Donnerstag, 24. Mai 2012

Vaihinger beklagt sich über Bietigheimer Krankenhaus


Kann das Bietigheimer Krankenhaus seinem Qualitätsanspruch immer gerecht werden? Foto: Elsässer
Kann das Bietigheimer Krankenhaus seinem Qualitätsanspruch immer gerecht werden? Foto: Elsässer

Bietigheim-Bissingen (elf) – „Krankenhaus ist fit für die Patienten“, lautete die Überschrift einer Pressemitteilung des Krankenhauses Bietigheim in der VKZ vom 25. Oktober. Eine Aussage, die Oliver Scherer aus Vaihingen nicht teilen will. Am 18. August wurde sein Vater vormittags in die Bietigheimer Klinik eingeliefert, wenige Stunden später war er tot. Scherer beklagt, dass man sich nicht ausreichend um seinen Vater gekümmert habe.
Das Krankenhaus Bietigheim ist bundesweit eines von 76 Krankenhäusern, das bereits zum zweiten Mal die Zertifizierung des Qualitätsmanagements nach KTQ (Kooperation für Transparenz und Qualität im Gesundheitswesen) erhalten hat. Ziel der KTQ-Zertifizierung ist die Verbesserung und Optimierung von Prozessen und Ergebnissen innerhalb der Patientenversorgung. Insgesamt 550 Krankenhäuser haben sich bundesweit dem Qualitätsmanagement nach KTQ verschrieben. Laut Oliver Scherer hat das Bietigheimer Krankenhaus das Qualitätssiegel nicht verdient. Im Gegenteil: „Das Siegel ist für mich der Witz und gehört wieder weggenommen“, sagt er. Der Grund seines Unmuts hat eine traurige Vorgeschichte:
Am 17. August (Freitag) habe sein Vater unter starkem Durchfall gelitten. Am Abend sei er zwei Mal bewusstlos geworden, weshalb Scherer gemeinsam mit seiner Mutter beschloss, die Sersheimer Notfallklinik zu alarmieren. Der Notfallarzt, der 90 Minuten später in Riet eintraf, habe keine Notwendigkeit gesehen, den Patienten wegen einer Magen-Darm-Grippe in ein Krankenhaus einzuweisen. Nach einer erneuten Alarmierung am nächsten Morgen (Samstag) gegen 8.15 Uhr sei Scherers Vater mit dem Krankenwagen ins Bietigheimer Krankenhaus gebracht und dort in die Innere Abteilung verlegt worden.
Scherers Mutter sei gegen 13.15 Uhr in der Klinik angekommen und von einer Krankenschwester über eine Blutentnahme bei ihrem Gatten informiert worden. Die Auswertung der Probe könne nicht vor Montag vorgenommen werden, da das Labor bis dahin nicht besetzt sei. „Meinen Vater plagten zu diesem Zeitpunkt große Schmerzen im Bauchbereich“, erzählt Oliver Scherer. Eine Krankenschwester hätte daraufhin nach telefonischer Rücksprache ein Schmerzmittel verabreicht. Aufgrund des erhöhten Arbeitsvolumens, so habe die Schwester berichtet, stehe kein Arzt zur Verfügung. Die beiden anwesenden Mediziner seien in der Notaufnahme beschäftigt gewesen. „Die Schmerzmittel“, so Scherer, „konnten das Leiden meines Vaters nicht verhindern.“
Die Schmerzen seien immer stärker geworden und der Bauch des Patienten habe sich langsam aufgebläht. Ein weiteres Schmerzmittel habe keine Wirkung gezeigt. Mittlerweile habe sogar die Bettdecke zu sehr auf den Bauch gedrückt. Gegen 16.10 Uhr habe Scherers Mutter wiederholt nach einem Arzt gerufen und dabei mitgeteilt, dass der Bauch ihres Mannes ungewöhnlich gespannt sei. Als sie wieder in das Zimmer zurückgekehrt sei, habe sein Vater zu röcheln begonnen und Blut gespuckt. „Wenig später kam das Blut wie eine Fontäne aus Mund und Nase. Der Kopf fiel auf die Seite und die Arme hingen herunter“, schildert Oliver Scherer. Erst als seine Mutter aus dem Zimmer lief und schrie, habe ein Notfallteam per Elektroschock den Mann wiederbelebt. Anschließend sei er auf die Intensivstation verlegt worden. Um 17 Uhr sei von einer Schwester die Nachricht gekommen, dass der Mann verstorben sei und die anwesenden Familienangehörigen ihn sehen dürften. Nach beinahe einer Stunde Warten ohne weiteren Hinweis oder eine Auskunft, hätten sie gegen 18 Uhr das Krankenhaus verlassen. Zehn Tage später sei ihm bei einem Gespräch mit dem Chefarzt der Inneren Abteilung gesagt worden, dass Verdacht auf Magenblutung bestand und man in diesem Fall nichts mehr hätte tun können.
„Ich verstehe nicht, warum trotz des sich verschlechternden Zustands stundenlang kein Arzt gekommen ist“, sagt Oliver Scherer. „Da wurde ein Mensch regelrecht missachtet.“ Seither beschäftigen ihn einige Fragen: „Warum musste ein Mensch sterben, der innerhalb von fast fünf Stunden auf schnelle ärztliche Hilfe hoffen konnte? Warum wurden den Hinweisen meiner Familie keine Beachtung geschenkt? Warum hat man uns nicht früher gesagt, dass man nichts mehr hätte machen können? Warum nimmt das Krankenhaus noch Notfallpatienten an, wenn es so hoffnungslos überlastet ist? Hat Prof. Dr. Siegfried Walker damit Recht, dass Kassenpatienten Opfer der Gesundheitsreform werden können?“
Der dargestellte Fall wurde, so teilte das Bietigheimer Krankenhaus gestern auf Anfrage mit, von Prof. Walker, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin, Gastroenterologie und Hämato-Onkologie, im Krankenhaus den Angehörigen in einem persönlichen Gespräch erläutert. „Wir haben medizinisch nichts falsch gemacht und sind gerne bereit, die Dinge transparent darzulegen“, sagt Alexander Tsongas, Pressesprecher der Kliniken Ludwigsburg-Bietigheim gGmbH. Hierfür sei seitens der Familie ein Rechtsanwalt eingeschaltet worden. „Dies ist auch aus unserer Sicht der richtige Weg, um alle Dinge aufzuklären“, so Tsongas weiter. Die Kliniken-gGmbH bitte um Verständnis, dass aus Gründen des Datenschutzes und der ärztlichen Schweigepflicht solche Details zu einem individuellen Patientenfall nicht öffentlich in der Zeitung diskutiert werden.


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