Donnerstag, 24. Mai 2012

Phänologischer Beobachter




Auszeichnung für Revierförster Ulrich Weik. Foto: Rücker
Auszeichnung für Revierförster Ulrich Weik. Foto: Rücker

Vaihingen/Kleinglattbach (sr) Seit einem Vierteljahrhundert notiert Vaihingens Revierförster Ulrich Weik wann das Buschwindröschen blüht, wann die ersten Haselpollen fliegen und vieles mehr. Die Dokumentation ist Teil seiner ehrenamtlichen Tätigkeit als phänologischer Beobachter. Gestern erhielt er dafür im Vaihinger Rathaus die Wetterdienstplakette vom Bundesminister für Verkehr.
 Der Birnbaum im Hausgarten steht unter Beobachtung und einige Tiere können sich seit diesem Jahr ebenfalls nicht mehr unerkannt in Kleinglattbach bewegen. Denn Vaihingens Revierförster Ulrich Weik erhebt als ehrenamtlicher Mitarbeiter des Deutschen Wetterdienstes (DWD) seit 25 Lenzen Jahr für Jahr eine erstaunliche Menge an Daten. Dafür wurde ihm gestern die Wetterdienstplakette des Bundesministers für Verkehr verliehen. Überreicht wurde die Auszeichnung im Vaihinger Rathaus von Michael Gutwein, dem stellvertretenden Leiter der Regionalen Messnetzgruppe Stuttgart des Deutschen Wetterdienstes.
Weiks Notizen füttern die Datenbanken beim Referat Messnetze beim DWD. „Das Buschwindröschen hat dieses Jahr spät angefangen zu blühen“, sagt der 60-Jährige und wühlt in seinen Erhebungsbögen. Am 22. März hatten sich die ersten weißen Blütensterne gezeigt, im letzten Jahr konnte sich der Naturfreund schon am 3. März darüber freuen.
Phänologie bedeutet wörtlich übersetzt Lehre der Erscheinungen. Regelmäßig wiederkehrende Wachstums- und Entwicklungserscheinungen der Pflanzen spielen für Ulrich Weik in seiner ehrenamtlichen Tätigkeit die Hauptrolle. Die Eintrittszeiten charakteristischer Vegetationsstadien werden als Phasen bezeichnet. Sie werden beobachtet und schriftlich festgehalten. Da sie in enger Beziehung zur Witterung und zum Klima stehen, sind die phänologischen Daten Grundlage für vielseitige wissenschaftliche Untersuchungen.
Blattentfaltung, Blüte, Fruchtreife und Laubverfärbung stehen im Fokus. Und so hat Förster Weik sein Tagebuch für phänologische Beobachtungen meist am Mann oder wenigstens auf dem Schreibtisch. Natürlich habe er schon von Berufs wegen das Fallen der ersten Eichele oder den Maitrieb der Fichte gedanklich registriert, „aber aufgeschrieben habe ich das nicht“, so der Kleinglattbacher.
Durch Zufall sei er vor 25 Jahren auf eine Anzeige im Amtsblatt gestoßen, in der ein phänologischer Beobachter für den Standort Kleinglattbach gesucht wurde. Seitdem notiert Weik akribisch den Blühbeginn seines Haselstrauches und den Aufgang der Winterweizensaat auf den nahen Feldern – und richtet unter Umständen auch den Urlaub danach. Zu 73 Pflanzenarten können in den Bögen des DWD Notizen zu mehr als 200 Entwicklungsphasen gemacht werden. Am Ende des Jahres wird die Tabelle wieder an den DWD zurückgeschickt. Ein weiterer Blick auf den Weikschen Erhebungsbogen 2009 bestätigt zum Beispiel, dass der diesjährige Winter lang und frostig war. Das Schneeglöckchen habe erst am 11. Februar den Vorfrühling eingeläutet. „Gegenüber anderen Jahren fast drei Wochen später als sonst“, stellt Weik fest.
Seit diesem Jahr kommt per Post auch noch ein Erhebungsbogen für Tierbeobachtung ins Haus geflattert. Wann der Kuckuck zum ersten Mal ruft, wann alle Schwalben fort sind und vieles mehr, wird darauf schriftlich festgehalten und an die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien weitergeleitet. Seit 2005 können DWD-Beobachter auf freiwilliger Basis am österreichischen Tierbeobachtungsprogramm teilnehmen. Die Daten sind, ebenso wie pflanzenphänologische Daten des DWD, im Internet einsehbar.
In der Anfangszeit als DWD-Beobachter „hat man sich schon reinschaffen müssen“, sagt Weik mit Blick auf die nicht ganz einfache Materie. Denn der Blühbeginn beim Buschwindröschen ist beispielsweise anders definiert als der Blühbeginn beim Beifuß. Inzwischen genügen für die Datenerhebung zwei bis drei Stunden die Woche. Weik: „Die Sache ist wirklich interessant.“ Der Rummel um die Wetterdienstplakette ist dem bescheidenen Ehrenamtlichen allerdings gar nicht so recht: „Ich brauch’ die Publicity nicht.“ Da widmet sich der Revierförster lieber in aller Stille den Knospen seines Birnbaums oder den Kätzchen des Haselstrauchs.

Interessenten, die Ulrich Weik bei seiner Arbeit als phänologischer Beobachter des DWD unterstützen möchten, können sich beim Forstrevier Vaihingen unter Telefon (07042) 15150 informieren.




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