Donnerstag, 24. Mai 2012

Flucht aus der islamischen Welt


Die Autorin Serap Çileli hat in der Buchhandlung Kern aus ihrem neuen Buch „Eure Ehre – unser Leid“ gelesen. Foto: Schmid

Vaihingen – Serap Çileli ist eine Frau, die ihre Meinung offen sagt. Sie hilft jungen muslimischen Frauen bei der Flucht vor Zwangsheirat und extremen religiösen Zwängen. Deshalb steht sie in Deutschland unter Staatsschutz. Am Dienstagabend hat Çileli in Vaihingen ihr neues Buch vorgestellt: „Eure Ehre – unser Leid“.

„Bis zu meinem 30. Lebensjahr wusste ich nicht, welche Augenfarbe mein Vater hat“, sagt Serap Çileli. Ihre Eltern haben sie streng nach islamischen Regeln erzogen. Und die lassen keine Nähe zwischen Vater und Tochter zu. Die Meinung, dass Töchter fremdes Besitztum seien „und im Haus des Vaters nur aufwachsen“, sei in islamisch geprägten Regionen weit verbreitet. „Deshalb müssen die Mädchen mit Distanz erzogen werden“, sagt Çileli, die ab ihrem achten Lebensjahr nach der Schule jeden Tag ihre Familie bekochen und das Haus putzen musste. Mit 15 Jahren wurde sie in der Türkei zwangsverheiratet. Die Ehe dauerte sieben Jahre – bis die junge Frau nach Deutschland flüchtete.

Doch auch in Deutschland, fernab der Türkei und anderen islamisch geprägten Staaten, werden Zwangsheiraten arrangiert und extreme religiöse Zwänge gelebt. Deshalb hat Serap Çileli einen Verein gegründet, der jungen Frauen aus islamischen Familien bei der Flucht aus dieser Welt hilft. „Bisher haben rund 300 Betroffene Kontakt zu mir aufgenommen“, sagt sie. Ihr Verein trägt den Namen Peri. Im deutschen steht das für „Die gute Fee“.

Um auf die Problematiken von Zwangsheirat, Ehrenmord, Demütigung und Ehrverletzung aufmerksam zu machen, hat die gebürtige Türkin, die heute einen deutschen Pass besitzt und unter Staatsschutz steht, ein Buch mit dem Titel „Eure Ehre – unser Leid“ verfasst. Darin schildert sie, die Schicksale vieler Mädchen. Ihr Werk hat sie am Dienstagabend im Spitalkeller der Vaihinger Buchhandlung Kern vorgestellt.

Alle Betroffenen hätten eines gemeinsam. „Wenn sie leben, wie es ihre Eltern von ihnen verlangen, werden sie von deutschen Jugendlichen nicht verstanden und nicht akzeptiert“, sagt Çileli. „Und wenn die Mädchen nach dem Vorbild ihrer deutschen Jugendlichen leben, bekommen sie im Elternhaus Probleme.“ In einem Fall sei das so weit gegangen, dass einer jungen Frau gesagt worden sei, dass sie sich innerhalb einer Woche umbringen solle. „Sonst hätte die Familie das erledigt.“ Das Mädchen flüchtete mit Hilfe von Serap Çileli und leidet heute unter Depressionen.

Wichtig ist in der islamischen Welt, die sich heute „in Form einer Parallelgesellschaft“ auch in Deutschland etabliert hat, nicht nur, dass geheiratet wird, wer am meisten für das Mädchen bezahlt. Die Bräute sollen auch jungfräulich sein. „Beim Sex in der Hochzeitsnacht müssen sie bluten, sonst wird der Bräutigam misstrauisch.“

Das Paradoxe „an diesem Jungfreulichkeitsgetue“ sei, dass häufig die Väter gegen dieses Gebot der Ehre verstoßen. „Inzest und Missbrauch stehen in dieser Welt auf der Tagesordnung“, formuliert es Çileli scharf. Sie nennt ein Beispiel. Im Jahr 2006 habe der oberste islamische Imam, also Priester, Australiens eine Aussage getätigt, die in etwa so gelautet habe: Wenn man ein Stück Fleisch unabgedeckt ins Freie stellt und eine Katze es frisst, dann liegt das Problem beim Fleisch und nicht bei der Katze. „Und dann sagte er, dass eine Frau, die nicht verschleiert auf die Straße gehe, einen Missbrauch geradezu provoziere.“ Was in den vier Wänden einer Familie passiere, dringe oft nicht nach außen.

Sie fordert die deutschen Politiker auf, verbindliche Integrationskurse einzurichten, damit die türkischen Familien ein neues Weltbild vermittelt bekommen. „Zur Not muss man ihnen Sozialleistungen streichen, wenn sie nicht erscheinen“, sagt Çileli. Nur so könne man etwas verändern. Kinder könne man schließlich nicht nach einem alten islamischen Sprichwort erziehen, dass in etwa so laute: „Wer seine Tochter nicht schlägt, wird es später bitter bereuen.“ Am Ende ihres Buches zählt Çileli mehr als 70 Fälle von Ehrenmorden auf.

  • Serap Çileli: Eure Ehre – unser Leid, Blanvalet Verlag, 240 Seiten, 14,95 Euro.

Philipp-Marc Schmid


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