Projekt „Öffnung stark verbuschter Trockenhänge im Heckengäu“ der Stadt Mühlacker, das in diesem Jahr an den Start ging. Viele Fliegen mit einer Klappe werden mit der Konzeption geschlagen, erläutert Dr. Markus Röhl von der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Röhl: „Auf südexponierten Offenlandschaften lebt eine Vielzahl seltener Tier- und Pflanzenarten.“ Lässt man der Natur ihren Lauf und die Flächen zuwuchern, geht diese Artenvielfalt verloren. „Außerdem handelt es sich um ein historisches Stück Kulturlandschaft“, so der Biologe weiter. Für die Gemeinde sei weiterhin interessant, dass die Trockenhänge als Ausgleichsflächen beim Ökokonto ins Gewicht fallen. Gründe genug also, das knapp 13000 Euro teure Vorhaben in Angriff zu nehmen. 20 Hektar groß ist die Erdkrume, die es von einem Zuviel an Vegetation zu befreien gilt. 50 Prozent der Kosten fließen aus Fördermitteln des Plenum Heckengäu, einem Projekt des Landes Baden-Württemberg zur Erhaltung und Entwicklung von Natur und Umwelt.
Eine Schwierigkeit an der Umsetzung der Pflegekonzeption in Mühlacker ist die Vielzahl der Besitzer der kleinen Landparzellen. In dieser Sache arbeiten Kommune und Hochschule Hand in Hand. So konnten allein 200 Briefe an die Eigentümer von nicht bewirtschafteten Flächen beim Enzhang zwischen Enzberg und Mühlacker von der Hochschule losgeschickt werden. In den Schreiben wird über das Projekt aufgeklärt und angeboten, die unentgeltliche Pflege durch Beweidung zu übernehmen. Der Rücklauf von 130 Antworten war „eine verdammt hohe Quote“, so Röhl. Teilweise hapert jedoch die Zustimmung an schwierigen Besitzverhältnissen, wie beispielsweise bei Erbengemeinschaften. Ein O.K. über weite Distanz kam dafür aus Alaska: „Macht mal“, habe der Besitzer aus dem fernen US-Bundesstaat den Nürtingern gesagt.
Manchmal ist bei den brach liegenden Hängen eine Erstpflege durch die Stadt nötig, bei der zunächst Gehölze entfernt werden. Dann schlägt die Stunde der Tierhalter. Der Großglattbacher Nebenerwerbslandwirt Björn Faßbender ist einer davon. Sein Faible für bedrohte Nutztierrassen zeigt sich schon in der kleinen Herde aus Ziegen und Schafen, die am Weihinger Berg anwesend ist. Neun Raritäten, darunter Skudde, Schwarzwaldziege, Rhönschaf und Braunes Bergschaf, werden von Hütehund Monty – ebenfalls ein seltenes Stück – in Schach gehalten. Faßbender: „Die alten Nutztierrassen gefallen mir besser. Außerdem sind sie robust und anspruchslos.“ Der Großglattbacher, hauptberuflich Karosseriebauer, führt seine Tiere nach Feierabend mit Montys Hilfe von einem Standort zum anderen. Erst, wenn eine geschlossene Schneedecke das Grünzeug bedeckt, kommen die Tiere in den Stall.
Im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung des Projekts obliegt der Hochschule Nürtingen-Geislingen unter anderem die Benachrichtigung der Besitzer, die Ausarbeitung einer Pflegekonzeption sowie die Erhebung von Flora und Fauna vor und nach Öffnung der Flächen. Anne Rulle vom Plenum Heckengäu betont als weiteres Ziel, dass „die Bürger vor Ort mitmachen“. Ein Naturschutz von unten nach oben werde angestrebt und „schützen durch nützen“.
Faßbenders Schafe und Ziegen leisten derweil nebenan ihren Beitrag. Bürgermeister Abicht dazu: „Danke auch an die Schafe!“
Weitere, am Projekt interessierte Eigentümer können sich möglichst zeitnah bei der Hochschule Nürtingen-Geislingen unter der Telefonnummer (07022) 404215 bei Corinna Wendler melden.
