Oberriexingen: Abschluss der Kirchensanierung
Oberriexingen – „Nun jauchzet dem Herren alle Welt“ wird die Gemeinde am Sonntag (11. November) beim Festgottesdienst singen. In der Enzstadt hat man auch allen Grund, ein Loblied anzustimmen. Der Abschluss der Kirchensanierung soll am traditionellen Kirchweihtag gebührend gefeiert werden. Vor 300 Jahren war die Kirche nach der Zerstörung am 11. November 1707 wieder eingeweiht worden. Dieses Datum gab den Takt für die Bauarbeiten vor.
Albert Arning
Mit „Freude und Stolz“ wird die in neuem Glanz strahlende Georgskirche der Öffentlichkeit vorgestellt. „Ich verneige mich tief vor allen Beteiligten“, sagt Pfarrer Ulrich Gratz. „Wir sind sehr glücklich darüber, dass sämtliche Arbeiten unfallfrei und in einer guten und gemeinschaftlichen Atmosphäre verlaufen sind.“
Bereits bei der Innenrenovierung von 1993 hatte es sich angedeutet: Auch eine Außensanierung des Gotteshauses, das 1339 erstmals urkundlich erwähnt worden war, würde bald anstehen. Kräftige Risse rings um das Kirchenschiff und eine gravierende Schiefstellung des Turmes deuteten alarmierend auf statische Probleme hin. Schon 1887 war zu einem Abriss und zu einem fast kompletten Neubau geraten worden. Doch dafür war kein Geld vorhanden. Der Turm bekam jedoch viele Tonnen stabilisierende Eisenstangen (Schlaudern) verpasst. Aus dem ehemals spitzen Dach wurde die „welsche“ Haube, die das Oberriexinger Ortsbild prägt.
Vor zehn Jahren traten Elke und Ulrich Gratz gemeinsam ihren Pfarrdienst in der Enzstadt mit ihren rund 1500 evangelischen Gemeindegliedern an – und speziell Ulrich Gratz wurde in den folgenden Jahren zum „Baupfarrer“. „Vieles musste auch sehr grundlegend angegangen werden. Dies wurde umso deutlicher, je weiter wir uns der konkreten Planung näherten. Dabei wurde es uns schon etwas mulmig“, erinnert sich Gratz. Die Bauberatung der Kirche schätzte im Jahre 2001 die Kosten für die damals erkennbaren Maßnahmen auf rund 750000 Mark. Pfarrer Gratz: „Erfahrungsgemäß erhöhen sich solche geschätzten Beträge im Laufe der Durchführung, die meist später geschieht, doch recht deutlich, weil zum Beispiel verdeckte Schäden ans Licht kommen, weil zuerst nicht bedachte Maßnahmen sinnvoll erscheinen, weil sich Materialpreise erhöhen…“ So war es auch in Oberriexingen. Gratz geht aktuell davon aus, dass unter dem Strich Sanierungskosten von um die 500000 Euro zusammenkommen werden. Der Brief, in dem er den Kirchenbezirk und die Landeskirche um einen Nachschlag bei den Zuschüssen bittet, ist schon formuliert. Aktuell werden von Bezirk und Landeskirche 40 Prozent der einst geschätzten Kosten übernommen.
„Freunde der Georgskirche“
als Glücksfall
Dass sich 2004 in der Enzstadt der Förderverein „Freunde der Georgskirche“ gegründet hat, kann als ausgesprochener Glücksfall für die Durchführung des Projektes gewertet werden. „Wir erlebten etwas Wundervolles“, freut sich Ulrich Gratz, „eine ganze Stadt, Menschen jeglichen Alters und unterschiedlichster Herkunft, mit und ohne Konfession und egal welcher Konfession, Institutionen, Vereine, Gruppen und Firmen, spannten sich vor den Karren und zogen gemeinsam und gewaltig.“ Da wurden Ideen en masse entwickelt. Es gab Haareschneiden für die Kirche, Sprudelaktionen, Binokelturniere, Flohmärkte, Konzerte, Feuerwehrübungen. Unter der Regie des Katholiken Dr. Hermann Strecker kamen so mit Hinzurechnung der Eigenleistungen rund 320000 Euro zusammen.
