Sersheim (sr) – So soll das Wetter bei der Reinkarnation eines Moores sein: Nieselregen und Novembergrau am Himmel boten gestern die passende Kulisse bei der öffentlichen Einweihung des Bewässerungssystems im Wiesenmoor „Sulz“. Sersheims Bürgermeister Jürgen Scholz zeigte sich sichtlich zufrieden mit der schauerlichen Umrahmung des freudigen Ereignisses.
„Im Sommer kann das jeder machen“, hob Bürgermeister Scholz bei seiner Begrüßungsrede hervor. Und die Zuhörer konnten im Sersheimer Gewann Sulz die Atmosphäre des einstigen Flachmoores gut erahnen. Vor rund 70 Jahren führte das Anlegen von Entwässerungsgräben zur Trockenlegung des wertvollen Biotops. Jetzt wird das zirka 2,7 Hektar große Gelände als Ausgleich für den Eingriff durch den Bau der Umgehungsstraße Sersheim – Sachsenheim renaturiert.
„Mir war sehr wichtig, dass die Gräben nicht aufgeschüttet werden“, betont Dr. Rolf Gastel vom Fachbereich Naturschutz beim Landratsamt Ludwigsburg. Zum einen, so Gastel, um die Vertiefungen als zeitgeschichtliches Dokument zu bewahren. Zum anderen entstehe in den aufgestauten Gräben ein optimales Molchbiotop. Claus-Peter Hutter, Leiter der Umweltakademie und Präsident der Umweltstiftung Euronatur, ballt die Erkenntnis in folgenden Satz: „Das Spektakuläre an dieser Landschaft liegt im Kleinen.“ Nicht, wie in Afrika große Raubtiere, sondern kleine Gesellen wie der Laubfrosch und die Gelbbauchunke sind die Besonderheiten unserer Heimat und lassen die Herzen der Experten in Sersheim höher schlagen. Die Ansiedelung dieser Amphibien wäre ein großer Erfolg der Renaturierungsmaßnahme und auch auf botanische Besonderheiten wie den Fieberklee wird spekuliert.
Landrat Dr. Rainer Haas sieht in der Sersheimer Sulzwiese ein „naturschutzmäßiges Sahnestück im Landkreis“. Die Fläche, die in den naturnahen Zustand zurückgeführt wird, steht im Begriff, das „einzige bedeutende Wiesenmoor im Landkreis“ zu werden.
Ursprünglich entstanden ist das Feuchtgebiet in Sersheim durch die Vermoorung einer Doline, wie Wissenschaftler annehmen. Dolinen entstehen durch Lösungsvorgänge an der Erdoberfläche. Regen wusch den Gipskeuper im Untergrund zwischen Sersheim und Hohenhaslach aus und unterirdische Höhlensysteme brachen ein. Im Gewann Sulz bildete sich eine flache Wanne, in der aufgrund des fehlenden Abflusses und des geringen Gefälles ein Moor entstand. Tatsächlich lassen sich die Torfschichten unter der Vegetation in sieben frisch ausgebaggerten Tümpeln erkennen. Hier sollen sich bald Amphibien, Insekten wie Libellen und andere Kostbarkeiten tummeln. Stauwehre und Querverschlüsse in den Gräben, die die große Waldlichtung umfassen, ermöglichen eine gezielte Anstauung des Wassers. Auf diese Weise kann ein großflächiges Feuchtgebiet entstehen, das dem einstigen Zustand gleichen soll. Im Zuge einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme wurden Anfang der 30er Jahre vom Reichsarbeitsdienst die Gräben ausgehoben und das Niedermoor entwässert. Das Kleinod verkümmerte ökologisch zu intensiv gedüngtem Grünland. Seit über 20 Jahren schwirrt die Idee der Renaturierung durch einige Köpfe, beispielsweise von Claus-Peter Hutter. Auch Rolf Gastel von Landratsamt Ludwigsburg und Reinhard Wolf vom Regierungspräsidium Stuttgart trieben das Vorhaben voran, sodass Flora und Fauna nun nach der 70000 Euro teuren Umgestaltung ihre gefährdeten Raritäten in die Sulzwiese entlassen können.
„Die Zeit war reif“, stellte Landrat Haas gestern fest, auch wenn die Renaturierung bei der „Reihe der Grundeigentümer nicht nur pure Begeisterung“ hervorgerufen habe. Nun reift das Gebiet. Wenn die Planungen und Wünsche der Naturschützer aufgehen, werden von den benachbarten Moorgebieten wie dem „Bodenseele“ Organismen einwandern. Dann quakt der Laubfrosch sein „äpp...äpp...äpp“ durch laue Frühlingsnächte und Novembernebel wabern durch welke Überreste des Fieberklees übers Sersheimer Moor.
