Donnerstag, 24. Mai 2012

Große musikalische Leistung des MVV


Die Bläser beim Herbstkonzert. Foto: Arning
Die Bläser beim Herbstkonzert. Foto: Arning

VAIHINGEN (wes) – Mit dem Herbstkonzert des Musikvereins Vaihingen am Sonntag in der Stadthalle setzte Musikdirektor Bruno Gießer erneut markante Akzente und hoch angesetzte Maßstäbe, die von einem Orchester, in dem ausschließlich zwar enorm engagierte und überaus versierte, dennoch aber nur in ihrer Freizeit tätige Musikerinnen und Musiker mitwirken, im Allgemeinen nicht bewältigt werden. Die Besucher erlebten die Aufführung eines sinfonischen Werks, das den Orchestermitgliedern alles Können und Wollen abverlangte.
Doch bevor die Sinfonie Nummer drei mit dem Titel „Planet Earth“ von Johan de Meij auf die Bühne kam, stellten sich im sehr gut besuchten Herbstkonzert drei Instrumentalensembles und zwei Solistinnen vor. Das Blechbläserquintett leitete das Programm, durch das Elke Lang führte, mit der Suite „Wassermusik“ von Georg Friedrich Händel ein. Vom ersten Ton an bestach das Ensemble mit fein abgestufter und beeindruckend präziser Intonation. Es entstanden klangschöne und tempobetonte Wiedergaben der Sätze.
Die Vielseitigkeit des musikalischen Gestaltens, wie es unter dem Dach des Musikvereins Vaihingen geübt wird, trat bei diesem Herbstkonzert nicht zuletzt auch in der ungewöhnlichen Programmgestaltung zu Tage, indem beispielsweise zwei Solistinnen an Instrumenten ihr Können bewiesen, die in einem Blasorchester kaum mal zu hören sind.
 Julia Schrodt ist eine 17 Jahre junge Pianistin, die mit einer fein kontrastierten Interpretation des ersten Satzes der Sonate Nummer zwei, Opus 31, genannt „Sturmsonate“ von Ludwig van Beethoven überzeugte. Federleicht und sehr akzentuiert war der Anschlag, mit dem sie diesen anspruchsvollen Satz darbot, der im Tempo ständig zwischen zögerlich verhalten und drängend stürmisch wechselte. Zartere Klänge waren zu vernehmen, als Marlene Angerer an der Harfe den ersten Satz des Concerto grosso Nummer sieben in B-Dur aus Opus sechs von Georg Friedrich Händel ausführte. Marlene Angerer beglückte mit einer beachtlich virtuosen Ausführung.
Mit elf Angehörigen ist das Klarinettenensemble des MVV eine auffallend rund und voll klingende Instrumentalgruppe. Flott und unterhaltsam musizierte das Ensemble drei in ihrem Charakter unterschiedliche Sätze von George Jacob und erfreute mit dem heiteren Prelude „Bach goes to Town“, in welchem der Komponist Alfred Templeton barocke und jazzige Klangelemente miteinander verband und die beschwingt gespielt wurden. Fast schon orchestral war der Sound des neunköpfigen Saxophon-Ensembles.
0,Nach der Promenade aus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky stimmte diese Gruppe noch drei weitere temperamentvolle und sehr schwungvoll intonierte Stücke aus dem Bereich der unterhaltenden Musik an.
Von dem holländischen Komponisten Johan de Meij führte das Große Blasorchester des MVV unter Bruno Gießers risikofreudiger Leitung bereits die Suite „Der Herr der Ringe“ sowie seine zweite Sinfonie mit dem Titel „The Big Apple“, die New York-Sinfonie, auf. Im Jahr 2006 schrieb de Meij seine dritte Sinfonie für Großes Blasorchester und an dieses immens herausfordernde, dreisätzige Werk wagten sich Bruno Gießer mit seinen Musikern heran. Dabei ist festzustellen: Die große Aufgabe wurde mit Bravour bewältigt.
Am Ende der knapp einstündigen Aufführung waren die Zuhörer zunächst ergriffen, wie die sekundenlange absolute Stille in der Stadthalle bewies, um sich danach aber spontan von den Sitzen zu erheben und lang anhaltenden, jubelnden Beifall für diese unvergleichliche musikalische Leistung des Großen Blasorchesters des MVV, das in sinfonischer Stärke auf der Bühne Platz genommen hatte, zu spenden. Selbst langjährige treue Begleiter des Orchesters, wie beispielsweise Franz Herrmann, der früher durch die Programme führte, können sich nicht erinnern, so etwas jemals nach einem MVV-Konzert erlebt zu haben.
Die Sinfonie „Planet Earth“ ist ein großformatiges Musik-Epos, das im ersten Satz vom „Einsamen Planet“ in der Unendlichkeit des Kosmos erzählt, im zweiten Satz die Schönheit von Landschaft und Natur auf Erden beschreibt und im dritten Satz die alles Leben auf der Erde schaffende und erhaltende Energie preist. In seiner Vielfarbigkeit ist die Sinfonie eindringlich und voller emotionaler Ausdrucksdichte. In den drei noch tonal geschriebenen Sätzen kaum zusammenhängende melodische Motive hervor. Stattdessen erscheint das Werk rhapsodisch und lebt von seinen stark voneinander abweichenden Stimmungen, die zwischen mystisch verklärt und erhaben angesiedelt sind und sich im Finale zu einem aufrüttelnden Hymnus verdichten. Von den Mitgliedern des Großen Blasorchesters wurde die dritte Sinfonie von Johan de Meij in alles überragender Klangpracht, souverän und absolut professionell gestaltet dargeboten.
 Man muss im Land lange und weit suchen, bis man noch einmal ein „Liebhaber-Orchester“ von solch hochrangiger Qualität findet. Schon heute steht fest, dass die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Bruno Gießer, die oder der gerade gesucht wird, in sehr große Stiefel steigen muss.


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