Vaihingen (og) – Die Krimiautorin Ann Granger war am Dienstagabend mit ihrem neuen Buch zu Gast im Spitalkeller der Buchhandlung Kern in Vaihingen.
Ann Grangers Heldin Lizzie Martin ist Gesellschafterin der Frau ihres verstorbenen Patenonkels, doch die will sie lieber loswerden. Auch ihr Vater ist verstorben und sie muss sich in ihr Schicksal fügen, als ihre Herrschaft sie zu einem Bekannten der Familie aufs Land schickt, dessen Schwiegertochter nach zwei Tagen ihr neugeborenes Kind verloren hat. Kaum ist Lizzie dort angekommen, geschieht ein Mord.
Ann Granger wird auf ihrer Lesereise von Angela Spitzig begleitet. Die Literaturwissenschaftlerin und Bürgermeisterin der Stadt Köln moderiert, interviewt und übersetzt während der Veranstaltung. Doch Ann Grangers Deutsch ist auch sehr gut. Sie hat es in ihrer Jugend nicht nur studiert, sondern auch eine Weile mit ihrem Mann, der wie sie im diplomatischen Dienst arbeitete, in München gelebt. Sambia, Jugoslawien, Wien und die Tschechoslowakei waren weitere Stationen von Grangers Berufsleben. In einem schneereichen Münchner Winter dann, als sie mit zwei Kindern zu Hause angebunden war, entstanden am Küchentisch die ersten Romane: Liebesgesichten. Nach 16 Liebesromanen sagte sie ihrem Verleger „adieu“ und wandte sich der Art Roman zu, die sie immer schreiben wollte: den Krimis. Nach 15 Mitchell-Markby-Geschichten und sieben Romanen mit ihrer Boheme-Detektivin Fran Varady ist nun mit „Neugier ist ein schneller Tod“ der zweite von bisher drei Martin-Ross-Krimis erschienen, die auf Wunsch des Verlegers im viktorianischen England spielen.
„Königin Viktoria war 60 Jahre lang an der Macht. Das Land hat sich in dieser Zeit stark verändert. Zu Beginn fuhr man noch Kutsche, später dann Zug“, so erklärt Granger die Faszination mit diesem ereignisreichen Zeitabschnitt, der die Mobilität nicht nur für die Betuchten und die Massen brachte, sondern natürlich auch für das Verbrechen.
Lizzie Martin macht zu Anfang des Romans ebenfalls eine Zugfahrt aufs Land zu ihrer neuen Anstellung und begegnet dort gleich einem geheimnisvollen Arzt und einem Rattenfänger, die ebenfalls unterwegs zum selben Landgut sind. Der Fragen sind viele: Wo ist der Ehemann der erst 17-jährigen Mutter? Ist er wirklich in China? Und warum glaubt die junge Mutter steif und fest, dass nicht ihr eigenes Kind gestorben ist, sondern ein fremdes untergeschoben wurde? Und was hat es mit dem jungen Gentleman-Farmer auf sich, der die junge Mutter heimlich am Stand trifft? Stecken die Kinderfrau und der Landarzt unter einer Decke mit dem Täter?
Die Ereignisse überschlagen sich und Lizzie findet ihre neue Herrin blutbefleckt neben der Leiche des Rattenfängers. Jetzt ruft sie ihren Londoner Freund Benjamin Ross von Scotland Yard zu Hilfe, der mit seinem Assistenten die Ermittlungen aufnimmt. So ist dann der Roman auch aus mehreren Ich-Perspektiven erzählt und neben Einblicken in das viktorianische Landleben erhalten die Leser auch durchaus amüsante Eindrücke aus dem Arbeitszimmer eines Landarztes.
Lizzie Martin ist eine scharfsinnige Frau mit einer exzellenten Beobachtungsgabe, die ihre Umwelt und die Beziehungen in ihrem Umfeld ständig auf Spuren, Zusammenhänge und Motive untersucht. Manchmal wirkt in der Zusammenfassung der Moderation die Geschichte sehr dicht gestrickt und scheint immer knapp an dem gerade noch als wahrscheinlich Glaubhaften entlang zu schrammen. Es regnet die Zufälle dicht an dicht. Dass zumindest die vorgetragenen Kapitel fast durchweg mit einer Spannungspointe enden, scheint einerseits einer fast fernsehserienartige Dramaturgie geschuldet und andererseits wohl auch einer der Gründe für die Popularität der Autorin zu sein. Erwarten jedenfalls darf man jede Menge: verwischte Spuren, eine vermisste Witwe, einen ratlos-naiven Dorfpolizisten, dessen Name im Deutschen „Gänseküken“ bedeutet und seltsame Ereignisse auf dem Friedhof.
Die Lesung ist über weite Strecken ein Gespräch und wir erfahren, dass die Autorin lediglich Ort, Figuren, Opfer und Mörder festlegt, wenn sie mit dem Schreiben beginnt und den Rest ihrer Inspiration überlässt, dass die Autorin gerade an dem dritten Martin-Ross-Roman schreibt, aber auch wieder ein Buch in der Gegenwart plant und dass sie vor allem das Einbrechen des Verbrechens in die Idylle des englischen Landlebens finanziert, das sie selbst pflegt – das Landleben, nicht das Verbrechen. Die Frage, ob ein Krimi auch ein Happy-End haben könne, verneint Ann Granger, denn der Ermordete bleibt schließlich tot. Zudem habe sie aus der Liebesromanzeit noch genug von Happy-Ends und Heiraten am Ende der Romane. Das sei auch der Grund, warum sich ihre Ermittlerpärchen am Ende nicht „kriegen“; mehr als eine Verlobung ist nicht drin.
