Donnerstag, 24. Mai 2012

Idealismus beim Thema Mostäpfel gefragt


Im Ländle 2008: gute Ernte, schlechte Preise. Foto: Rücker
Im Ländle 2008: gute Ernte, schlechte Preise. Foto: Rücker

Vaihingen (sr) – Besitzer von Mostäpfeln haben es in diesem Jahr besonders schwer. Durch einen massiven Preiseinbruch rechnet sich das Auflesen der Früchte so gut wie gar nicht mehr. Dabei sollte die Pflege und Bewirtschaftung heimischer Streuobstwiesen angemessen honoriert werden, findet Nabu Streuobst-Experte Dr. Markus Rösler.
Da fährt’s manchem schon vom Zuschauen ins Kreuz: Obst auflesen ist nicht nur pures Vergnügen an der frischen Luft, sondern ein „Sau-G’schäft“, wie der Schwabe zu sagen pflegt. Wenn für die Schweißtropfen und das Ziepen in den Knochen am Ende einige Euro rausspringen, mag das für viele ein Anreiz sein. Doch die Preise, die in diesem Jahr bei den Annahmestellen für Mostäpfel gezahlt werden, können kein Köder für die Mühe im Baumstückle sein. Bei vier bis fünf Euro, den der Doppelzentner Äpfel (wir haben berichtet) in unserer Region Anfang der Woche noch einbrachte, muss schon ein gewaltiges Quäntchen Idealismus bei der Arbeit dabei sein.
Erhard Schelling aus Kleinglattbach ist vom Preisgeschehen um die Äpfel eher unbeeindruckt: „Wir mosten selbst.“ Der Saft wird im Keller gelagert und um Weihnachten herum ist der Most ausgereift. Die Äpfel von drei Hochstämmen auf einem Grundstück in Kleinglattbach liest er für eine Bekannte zusammen. Auf dem eigenen Stückle in Sersheim sei in diesem Jahr „mit Obst nichts los“. 14 Zentner, also sieben Doppelzentner Äpfel sind die Ausbeute, die die beiden Obsternter für rund fünf Stunden Arbeit einsacken können. Der Stundenlohn, der bei der Abgabe an einer Sammelstelle pro Person hängen bleiben würde, wäre dürftig. Rein hypothetische Frage: Würde er auch auflesen, wenn das Obst zur Annahmestelle käme? „Wir würden die eigenen Äpfel trotzdem sammeln, einfach, damit das Obst nicht liegen bleibt“, so Schelling.
„Der Markt ist insgesamt momentan eine große Katastrophe“, bringt es Dr. Markus Rösler aus Ensingen auf den Punkt. Der Sprecher des Bundesfachausschusses Streuobst vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu): „Im letzten Jahr lag der Maximalpreis für den Doppelzentner Mostäpfel in Baden-Württemberg bei 18 Euro.“ 2007 hatte eine „katastrophale Missernte“ in Polen dazu geführt, dass die Keltereien Angst gehabt hätten, dass ihnen das Obst weggekauft wird. Daher bestand von Anfang an ein hohes Preisniveau. Rösler: „Aus Sicht der Keltereien war das sehr hoch, aber aus Sicht der Streuobstbewirtschafter war die Arbeit nach vielen Jahren endlich einmal rentabel.“ Nachdem in diesem Jahr Baden-Württemberg eine extrem große Apfelernte verzeichnen kann, in Polen ebenfalls keine Ernteausfälle zu beklagen sind und die Keltereien noch Saftvorräte besitzen, sei der Preis für das Mostobst in den Keller gerutscht.
Im Ländle wurden für den Doppelzentner (Stand 5. Oktober) im Durchschnitt 8,33 Euro gezahlt. Wobei ein Preisgefälle vom Süden in Richtung Norden üblich sei – Bodensee: zehn Euro, Mittlerer Neckarraum: fünf bis sechs Euro. Die Krise beim Safthersteller Kumpf (siehe VKZ von gestern), der „überregional bedeutsam ist, einen guten Ruf und gute Produkte hat“, so Rösler, habe auch bei anderen Keltereien Auswirkungen gezeigt. Aus „Angst vor Überflutung“ wurde dann teilweise auf Lohntausch umgestellt. Das heißt, die Äpfel werden nicht mehr bezahlt, sondern gegen Saftgutscheine angenommen. Innerhalb der Bundesrepublik herrschen große regionale Preisunterschiede, berichtet der Nabu-Experte. In Baden-Württemberg und Bayern wird die Freude über eine große Ernte durch die niedrigsten Preise getrübt. In Sachsen-Anhalt wird beispielsweise eine schlechte Obsternte mit 10,26 Euro pro Doppelzentner vergütet.
„Der Markt ist in einer unguten Situation, die Preise sind insgesamt viel zu niedrig“, sagt Rösler. Außerdem sei es wohl so, dass die Mostereien ihre Kunden zum Lohntauschverfahren zwingen möchten. „Für Kunden mit geringen Mengen ist das kein Problem“, kommentiert Rösler, „aber große Streuobstbewirtschafter gucken in die Röhre.“ Doch auch bei Preisen von vier Euro pro Doppelzentner lohne sich das Auflesen eigentlich nicht. Dieser Preisverfall habe keine positiv-nachhaltige Wirkung und schade somit den Streuobstbeständen.
Doch auch den Konsumenten kommt beim Thema Mostäpfel und Streuobstwiesen eine wichtige Rolle zu. Rösler: „Verbraucher sollten regionale Säfte kaufen und dafür mehr bezahlen.“ Der Nabu bemühe sich schon länger darum, dem Verbraucher klar zu machen, dass gute Lebensmittel mehr kosten. Nach einer Kalkulation des Nabu-Bundesfachausschusses Streuobst sind 20 Euro für den Doppelzentner für eine rentable Bewirtschaftung der Streuobstwiesen erforderlich. „Genauso wie Milchbauern zu Recht 40 Cent pro Liter Milch fordern, sollten die Obstbauern 20 Euro pro Doppelzentner Streuobst erhalten“, sagt Rösler.
In Baden-Württemberg stammen in diesem Jahr rund 80 Prozent der Mostäpfel von Streuobstwiesen, der Rest komme von Nieder- oder Halbstämmen. „Der Biotoptyp Streuobst hat wichtige soziale, ökologische und ökonomische Aufgaben in der Gesellschaft“, formulierte Staatssekretärin Friedlinde Gurr-Hirsch bei einem Fachgespräch zum Erhalt und Förderung der Kulturlandschaft Streuobst.


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