VKZ-Interview mit Revierleiter Gerd Esenwein
Vaihingen – Am 29. Oktober wird Gerd Esenwein als Leiter des Polizeireviers Vaihingen in den Ruhestand verabschiedet. 13 Jahre lang war der Erste Polizeihauptkommissar Chef in der Heilbronner Straße. Im Interview mit der Vaihinger Kreiszeitung zieht der 60-jährige Polizeibeamte eine Bilanz seiner Dienstzeit.
Sie haben zuerst Werkzeugmacher gelernt, dann kam der Wechsel zur Polizei. Was hatte das für Gründe?
Ich wollte schon immer zur Polizei, schließlich war mein Vater auch Polizeibeamter. Aber da ich nach der Schule noch zu jung war, lernte ich als Zwischenlösung Werkzeugmacher. Das hat mir auf jeden Fall gut getan, diese Erfahrungen in der Lehrwerkstatt bei der Firma Märklin in Göppingen zu machen.
Seit 13 Jahren sind Sie Revierleiter in Vaihingen. Kann man hier noch von einer heilen Welt sprechen?
Im Vergleich zu anderen Revieren in Stuttgart oder Ludwigsburg ist hier sicher noch die Welt mehr in Ordnung. Aber wir haben keine heile Welt, die Probleme sind höchstens nicht so intensiv und umfangreich und es gibt gegenüber anderen Gebieten eine vergleichsweise geringere Belastung.
Welcher Fall hat Sie in Ihrer Vaihinger Zeit am nachhaltigsten beschäftigt?
Das war zu Ostern 2000, als ein mit einer Pistole bewaffneter Mann ins Revier kam und auf die Kollegen geschossen hat. Dass so etwas in Vaihingen passiert, habe ich nicht für möglich gehalten. Das kennt man doch nur von größeren Städten. Auf so eine Erfahrung hätte ich aber gerne verzichten können.
Hat sich die Kriminalität im Laufe der Jahre verändert?
Ja, denn zum Beispiel die Internet-Kriminalität gab es früher nicht. Damit müssen wir als Polizei noch lernen umzugehen. Die Ermittlungen sind da oft schwierig, weil die Täter nicht am Ort sind, sondern vom Ausland agieren. Das ist für viele Geschädigte natürlich unbefriedigend, wenn wir da an unsere Grenzen stoßen. Es ist manchmal wie beim Hasen und Igel: Wenn man ein Phänomen im Griff hat, taucht schon ein neues auf. Festzustellen ist auch, dass es heutzutage viel schneller zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt. Während früher meist die Faust eingesetzt wurde, sind heute Messer, Schlagstöcke oder Baseballschläger an der Tagesordnung. Aber klar ist auch, wo Menschen zusammenleben, kann es immer wieder zu unliebsamen Kontakten kommen.
Gibt es Straßen oder Plätze im Bereich des Polizeireviers Vaihingen, bei denen Sie Bedenken hätten alleine hinzugehen?
Objektiv nein. Das Sicherheitsgefühl bei den Bürgern ist natürlich subjektiv etwas anderes. Bei einer Bürgerbefragung im Rahmen der kommunalen Kriminalprävention war eine Antwort, dass sich in der Grabenstraße in Vaihingen gegen 22 Uhr nur Männer aufhalten würden. Als Leiter des Polizeireviers kann ich die Frage aber verneinen.
Gibt es ein Erlebnis in Ihrer Zeit in Vaihingen, dass Sie besonders gefreut hat?
Da fällt mir spontan nicht so viel ein. Es ist klar, dass man sich freut, wenn sich die Bürger bedanken. Und bei der Schulwegeinweisung kommen immer wieder erwachsene Personen zu uns, die als Kind selbst mitgemacht haben und sich deshalb freuen, dass es diese Aktion immer noch gibt. Auf jeden Fall kann man sagen, dass man in Vaihingen gerne seinen Dienst machen kann. Wenn man mit der Uniform durch die Fußgängerzone läuft, wird man immer noch mit einem ‚Schönen Tag’ gegrüßt.
Der Umkehrschluss: Gibt es ein Ereignis, dass Sie besonders geärgert hat?
Da legt man den Mantel des Vergessens darüber. Aber insgesamt gibt es keinen Vorfall, wo es sich heute noch zu sagen lohnt, da habe ich mich maßlos geärgert.
Was war die brenzligste Situation in Ihrer Laufbahn als Polizist?
Das war bei der Streifendienstzeit in Esslingen. Da haben mein Kollege und ich einen jungen Mann nach einem Pkw-Aufbruch zu Fuß verfolgt, der angeblich eine Waffe gehabt haben soll. Ich war nahe dran, meine Dienstwaffe zu ziehen und auch einzusetzen, aber es war zum Glück nicht erforderlich, da mein Kollege ihm den Weg abschnitt und wir ihn festnehmen konnten. Es stellte sich heraus, dass der Flüchtige erst 16 Jahre alt war und keine Waffe bei sich hatte. Da stellt man sich im Nachhinein schon die Frage, wie hättest du dich gefühlt, wenn du wirklich geschossen hättest.
