Vaihingen/Hemmingen (aa). Die Euro-Maus ist eher ein Euro-Monster. Innerhalb von kaum fünf Minuten wandern fast 30 Tonnen Rüben auf die Lastwagen, die dann in Richtung Zuckerfabrik rollen. Auf den Feldern hat die Zuckerrübenernte ihren Höhepunkt erreicht.
Der Boden ist tief auf den Feldern am Ortsrand von Hemmingen. Doch Rolf Gutscher, Pilot der „selbstfahrenden Arbeitsmaschine zum Reinigen und Verladen der Zuckerrüben“, lässt sich davon nicht beeindrucken. Darf es auch nicht. Im 0,1-Kilometer-„Tempo“ gräbt die 299 PS starke Euro-Maus den Rüben-Berg mit 8,70 Meter breiten Walzen ab. Maximal 435 Tonnen Zuckerrüben pro Stunde. Die Knollen wandern über Förderbänder auf den Lastwagen, werden dabei auch noch so gut es geht von der anhängenden Erde befreit. Während des Verladevorgangs wird mit Hilfe einer Durchlaufwaage das Gewicht festgestellt und elektronisch an den Lkw-Fahrer übermittelt. Auf dem Bildschirm wird derweil die nächste Verladestelle angezeigt. Die Technik funktioniert hoch technisch. Wer sich noch an die Handarbeit beim Verladen an den Bahnhöfen erinnert, kann nur ungläubig den Kopf schütteln.
Die Rüben-Maus ist werktags rund um die Uhr im Einsatz; vier Fahrer wechseln sich ab. Einer davon ist Rolf Gutscher vom Hardt- und Schönbühlhof. Und auch die Lkws rollen zwangsläufig 24 Stunden am Tag. Gerade hat Gutscher die Nummer 17, die von Marcus Uhlig aus Hochdorf gelenkt wird, gefüllt, da kommt auch schon die Nummer 16 angerollt. Hier sitzt Jens Orth aus Sersheim hinterm Steuer. Sie kutschieren ihre Ladung in die Zuckerfabrik nach Offenau bei Heilbronn. Zwischen zweieinhalb und drei Stunden sind sie pro Tour unterwegs – wenn es gut läuft und es keine Staus auf der A81 gibt. 12550 Tonnen Rüben werden im Südzucker-Werk Offenau täglich angeliefert. Das sind über 400 Lkw-Ladungen. In der Fabrik wird nochmals gewogen und natürlich der Zuckergehalt festgestellt.
Die Abfuhr der Rüben wird seit vielen Jahren über die Landwirtschaftliche Maschinengenossenschaft für Zuckerrübenanbauer (LMZ) organisiert. Sie hat zwei Lademäuse im Einsatz und arbeitet mit 17 Lastzügen. Die bäuerliche Genossenschaft betreut den Kreis Ludwigsburg und auch diverse Randgemeinden im Enzkreis (etwa Illingen und Mühlacker) sowie im Kreis Heilbronn (Brackenheim, Neckarwestheim). Vorsitzender der Genossenschaft ist Horst Stegmaier aus Erdmannhausen; im Bereich West um Vaihingen organisiert Hans Buck aus Oberriexingen den Einsatz.
Generalstabsmäßig muss die Ernte koordiniert werden. Da eine große Menge Rüben erwartet wurde, begann die Kampagne bereits am 14. September. Nach Lage der Dinge wird sie im hiesigen Bereich bis zum 22. Dezember dauern. Von Jahr zu Jahr erfolgt ein Wechsel mit den Terminen, denn natürlich will kein Landwirt ständig am Beginn der Kampagne liegen (es gibt ja da noch einen Zuwachs) und auch nicht am Ende (da drohen unter Umständen in kalten Nächten Frostschäden).
Sind die Landwirte mit der Rübenernte 2009 zufrieden? Diese Frage kann Gerhard Rothacker, Landwirt aus Pulverdingen und seit elf Jahren Mitglied im Ausschuss des Verbandes baden-württembergischer Rübenanbauer, beantworten. „Wir dürfen in diesem Jahr bestimmt nicht klagen“, sagt er. Der Hektar-Ertrag liege bei rund 75 Tonnen (der Durchschnittswert beträgt 68 Tonnen). Und auch der Zuckergehalt liege mit 18,5 Prozent über dem Mittelwert (17,5). Der Witterungsverlauf sei ideal gewesen, was man vom Preis nicht sagen könne. Mit rund 30 Euro/Tonne liege er auf dem tiefsten Niveau seit Jahren. Rothacker hat in seinem Wahlbezirk 225 Rübenanbauer, die 1150 Hektar bewirtschaften. Gerodet sind nach seiner Einschätzung inzwischen 80 Prozent der Rüben, abgefahren etwa die Hälfte. Die Lkw-Fahrer – unter ihnen viele Landwirte – haben also noch viele Kilometer nach Offenau zu absolvieren, bevor sie die Fahrzeuge, die nur für die Rübentransporte in Betrieb genommen werden, stilllegen. Doch die nächste Kampagne kommt bestimmt.
