Vaihingen (aa) – Markttag in Vaihingen. Das ist fast ein Festtag. Immer noch. Die Termine der fünf Krämermärkte sind in vielen Kalendern dick angestrichen. Da herrscht Leben in der Stadt. Die VKZ hat sich mit Händlern unterhalten.
Werner Alessandri hat mit seinen Gardinen einen Stammplatz: An der Ecke bei den „Ratsstuben“ steht er mit lockerem Mundwerk und hält die Kundschaft bei Laune. Am Mittwoch fällt besonders sein Schild auf: „Armer Gardinenhändler sucht vermögende Frau (gerne etwas älter) zur Heirat.“ Die Kontaktanzeige hat schon mächtig für Aufregung gesorgt. Und bei anderen Märkten haben auch schon Damen auf der Handy-Nummer angerufen. Nur: Es ist die eines Kollegen. Für solche Späße ist Alessandri, der in Mannheim eine Gardinen-Ecke betreibt, immer zu haben. Seit 1986 kommt er nach Vaihingen. „Die Frauen hier warten auf mich“, sagt er selbstbewusst.
Schräg gegenüber steht wieder Wilfried Schuppich, der Mann, der nahezu 1000 Hüte und Kappen in seinen Regalen liegen hat. Seit gut 25 Jahren ist er Stammgast in Vaihingen. Der 61-Jährige aus Hüttlingen bei Aalen hat sein Pensum etwas zurückgefahren. „Früher waren es rund 250 Märkte im Jahr, jetzt maximal 120, man wird älter.“ Wie es weitergeht mit den Hut-Geschäften steht für Schuppich in den Sternen. Der Sohn ist vor fünf Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Die Töchter haben kein Interesse. Schuppich zuckt mit den Schultern.
Carmen Lottmann trinkt am Stand nebenan einen Kaffee. Ihr Mann hat sie am Morgen in Vaihingen abgesetzt und kommt am späten Nachmittag wieder. Lottmann ist in Vaihingen Marktsprecher und nebenbei auch Vorsitzender des LSM (Landesverband der Schausteller und Marktkaufleute) im Bezirk Stuttgart. Damenoberbekleidung und Wolle haben die Lottmanns schwerpunktmäßig im Angebot. „Kinderkleidung haben wir rausgenommen, die jungen Leute kaufen doch beim Kick oder bei C & A. Unsere Kundschaft ist älter. Und die Frauen sind dankbar, dass es uns noch gibt“, erzählt Carmen Lottmann.
Aus Winterlingen sind die Maiers nach Vaihingen gekommen. Wo liegt denn das? „Zwischen Albstadt und Sigmaringen“, erklärt Manfred Maier, der mit einem Hersteller-Verkauf wirbt. Röcke und T-Shirts stellen die Maiers noch selbst her. „Aber es isch schwer g'worda uff de Märkt“, sinniert Manfred Maier, der seit 1973 in Vaihingen steht. Elf Meter ist sein Stand lang, das kostet ihn 36,30 Euro Gebühr (3,30 pro laufendem Meter). Die Maiers zählen zu den 45 Stammbeschickern des Vaihinger Marktes, die ihre Gebühren am Jahresanfang bezahlen. Nur der Stromanschluss wird am jeweiligen Markttag noch abgerechnet (fünf Euro). Am Morgen sind sie schon um 4 Uhr losgefahren mit ihrem Transporter. „Es isch schwer g’worda“, meint Manfred Maier, während seine Frau Irene eifrig eine Stammkundin berät, „d’ Leit schauet scho mehr uffs Geld.“ Auch die Winterlinger haben keinen Nachfolger in Sicht. „Onsere Kender sollten was G’scheits lerna. Ond mir machat halt so lang weiter, wie’s geht.“
Der Thüringer Wurstmarkt der Familie Weber aus Sachsenheim hat noch keine Vaihinger Markttradition vorzuweisen. „Vor Jahren war mein Vater zwar auch schon hier, doch jetzt hat meine Mutter die Sache wieder neu angefangen“, erzählt Ines Weger, die quirrlige Frau hinter dem Tresen. Normalerweise steht ihr Wurstmobil mittwochs sehr einsam beim Wochenmarkt am Brunnen. Doch richtige Markttage sind schon etwas anderes. Aus Saalfeld und Altenburg beziehe man seit zehn Jahren von Landmetzgerereien die Ware. „Wer ist der Nächste? Was bekommen sie?“
Brigitte Padberg aus Landau hat Holzspielwaren im Angebot. Sie ist um die Mittagszeit richtig happy. „Es ist schon super gelaufen heute Morgen“, strahlt sie. Seit zwei Jahren kommt sie mit ihrem Mann nach Vaihingen, seit 26 Jahren ist sie auf Märkten zuhause. „Oft sind es sieben am Stück.“ Um drei Uhr sind sie am Morgen aufgestanden, um zehn wollen sie wieder daheim sein – um am Donnerstag nach Holzgerlingen zu fahren.
Auch der große Süßwarenstand an der Oberen Apotheke hat seine Heimat in der Pfalz. Frau Weber („Warum wollen Sie meinen Vornamen wissen? Den verrate ich nicht“) ist ganz offensichtlich geschaffen für diese Arbeit. Die Rentnerin, die für den Pfälzer Schaumwaffelspezialisten Rainer Bär schafft, strahlt die Kunden an: „Was hätten sie gerne? Magenbrot, Waffeln Hustengutsle?“ Seit 14 Jahren macht sie den Job und fühlt sich wohl dabei.
Gretel Stahl ist inzwischen seit 61 Jahren auf Märkten anzutreffen. „Ich frier nicht“, redet sie sich ein. Lederwaren bietet die 87-Jährige direkt neben dem Kern-Löwen an. Ihre Umsätze halten sich an diesem Mittwoch in Grenzen. „Aber es wird schon noch“, hofft die Seniorin, die seit 40 Jahren nach Vaihingen kommt (meistens noch selbst mit dem Auto) und am Mittwoch von ihrer Tochter begleitet wird.
Markttag in Vaihingen. Das sind natürlich auch die Wurststände. Eine Marktwurst ist für viele Pflicht. Das sind neben den Stammbeschickern rund 20 Händler, die sich zwei, drei Tage vor dem Markttag noch anmelden oder auf gut Glück am Mittwochmorgen anreisen. „Die Mischung muss stimmen“, sagt Wilfried Gutjahr vom Amt für Öffentliche Ordnung der Stadt. „Wir haben schon vier Sockenstände, da brauchen wir keinen fünften. Und die billigen Pluderhosen oder 99-Cent-Angebote gibt es auf jedem Flohmarkt. Alle paar Meter einen Gemüsehobel angeboten zu bekommen, bringt es auch nicht.“
Die Damen vom Ordnungsamt stehen am Morgen ab spätestens sechs Uhr auf der Matte, um die Händler einzuweisen, Stromanschlüsse zu vergeben und vielleicht auch Ärger zu schlichten. Doch in der Regel ist der Vaihinger Krämermarkt doch noch ein Festtag.
