Krugstätten erinnern an Flurbereinigung
Vaihingen (aa) – „Es wird höchste Zeit!“ Hans Herkommer, Vorsitzender der Vaihinger Flurbereinigungs-Teilnehmergemeinschaft (TG), sehnt das offizielle Ende der Umlegung herbei. Seit 1985 läuft das Verfahren, das durch den Bau der Schnellbahn strecke ausgelöst wurde. In dieser Woche wurden als bleibende Erinnerung zwei Krugstätten aufgestellt. Am Nebenweg im Weitfeld und bei den Enzweihinger Waldhöfen.
Das Bild passt. Auf der seitlichen Bank der Krugstatt am Nebenweg sitzt ein recht korpulenter Mann und ruht sich aus. Der Pforzheimer ist vom Bahnhof Vaihingen gekommen und will nach Oberriexingen wandern. Da kam ihm die Sitzgelegenheit gerade recht. „Es fehlt nur noch ein Kissen“, lacht er. Hans Herkommer und sein Vorstandskollege Konrad Krayl können sich freuen. Sie haben offensichtlich eine gute Platzwahl getroffen, auch wenn offensichtlich bei der Stadt und seiner Naturschutzabteilung erst Überzeugungsarbeit geleistet werden musste: „Da war man nicht gerade begeistert, dass wir die Krugstatt auf die Landschaftspflegefläche stellen wollten.“ Der Vaihinger Steinmetzmeister Lothar Morlock hat die beiden Krugstätten, jeweils 1,1 Tonnen schwer, 1,20 Meter hoch, 3,90 Meter lang, aus Maulbronner Schilfsandstein gebaut und die Inschrift „gespendet“.
An das riesige Verfahren muss doch auch sichtbar erinnert werden. Nicht nur durch neue Wege und strukturierte Fluren. Das war im Vorstand der TG immer wieder ein Diskussionsthema. „Wir wollen, dass nachfolgende Generationen an dieses Werk durch einen Gedenkstein erinnert werden“, sagt Hans Herkommer. Aus dem Gedenkstein wurden nun die beiden Krugstätten, für die insgesamt rund 7200 Euro aufgebracht werden mussten. Bei den Gesamtaufwendungen von 5,7 Millionen Euro (Kostenanschlag 6,8 Millionen) ist der Betrag nur ein Tropfen auf einen heißen Stein, zumal es auch noch einen Zuschuss von 4000 Euro aus Landesmitteln gab. Wegen der Größe der Flurbereinigung über vier Gemarkungen hinweg (Vaihingen, Enzweihingen, Kleinglattbach und Ensingen) wurden es zwei Krugstätten. Auf den Steinen sind die Namen der beteiligten Orte eingemeißelt und die Jahreszahlen 1995 und 2009.
Grundbuchberichtigung
noch nicht abgeschlossen
2009 soll wirklich Schluss sein mit dem Verfahren. Endgültig. „Wir haben die neuen Flurstücke im Oktober 2007 zur Grundbuchberichtigung an die Notare gemeldet“, sagt Helmut Türk von der Flurbereinigungsbehörde des Landratsamtes Ludwigsburg, „doch dort ist man noch nicht durch.“ Bis Ende 2009 soll das nach dem heutigen Stand der Dinge geschehen sein. Dann könnte auch die Teilnehmergemeinschaft aufgelöst werden.
„Es war eine gewaltige Aufgabe“, meint Hans Herkommer, der 1986 als 65-Jähriger direkt aus dem Berufsleben (Leiter des Landwirtschaftsamtes Pforzheim) heraus in den Ehrenamtsjob bei der Teilnehmergemeinschaft eingestiegen ist. 63 Sitzungen hat er in dieser Zeit geleitet. Die Wertermittlung auf vier unterschiedlichen Markungen war für ihn die größte Herausforderung. „Wir mussten einen Maßstab finden, um die Grundstücke vergleichen zu können.“ Die Aufgabe hat Hans Herkommer regelrecht umgetrieben. „Er ist damals ständig vor Ort gewesen bei den Ermittlungskolonnen“, weiß seine Frau Paula noch gut.
Der Vorsitzende hatte ein dickes Pensum zu erfüllen, musste ausgleichend wirken. Wie kann es geregelt werden, dass die Flächenüberhänge in Enzweihingen sinnvoll eingebracht werden (dort hatten mehr Landwirte verkauft, als nötig gewesen wären)? Können wir beim Bahnhof für Grundstücke einen erhöhten Wert ansetzen? Woher kommt das Geld? Was gibt es an Zuschüssen? 80 Prozent, wie in diesem Fall, sind heute eine fast schon utopische Quote. Die Fragen sind inzwischen alle geklärt. Das Ziel ist greifbar nahe.
Dass der Bahnhofsbetrieb schon 1990 aufgenommen wurde, die Schnellbahntrasse seit Juni 1991 in Betrieb ist – wer erinnert sich noch daran? An die Flurbereinigung soll auf jeden Fall bleibend erinnert werden. Wenigstens beim „auskrugen“ auf dem Weitfeld oder auf den Höhen von Enzweihingen.
Flurbereinigung
Vaihingen
Größe des Gebietes: 1737,14 Hektar
Anzahl der Teilnehmer:
rund 1293 (neue Besitzer: 1164)
Flurstücke: 7559 (alt) 3482 (neu)
Anordnung: 30. September 1985
Vorstandswahl: 5. Februar 1986
Genehmigung des Wege und
Gewässerplanes: 5. Oktober 1990
Vorläufige Besitzeinweisung in die
neuen Grundstücke:
15. September 2001
Genehmigung des Flurbereinigungsplanes: 6. Oktober 2003
Anhörungstermin: 5. Dezember 2003
Eintritt Rechtszustand: 31. Mai 2007
Schlussfeststellung:
voraussichtlich Ende 2009
Wegebau: Hergestellt wurden 106 Kilometer, davon
36 km befestigt mit Bindemittel
19 km befestigt ohne Bindemittel
51 km unbefestigt (Grünwege)
Flächenausweisung zur Landschaftspflege: insgesamt 36 Hektar
Gepflanzt wurden auf rund 11 ha:
274 Obstbäume, 29 Laubbäume und 2400 Sträucher. Die landschaftspflegerischen Anlagen umfassen insgesamt 149 Einzelmaßnahmen.
Die Flurbereinigung war mit Kosten von 6,8 Millionen Euro kalkuliert. Die tatsächlich entstandenen Kosten liegen bei 5,8 Millionen Euro. Sie wurden vor allem durch den Anteil der Bahn (3,1 Millionen) sowie durch EU, Bund und Land (1,7 Millionen) aufgebracht. Die Teilnehmer an der Flurbereinigung hatten letztlich rund 780000 Euro aufzubringen. 722148 Euro wurden an die Teilnehmer zurücküberwiesen (4,62 Euro pro Werteinheit). (aa)