Mussten Sie schon einmal Ihre Dienstwaffe benutzen?
Gott sei Dank nein.
Was sind die Probleme, die die Polizei aktuell umtreiben?
Die Personalsituation ist da das Wichtigste. Bis zu 900 Stellen sollen im Land bis 2011 gekürzt werden. Dazu kommt, dass es derzeit kaum Nachwuchsbeamte gibt. Bei uns ist die Situation so, dass wir statt 73 Beamten nur 64 sind. Der fehlende Nachwuchs führt klar zu einer Schwächung der Dienstgruppen. Es ist schwierig, unsere fünf Dienstgruppen mit genügend Polizisten zu besetzen. Um die Mindeststärke von fünf Beamten zu halten, müssen bereits Leute aus dem Ermittlungs- und Tagesdienst eingesetzt werden.
Kann die Polizei mit ihrem derzeitigen Personalstand noch ihre Aufgaben bewältigen?
Ich will nicht ausschließen, dass es länger dauert, bis die Beamten vor Ort sind. Auch können wir bei größeren Veranstaltungen nicht mehr mit der Anzahl von Kräften wie seither präsent sein. Wenn Stellen gestrichen werden, dann kann es schon zu zeitlichen Verzögerungen kommen.
Sie werden mit der grünen Uniform in den Ruhestand gehen. Ist es schade, dass es keine blaue Uniform mehr gibt?
Nein, da habe ich kein größeres Verlangen.
Wie würden Sie das Ansehen der Polizei in der Öffentlichkeit beurteilen?
Für Vaihingen auf jeden Fall als gut, das erlebt man immer wieder. In der ländlichen Struktur ist das Ansehen da, das zeigt sich auch darin, dass wir zu vielen Veranstaltungen eingeladen werden. Auch können wir problemlos an Schulen gehen und haben hier einen guten Kontakt zu den Schülern.
Was vermissen Sie bei der Polizeiarbeit von der Bürgerschaft?
Das ist der falsche Ansatz. Richtig ist, dass die Polizei noch mehr auf die Bürger zugehen muss, dass wir noch bürgergerechter werden. Wir müssen daran arbeiten, unsere Arbeit noch transparenter zu machen, dann kommen auch keine Fragen mehr, ob man die Polizei um drei oder vier Uhr morgens anrufen könne und ob dies etwas koste. Da ist die Polizei in der Pflicht. Wir sind auch bei Straßenfesten oder der Messe präsent, damit die Leute die Scheu verlieren. Polizeibeamte sind auch nur Menschen aus Fleisch und Blut.
40 Jahre im Polizeidienst: Hat man da nicht die Nase voll?
Nein. Ich interessiere mich weiterhin, was aus der Polizei wird, wie es mit dem Revier Vaihingen weitergehen wird. Das natürlich aus der Entfernung. Ich kann aber nicht sagen, Gott sei Dank ist alles vorbei.
Wie würden Sie Ihren Führungsstil bezeichnen?
Ich würde ihn als kooperativ bezeichnen. Als Revierleiter ist man vorwiegend mit Personalfragen beschäftigt und da muss natürlich auch entschieden werden. Klar ist, dass manche Dinge bei den Betroffenen nicht immer auf Wohlwollen stoßen. Das vertrauliche Du bietet sich in dieser Position nicht an. Ich bin nur mit zwei Leuten auf dem Revier per Du.
Sie sind Erster Polizeihauptkommissar, ihr Nachfolger Markus Bauder ist Polizeirat.
Alle Polizeireviere im Land sind oder werden mit einem Polizeirat mit einem goldenen Stern auf der Schulter besetzt.
Mit welchen Problemen wird sich Ihr Nachfolger beschäftigen müssen?
Die Personalverwaltung wird ihn noch heftiger treffen. Die große Geschichte ist der Nachwuchsmangel.
Was macht ab nächsten Monat der Privatmann Gerd Esenwein?
Ich werde mich erst einmal um den Garten und um Sachen rund ums Haus kümmern. Dann sind ein paar Reisen geplant, so eine Ägypten-Reise mit meiner Frau. Auch der Urlaub mit dem Wohnwagen wird einen Teil der Freizeit einnehmen. Dann will ich mich in meiner Heimatgemeinde noch in einer ehrenamtlichen Tätigkeit einbringen. Ich fühle mich wohl und gesund und hatte ja genügend Zeit, mich auf den Ruhestand vorzubereiten.Fragen von Uwe Bögel