2006 begann unter der Regie des Maulbronner Architekten Andreas Kiefner die konkrete Bauphase: die Installation einer komplett neuen Abwasserführung war eine zentrale Maßnahme, denn die Geologen hatten die Bedeutung einer möglichst gleichmäßigen Feuchtigkeit des Baugrundes für die Kirche herausgestellt. Parallel zu den Entwässerungsarbeiten wuchs das Gerüst am Turm in die Höhe. Von Herbst 2006 bis zum Frühjahr 2007 erlebte das Gerüst manch starken Ansturm von Menschen, Materialien und tatsächlichen Stürmen. Die früher mit Ziegelsteinen gefüllten Lücken wurden durch passgenaue Natursteine ersetzt, jeder einzelne Turmziegel befestigt. Ein besonderer Moment war das Aufsetzen des Turmhahns. Auch die Zifferblätter der Uhr wurden aufpoliert.
Heftig erschrocken waren die Bauleute über die Ausmaße der Risse im Kirchenschiff. Nach dem Ausmauern mit speziellem Mörtel wurden sie mit Edelstahl verklammert. Die westliche Kirchenwand musste stabilisiert werden. Über den Seitenwänden des Kirchenschiffes wurden Ankerstähle eingezogen und mit dem Turm verbunden. Zahlreiche Arbeiten, die mit Schmutz, Lärm und Muskelkraft zu tun hatten, wurden von einer „schnellen Eingreifgruppe“ unter der Regie von Samuel Karner erledigt. Viele der Männer sind bei den „Montagsturnern“ des TSV dabei – und da hält sich auf Pfarrer Gratz fit.
Überraschend musste auch noch die nördliche Dachhälfte des Kirchenschiffes neu eingedeckt werden. Dann kam die Stützmauer dran, bei deren Sanierung sich vor allem auch der Bauhof der Stadt enorm engagierte. Die Mauer erhielt sechs Meter lange Erdanker verpasst. „Wenn sich jetzt noch etwas bewegt, dann der ganze Kirchberg“, meint Ulrich Gratz. Die Kirche stehe jetzt wie eine Burg. Neu gestaltet wurde schließlich auch noch das Umfeld des Gotteshauses. Noch in dieser Woche wurde heftig gepflastert.
„Unser Wahrzeichen, das sich stolz und trutzig präsentiert, kann sich wieder sehen lassen“, freut sich Pfarrer Gratz, „und das durch die neu gewonnene Standfestigkeit hoffentlich für viele weitere Generationen ebenso stolzer und trutziger Oberriexinger Bürger.“
Das Festprogramm
Oberriexingen (aa) – Dieses Oberriexinger Kirchweihfest hat es in sich und wird zu einer Besonderheit. Den Festgottesdienst zum Abschluss der Renovierungsarbeiten an der Georgskirche gestalten die ehemaligem Pfarrer Otto Schaaf und Hans Villinger (Beginn 10 Uhr). Anschließend gibt Architekt Andreas Kiefner einen Baubericht. Um 11.30, 13 und 15 Uhr sind Kirchenführungen angesetzt. Das Kirchweihfest wird ab 12 Uhr in der Festhalle gefeiert, in der Sporthalle gibt es ein Kinderprogramm (ab 13 Uhr). Nach dem Mittagessen sind gegen 13.30 Uhr Dankesreden angesagt, außerdem Bild-Präsentationen aus der Bauphase und von Spendenaktionen. Da am 11. November auch Kirchenwahlen stattfinden, gibt es in der Festhalle einen Wahlbriefkasten. Das „normale“ Wahllokal im Gemeindehaus ist nur von 9 bis 13 Uhr geöffnet.
