Die Nacht des Wartens: Der letzte Harry Potter ist da
Vaihingen (ev) – Zwei Schauspieler (Torsten Fuchs und Sarina Schnizer) haben Harry-Potter-Fans in Vaihingen in der Nacht von Freitag auf Samstag mit einer Lesung auf den siebten und letzten Band eingestimmt. Den gab es nämlich auch in der Buchhandlung Kern erst ab 0.01 Uhr zu kaufen. Die begeisterten Zuschauer konnten es kaum abwarten.
Auf dem Tisch liegt der neue Band: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes. 767 Seiten warten darauf, gelesen zu werden. Wie geht die Geschichte um den jungen Zauberer weiter? Besiegt er Voldemort? Spannung liegt in der Luft, doch ans Lesen ist noch nicht zu denken.
Seit Freitag steigt die Nervosität mit jeder Minute: Um 22 Uhr öffnet die Buchhandlung Kern ihre Tore. 90 Harry-Potter-Fans stürmen in den dunklen Keller, mehr als Inhaber Lars Keller gedacht hat. Er ist gerade damit beschäftig, weitere Stühle herbeizuschleppen.
Kerzen tauchen den Raum in ein weiches Licht, eine Eule steht auf der kleinen Bühne. Als dann auch noch ein kleiner Junge im Harry-Potter-Kostüm vorbeisaust, hat fast jeder das Gefühl, in den alten Räumen von Hogwarts, dem Internat für Zaubernachwuchs, zu sein.
Torsten Fuchs und Sarina Schnizer sitzen bereits auf der Bühne. Lars Keller hat die beiden für die Harry-Potter-Nacht engagiert. Sie sollen das Publikum in Stimmung bringen, mit Episoden aus Band 6. Das neue Buch ist zwei Stunden vor dem offiziellen Verkaufsstart noch unter Verschluss. Niemand hat bisher in den Seiten geblättert. Niemand?
Doch, Lars Keller hatte die Bücher schon in den Händen. Am Mittwoch kam die Lieferung an. „Die erste Seite habe ich auch schon gelesen“, gibt er zu.
Das Publikum muss sich noch gedulden. Torsten Fuchs und Sarina Schnizer beginnen zu lesen: Kapitel 1 – Der Minister. Abwechselnd schlüpfen sie in die Rollen der Figuren, hauchen ihnen Leben ein. Der Ausschnitt ist gut gewählt, tauchen doch alle wichtigen Figuren in ihm auf. Wie kam Voldemort zurück, wer ist Harry Potter und was ist in der magischen Welt bisher passiert? Die Zuhörer sind wieder mitten drin im Geschehen und es dauert nicht lange, bis alle an den Lippen der Vorleser hängen, mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Vor allem Fuchs schafft es, mit seinen Stimmenimitationen das Publikum zum Lachen zu bringen oder in Angst und Schrecken zu versetzen.
Eine halbe Stunde vor Mitternacht legen die beiden Schauspieler nach einem weiteren Kapitel eine kleine Pause ein. Raphael Gärtner, der kleine Junge im Harry-Potter-Kostüm, klettert mühsam die Stufen zum Hof hinauf. Hinter ihm seine Mutter, verkleidet als Minerva McGonagall. „Ich bin so müde. Dabei hat mir die Vorstellung sehr gefallen“, schimpft der Neunjährige vor sich hin. „Ich habe mich heute Nachmittag extra ausgeruht“, seufzt der kleine Junge mit schwarzer Brille und schwarzem Umhang und macht sich traurig auf den Heimweg.
Für die anderen wartet noch ein Ausschnitt aus dem letzten Kapitel. „Hoffentlich dauert das nicht länger als Mitternacht“, flüstern ein paar Mädchen im Publikum, das übrigens aus Alt und Jung bestand.
Es ist 24 Uhr, die Lesung ist beendet. Nur noch eine Minute, die Leute rutschen unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Tick, Tick, Tick – der Zeiger bewegt sich nur mühsam voran. Lars Keller läuft zu einer Kiste, nimmt den Kerzenständer, der darauf steht und öffnet den Deckel. Ein Teil der 400 Bücher, die Keller bestellt hat, kommt zum Vorschein. Es ist 0.01 Uhr. Die Kinder und Jugendliche aus dem Publikum rennen zu den Büchern, knuffen, kneifen schubsen – jeder will das Werk als erstes in den Händen halten.
Ein kleiner Junge hat sich bereits eines geschnappt, sitzt nun auf der Stufe zur Bühne und beginnt zu lesen. Sein Vater hat die 24,90 Euro zwar noch nicht bezahlt, aber der Bub bekommt nicht mehr mit, was um ihn rum geschieht. Nicht nur die Kleinen sind glücklich, das Buch in den Händen zu halten. Der 41-Jährige Axel Brauner aus Kleinglattbach ist bekennender Harry-Potter-Fan. „Ich bin der in der Familie, der dem siebten Band am stärksten entgegengefiebert hat. Deshalb lese ich ihn als erstes. Ich denke, bis Sonntag bin ich fertig“, erzählt er.
Der Ansturm um die Kasse legt sich langsam. Um halbeins ist der Keller leer, die Potter-Fans sind mit ihren Büchern auf dem Heimweg. Die Schreiberin dieser Zeilen hält es nun auch nicht mehr, sie öffnet das Buch und beginnt zu lesen: Die beiden Männer kamen aus dem Nichts, erschienen wenige Meter voneinander entfernt auf dem schmalen, mondhellen Weg. Einen Augenblick verharrten sie reglos. „Neuigkeiten?“, fragt der Größere der beiden. „Hervorragende“, antwortet Severus Snape....
