Donnerstag, 24. Mai 2012

Raucher-Tourismus


Seltener Rauch in den Gaststätten.Foto: Bögel
Seltener Rauch in den Gaststätten.Foto: Bögel

Vaihingen (ub) – Auch bei kühlen Temperaturen kommt das kommunikative Element nicht zu kurz. Rund um den Aschenbecher tauschen die Qualmer Tipps aus. In welcher Lokalität kann der Sucht nach dem Glimmstängel noch gefrönt werden? Wo sind ansprechende Raucher- und Nichtraucherräume? Seit dem Rauchverbot in öffentlichen Gaststätten ab dem 1. August hat ein regelrechter „Raucher-Tourismus“ eingesetzt.
Beim Gespräch mit Thilo und Rob Karst, Betreiber der Seemühle 11 zwischen Vaihingen und Roßwag, kommt prompt die Anfrage: Eine Dame möchte eine Weihnachtsfeier ausrichten – aber nur in einem Raucherraum. In der Kneipe, „in der man auch gut essen kann“, so die Eigenwerbung, gibt es einen separaten Nebenraum mit 40 Sitzplätzen für die Raucher. Daneben ist noch eine sogenannte Zigarrenlounge. „Es kann gut an einem Abend passieren, dass der Raucherraum gut gefüllt ist und kein Mensch im rauchfreien Bereich sitzt“, wissen die Karst-Zwillinge um die Bedürfnisse ihrer Kundschaft.
An einem anderen Tag geschehe genau das Gegenteil – der Raucherbereich ist verwaist, das gesellschaftliche Leben spielt sich in der nikotinfreien Zone ab. Als wichtig sehen es die Seemühle-Gastronomen aber an, dass es in ihrer Lokalität einen abgetrennten Bereich für die Qualmer gibt. „Während des Umbaus ist die Diskussion über das Rauchverbot in den Gaststätten hochgekommen und da haben wir uns entschieden, unsere Kneipe zu vergrößern und einen extra Raum für Raucher zu schaffen.“
Das wird vom Publikum honoriert. „Es gibt ganz klar Gäste, die sind explizit auf der Suche nach Gastästätten, wo das Rauchen noch möglich ist“, sagen die Karsts „Eine Frau aus Leonberg ist zufällig einmal hier vorbeigekommen; jetzt ist sie regelmäßig zu Gast und bringt immer wieder Freunde mit.“ Auch ein Stammgast zur Mittagszeit genießt in der Seemühle die Zigarre zum Kaffee. Karst: „Er sagte, dass wir die letzte Rettung seien.“
Thilo und Rob Karst begrüßen trotzdem das Rauchverbot in den Gaststätten. „Wir sind froh, dass wir beim Schaffen nicht im Qualm stehen müssen.“
Die Zigarette zum Feierabendbier ist auch im Landgasthof Rebstock in Horrheim möglich. „Wir haben bereits bei unserem Antritt vor zweieinhalb Jahren den Raucher- und Nichtraucherbereich eingeführt“, erzählen Jeanette und Matthias Koch. Die Räumlichkeiten der Gaststätte in der Klosterbergstraße bieten sich für diese Symbiose an: Es sind völlig getrennte Räume, verschiedene Eingänge, das Essen muss nicht durch den Rauch getragen werden. „Wir hören sehr viel Positives“, zieht Inhaber Matthias Koch eine Bilanz. „Viele Gäste kommen hierher, weil sie noch rauchen können.“
Allerdings durchzieht der Qualm das dafür vorgesehene „Jägerzimmer“ meist nur zur Abendzeit. Aschenbecher werden nur auf Anfrage gereicht. Beim Mittagessen würden die rauchenden Gäste den Weg vor die Tür suchen. Bei kalten Temperaturen erwärmt hier noch ein Heizstrahler das rauchende Klientel. „Schließlich sollen sich meine Gäste draußen nicht erkälten.“
Am Samstag sei ein Ehepaar zum Essen da gewesen; er Raucher, sie Nichtraucher. Der freudige Kommentar des Rauchers: „Prima, dass ich hier noch rauchen darf und nicht alles verboten ist.“ Das ist auch die Meinung von Matthias Koch: „Die Wirte sollten selbst entscheiden dürfen, ob sie ihr Lokal zum Rauchen freigeben oder nicht.“
Lokale, die aber keinen extra Raum für die Raucher ausweisen können, verlieren im Zweifelsfall das qualmende Publikum. Nach Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes Baden-Württemberg befürchten vor allem kleine Lokale und Diskotheken um ihre Existenz. Im Schnitt meldeten die Kleinbetriebe und Discos nach dem Rauchverbot einen Umsatzrückgang von 19,3 Prozent.


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