Wurde im Rathaus Geld unterschlagen?
Sersheim (aa) – Im Rathaus von Sersheim sind Unregelmäßigkeiten in der Führung der Barkasse festgestellt worden. Nach den ersten Schätzungen handelt es sich um eine Summe von bis zu 220000 Euro. Die Gemeindeprüfungsanstalt (GPA) hat bestätigt, dass sie ab 9. Oktober eine Sonderprüfung durchführte und dabei „ungeklärte Geldabflüsse und ungeklärte Buchungsvorgänge“ festgestellt hat.
Bürgermeister Jürgen Scholz und sein Kämmerer Thomas Riedel wirken geknickt. Sie haben schon freudigere Ereignisse verkündet. Doch Scholz und Riedel haben inzwischen eingesehen, dass der Fall nicht mehr geheim gehalten werden kann und sich zwangsweise an die Spitze der „Aufklärungsbewegung“ gesetzt. Schon vor Wochen hatte Jürgen Scholz den Gemeinderat informiert und die Mitarbeiter eingeweiht.
„Unsere Anhaltspunkte haben sich offensichtlich bestätigt“, müssen der Schultes und sein Kämmerer eingestehen. Welche Anhaltspunkte? Bei der Übergabe der Kassengeschäfte an eine andere Mitarbeiterin waren im vergangenen Jahr Ungereimtheiten aufgefallen. „Wir haben daraufhin die Kommunalaufsicht und die Gemeindeprüfungsanstalt informiert und die GPA um eine Sonderprüfung gebeten“, sagt Scholz. Rechtliche Schritte gegen die unter Verdacht stehende Mitarbeiterin werde man nach Vorliegen des Prüfungsberichts in Absprache mit einem Rechtsanwalt und der GPA einleiten.
Markus Günther, Vizepräsident der GPA, bestätigt die Aussagen von Jürgen Scholz. „Im Bericht zur letzten Routineprüfung der Gemeinde Sersheim für die Jahre 2003 bis 2006 haben wir gewisse Defizite in der Kassenprüfung angemahnt“, meint Günther gegenüber der Vaihinger Kreiszeitung. Der Wechsel in der Kassenführung habe die Gemeinde veranlasst, um eine Sonderprüfung zu bitten.
In den letzten Wochen wurden alle Belege ab 2003 unter die Lupe genommen. Günther: „Es gibt ungeklärte Buchungsvorgänge und ungeklärte Geldabflüsse. Es war allerdings nicht unsere Aufgabe, sie einer Person zuzuordnen.“ Die GPA will bis Ende nächster Woche ihren Prüfbericht vorlegen. Bürgermeister Scholz sei in der vergangenen Woche bereits mündlich unterrichtet worden. Was personal- und strafrechtlich geschehe, müsse von der Gemeinde entschieden werden. Günther: „Wir legen nur dar, was wir festgestellt haben.“
„Ich bin auch menschlich brutal enttäuscht und absolut erschüttert“, kommentiert Jürgen Scholz den Vorfall, den er als Katastrophe wertet. „Das hätte ich mir nie und nimmer vorstellen können. Wir hatten lange Zeit keinerlei Anhaltspunkte, dass so etwas passieren könnte.“ Einen solchen Skandal habe die Gemeinde nicht verdient. Die in Verdacht stehende Mitarbeiterin habe seit Jahrzehnten für die Gemeinde Sersheim gearbeitet, als dienstbeflissen, korrekt und penibel gegolten.
Wie geht es weiter? Der Schultes will bis 1998 alle verfügbaren Belege unter die Lupe nehmen lassen (die Unterlagen aus den Jahren davor sind nicht mehr vorhanden, da nur eine zehnjährige Aufbewahrungspflicht besteht). Zudem sollen künftig zur eigenen Prüfung extern zweimal die Bücher und Kassen unter die Lupe genommen werden. Angedacht ist eine Neuorganisation der Kämmerei und die Abschaffung von Bareinzahlungen, denn: „Wo Geld und Menschen zusammenkommen, gibt es Verlockungen“ (Scholz). „Wir haben ein großes eigenes Interesse, den Fall lückenlos aufzuklären und Sicherungen einzubauen“, betont der Bürgermeister, „wir bekennen uns zur Verantwortung.“
Zu weiteren Angaben will man sich im Sersheimer Rathaus mit Hinweis auf das schwebende Verfahren nicht hinreißen lassen. Ein Schuldeingeständnis liege ebenfalls nicht vor. Es muss jedoch nicht groß spekuliert werden, dass die ins Visier genommene Mitarbeiterin die längste Zeit bei der Gemeinde beschäftigt war.
Die nächste Gemeinderatssitzung ist am Freitag (5. Dezember) geplant. Da soll nach Lage der Dinge eine Information erfolgen. Es könnte aber auch sein, dass das nichtöffentlich passiert – weil das ja bei Personalangelegenheiten so üblich ist…
