Jemand der bleibt, wenn’s schlimm wird
Vaihingen – Der November bietet mit Gedenktagen reichlich Gelegenheit, sich mit dem Thema Sterben und Trauer zu beschäftigen. Die VKZ versucht im Interview mit der Oberriexinger Pfarrerin Elke Gratz, Möglichkeiten einer heilsamen Trauerarbeit aufzuzeigen.
Frau Gratz, wie geht es Ihnen im November?
Ich mag den Monat nicht so sehr, außer die Sonne dringt durch den Nebel, so wie im Moment. Bei meinen Mitmenschen nehme ich wahr, dass sich die Gedenktage auf der Seele niederschlagen.
Was halten Sie vom Begriff „Trauerarbeit“?
Die Bezeichnung ist nicht verkehrt, man muss schon arbeiten. Die Trauer verläuft zwar bei jedem Mensch anders. Es werden aber bestimmte, immer wiederkehrende Themen von verschiedenen Phasenmodellen auf den Punkt gebracht. Ich finde das Gezeiten-Modell von Dr. Ruthmarijke Smeding sehr einleuchtend.
Und wie sieht das aus?
Die Trauer ist kein linearer Weg, sondern verläuft spiralförmig. Das tiefe Loch, das sich vor dem Hinterbliebenen auftut, kann im Laufe der Biografie zur Quelle werden, aus der Trauernde leben können.
Welche Phasen werden dabei unterschieden?
Die Schleusenzeit, die sich vom Erhalt der Todesnachricht bis zur Bestattung erstreckt, ist gekennzeichnet von Tränen, vom Gefühl der Ohnmacht und von vielen Anforderungen, die an einen Hinterbliebenen gestellt werden. Ärzte, Bestatter und Seelsorger, Freunde und Verwandte können in dieser Phase mit praktischen Hilfen eine Unterstützung sein. In der sich anschließenden Januszeit stürmen unterschiedliche Gedanken und Gefühle auf einen Trauernden ein. Alles scheint unwirklich, ein Gefühl der Leere und Zerrissenheit macht sich breit. Die Labyrinthzeit gleicht einem Wandeln durch einen Irrgarten, doch im Gegensatz dazu hat das Labyrinth eine Mitte, ein Ziel. Starke Gefühle und ruhigere Zeiten wechseln sich ab, was ein immer wieder erneutes Abschiednehmen bedeutet. In der Regenbogenzeit schließlich erfolgt eine Akzeptanz: Du bist gestorben und ich lebe weiter. Die Erinnerung und das Weiterleben können nebeneinander bestehen. Das Leben wird wieder bunt.
Was sollte man tun, wenn der Tod eines geliebten Menschen absehbar ist?
Die Zeit vor dem Tod ist sehr wichtig. Man sollte warmherzig miteinander umgehen und versuchen, Dinge zu klären, die zu klären sind. Dabei bestimmt der Sterbende und man muss sehr einfühlsam sein.
Was war Ihr erstes, eindrückliches Erlebnis mit dem Tod?
Ich war sechs Jahre alt, als meine Oma starb. Ich wollte sie nochmal sehen . Meine Mutter nahm mich an der Hand und hat mir neben dem Leichnam der Großmutter alle meine Fragen beantwortet.
Welche Rolle spielt die Art des Todes für die Trauerbewältigung?
Die meisten Menschen wünschen sich für sich selbst einen plötzlichen Tod – für die Angehörigen gibt es dagegen nichts Schlimmeres. Sie stehen viel länger unter Schock, als jene, die auf den Tod ihres geliebten Menschen vorbereitet sind. Sie brauchen viel mehr Zeit, um wieder zu sich selbst zu finden.
Wie ist die Situation nach einem Suizid?
Da spielen Schuldgefühle eine große Rolle, aber auch Wut: Warum hat der andere mir das angetan? Diese Wut taucht allerdings oft erst später auf, wenn ich sie mir zugestehen kann. Dann muss ich in eine innere Klärung mit dem Verstorbenen gehen, damit ich vielleicht ein Stück weit verstehen kann, warum er sich und mir das angetan hat. Nur so kann ich eventuell allmählich akzeptieren, dass der andere seinen eigenen Weg gegangen ist.
Wie können Freunde und Verwandte Trauernde unterstützen?
