Donnerstag, 24. Mai 2012

Ein Streifzug durch die Geschichte


Im Zug der Erinnerungen gab's Informationen über die Vergangenheit. Foto: Schmid

Vaihingen (phs) – Der Zug der Erinnerungen hat gestern einen Halt im Vaihinger Bahnhof eingelegt. Rund 300 Besucher haben die Deportations-Ausstellung gesehen, darunter etwa 250 Schüler. Der Halt wurde von den Vaihinger Kirchen und einigen Institutionen unterstützt.

Inge Katzmann wurde am 16. Mai 1933 in Annaberg als Tochter eines jüdischen Volksschullehrers geboren. Ein Jahr nach Inges Geburt zog ihre Familie nach Leipzig. Dort besuchte sie die jüdische Volksschule – bis auch Inge ab September 1941 einen Judenstern zur Kennzeichnung tragen musste. Der Schulbesuch wurde dem Mädchen und seinen Freunden verboten. Für Inge war das der Anfang vom Ende. Inges Name stand am 17. September als Nummer 212 gemeinsam mit den Namen aller Familienmitglieder und den Namen 65 weiterer Kinder auf der Deportationsliste. Der Abtransport nach Theresienstadt erfolgte vom Leipziger Güterbahnhof Engelsdorf aus.

Das Schicksal der jungen Inge Katzmann ist kein Einzelfall. Viele hunderttausend Kinder haben ähnliche Situationen erlebt. Das Schicksal dieser Kinder und ihrer Familien wird im Zug der Erinnerungen, der gestern auch im Vaihinger Bahnhof gehalten hat, beleuchtet. Rund 300 Besucher haben die Ausstellung, die in den drei Waggons des geschichtsträchtigen Zugs untergebracht ist, besucht. Unter den Besuchern waren auch knapp 250 Schüler. „Meinen Schülern hat es gefallen“, fasst Geschichtslehrer Oliver Bertrams vom Stromberg-Gymnasium die Reaktionen seiner Zehntklässler zusammen. Auf dem engen Raum sei eine sehr gute Ausstellung gelungen. Die Waggons des Zugs der Erinnerung mussten für die Deportationsausstellung komplett umgebaut werden: Es wurden Sitze und Türen entfernt, Abteile versetzt und Fenster verdunkelt.

In den Zugabteilen sind Informationstafeln mit Texten und Bildern aufgestellt. Es geht unter anderem um Rassenlehre und politische Gesinnung, um den Kampf um Lebensraum, die Reichspogromnacht und Zwangsarbeit. Eine Europakarte zeigt Deportationswege von Kindern nach Auschwitz aus dem Jahr 1945 – illustriert mit den Passfotos einzelner Kinder.

Schockiert waren einige Schüler von den Erkenntnissen, die sie im Waggon der Täter gesammelt haben: „Es wird dargestellt, dass einige Deportationshelfer nie für ihre Taten bestraft wurden oder ihre Strafen nicht ganz absitzen mussten.“ Dessen seien sich manche Schüler nicht bewusst gewesen, sagt Lehrer Oliver Bertrams. Im Waggon der Täter werden unter anderem die Rollen der Reichsbahn und der Reichsbahn-Mitarbeiter dargestellt. Dabei geht die Ausstellung auf einzelne Personen ein und beschreibt deren Verhalten zu Zeiten der Deportationen.

Dass der Zug des Fördervereins „Zug der Erinnerung“ und des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Vaihingen überhaupt halten konnte, hatte eine Gruppe um Peter Heyckendorf möglich gemacht. Unterstützt wurde die Aktion von den Vaihinger Kirchen und einigen Institutionen. Bernhard Freckmann von der Vaihinger KZ-Gedenkstätte, Oberbürgermeister Gerd Maisch und Dekan Hartmut Leins haben den Zug der Erinnerung mit rund 15 Minuten Verspätung im Bahnhof begrüßt. Die Erwartungen der Veranstalter seien mehr als erfüllt worden. „Ich finde es toll, dass die Deportation von Kindern zur Sprache gebracht wird“, sagt Bernhard Freckmann.

Im Vaihinger Konzentrationslager starben 1700 Menschen aus 20 Nationen, Kinder wurden von Vaihingen aus jedoch nicht deportiert. Die meisten Deportationszüge endeten in Auschwitz. Auch die kleine Inge Katzmann wurde vier Monate nach ihrer Ankunft in Theresienstadt nach Auschwitz gebracht – auf den Listen war sie als Nummer 89 aufgeführt. Aus dem Konzentrationslager Auschwitz kehrte Familie Katzmann, wie viele andere Familien, niemals zurück.

  • Der Zug der Erinnerung hält am Donnerstag (29. November) von 9.45 bis 18 Uhr im Mühlacker Bahnhof. Bis 15 Uhr ist die Ausstellung ausschließlich für Schulklassen reserviert, danach steht die Ausstellung der Öffentlichkeit zur Verfügung.

Seitenanfang