Indem ich als Nahestehender direkt frage: Wie geht es dir mit deiner Trauer und deinem Schmerz? Indem ich zeige, dass ich bereit bin, diese Trauer ein Stück weit zu teilen. Wichtig ist, dass man den Trauernden Gelegenheit gibt, über ihren geliebten Menschen zu reden. Und nicht aus lauter Vorsicht gar nicht mehr über den Verstorbenen spricht.
Gehen Männer und Frauen unterschiedlich mit dem Verlust des Partners um?
Frauen lassen ihre Trauer meist offener zu, sie setzen sich ihrem Schmerz mehr aus. Sie reden über ihren Verlust, über ihre Gefühle. Männer gestehen sich oft zu wenig Zeit zu und stürzen sich in Aktivitäten – und manchmal auch zu schnell in neue Beziehungen.
Ist die Trauerarbeit irgendwann einmal abgeschlossen?
Die Vorstellung, dass die Trauer einmal abgeschlossen ist, ist wohl nicht zutreffend. Es ist vielmehr die Seele, welche die Trauer gehen lässt und gleichzeitig dem Verstorbenen einen guten Platz einräumt. Dann kann so etwas wie Heilung geschehen. Auch diejenigen, die in einer neuen Partnerschaft leben, können immer wieder eine Sehnsucht und Wehmut nach dem Verstorbenen spüren.
Was waren ihre eindringlichsten Erlebnisse bei der Sterbe- und Trauerbegleitung?
Als ich mit Angehörigen das „Vater unser“ im Krankenzimmer gesprochen habe, hat der Sterbende – ein sehr alter, kranker Mann – die Worte „und vergib uns unsere Schuld“ mitgemurmelt. Bei einem anderen über 80-Jährigen hatten mich die Angehörigen gerufen, da der Kranke sehr unruhig war. Wir haben „Der Herr ist dein Hirte“ gebetet und das hat ihn ganz ruhig werden lassen und er konnte friedlich sterben. Das hat mich sehr berührt. Bei der Trauerbegleitung musste ich vor vielen Jahren den Eltern die Nachricht vom Tod des 20-jährigen Sohnes überbringen. Sie wollten gerade mit dem Auto losfahren und ihn suchen. Das Gesicht der Mutter werde ich nie vergessen.
Woher nehmen Sie die Kraft, all den Schmerz zu ertragen?
Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wieviel Kraft mir aus dem Glauben zufließt. Ich bin jemand der da bleibt und ein Stück mitgeht – auch wenn’s schlimm wird.
Könnten Sie sich Verbesserungen bei der Bestattungskultur vorstellen?
Ja, ich denke, für manche Hinterbliebene ist die starre Anordnung der Gräber, die auf manchen Friedhöfen vorgegeben ist, ein Problem – dazu auch manche Vorgaben in der Friedhofsordnung, die sehr detailliert regeln, wie ein Grab auszusehen hat. Da wünsche ich mir etwas mehr Toleranz und Freiheit für die Grabgestaltung – freilich gelegentlich auch mehr Barmherzigkeit und Verständnis unter Angehörigen und Friedhofsbesuchern für besondere Gestaltungsideen. Mit anonymen Gräbern habe ich ein Problem. In einigen Städten, wie zum Beispiel in Tübingen auf dem Bergfriedhof, wurde ein Teil des Friedhofs in eine Art Parklandschaft – spiritueller Weg – umgestaltet. Dort gibt es keine klassischen Gräber mehr, dafür aber schon noch Namensschilder, die auf die dort bestatteten Menschen hinweisen. Das könnte ich mir ebenfalls auf kleineren Friedhöfen vorstellen, auch in Oberriexingen, wo der Friedhof in nächster Zeit umgestaltet werden muss.
Wie stehen Sie zum Thema Feuerbestattungen?
Ich habe damit kein Problem. Meiner Ansicht nach ist es aber wichtig, dass bei der Abschiedsfeier der Körper des Toten anwesend ist. Dieser Abschied kann auch zu Hause im kleinen Kreis stattfinden, da der Tote laut Württembergischem Bestattungsgesetz 36 Stunden zu Hause verbleiben darf.
Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich weiß mich im Leben und auch im Sterben in Gottes Hand geborgen. Die Erfahrungen, die von vielen Sterbenden geschildert werden, bestärken mich in diesem Vertrauen. Sie spiegeln die Auferstehungshoffnung wider.
Fragen von Sabine Rücker
