Donnerstag, 24. Mai 2012

Messies ohne Problembewusstsein






Vermüllte Wohnung.
Vermüllte Wohnung.

Ludwigsburg (aa/p). Der Sozialmedizinische Dienst (SMD) im Landratsamt Ludwigsburg ist stark gefragt. Hier geht es um die Hilfe für psychisch kranke Menschen, die nicht krankheits- und behandlungseinsichtig sind, um verwahrloste Menschen, um Suchtkranke. Die Messies sind dabei besonders problematisch. Die beiden in Vollzeit beschäftigten Sozialarbeiter decken mit ihrer Arbeit den gesamten Landkreis Ludwigsburg ab. Sie arbeiten sehr „niederschwellig“ und vorwiegend aufsuchend, das heißt, sie besuchen sozial auffällige und hilfebedürftige Einwohner (im Rahmen einer Krisenintervention) in ihrem sozialen Umfeld und versuchen zunächst persönlichen Kontakt herzustellen. Sie treffen dabei auf Menschen, die mit ihrer alltäglichen Lebensführung überfordert sind und ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Die Problemlagen sind in den meisten Fällen sehr komplex. Ziel des Dienstes ist es, soziale Isolation, Verwahrlosung sowie eine Fremd- und Eigengefährdung zu verhindern oder zu beseitigen. Die Gründe bzw. Ursachen für die Hilfebedürftigkeit der betroffenen Personen sind sehr vielseitig. Schwerpunktmäßig hat es der Sozialmedizinische Dienst mit folgenden Personenkreisen zu tun: Psychisch kranke Menschen, die nichtkrankheits- und behandlungseinsichtig sind; verwahrloste Menschen; demenzkranke Menschen; suchtkranke Menschen (Schwerpunkt Alkohol). Der Dienst bietet den betroffenen Menschen Beratung, kurzfristige psychosoziale Begleitung und Vermittlung an weiterführende spezialisierte Dienste an. Die Möglichkeiten der Hilfestellung sind von der jeweiligen Änderungsmotivation des Klienten abhängig, die beim betroffenen Personenkreis meist gering ist, sei es aufgrund mangelnden Antriebs, fehlenden Problembewusstseins, bestehender zwischenmenschlicher Anbindungen, Angst vor Veränderungen usw. Hauptauftraggeber und auch -kooperationspartner für den Sozialmedizinischen Dienst sind gemäß Konzeption die jeweiligen Ordnungsämter. Da sich die Existenz des SMD aber mittlerweile im Landkreis herumgesprochen hat, wenden sich auch zunehmend andere Dienste oder Privatleute direkt an den SMD und vermitteln entsprechende Fälle. Zwischen Januar und Dezember 2009 wurden 326 Fälle bearbeitet. In 88 Fällen fand der erste Kontakt bereits 2008 statt. Zwischen April und Dezember 2008 wurden 192 Menschen betreut. Wird die Fallzahl von neun Monaten auf ein ganzes Jahr hochgerechnet, ergäbe sich im Jahr 2008 eine Fallzahl von 256. 2009 wies somit eine Steigerung der Fallzahlen von 27 Prozent (bzw. 70 Fälle) auf. 56 Prozent der Betroffenen sind männlich. Der bei weitem größte Teil der Fälle (244, 75 Prozent) wurde von den Ordnungsämtern zugewiesen. In 16 Prozent der Fälle wandten sich Personen aus dem Umfeld des betroffenen Menschen (zum Beispiel Angehörige, Nachbarn) an den SMD Wie bereits im Vorjahr zu beobachten war, stand in fast der Hälfte (44 Prozent) der Fälle eine psychische Erkrankung im Vordergrund. In 28 Prozent aller übrigen Fälle kam eine psychische Problematik als Begleiterscheinung hinzu. Bei fast einem Viertel der Klienten war hauptsächlich eine Suchtproblematik als Ursache für die schwere Lebenslage verantwortlich. Ein relativ geringer Anteil betraf den Bereich der Altenhilfe (14 Prozent). In zehn Prozent der Fälle spielt „Verwahrlosung“ eine primäre Rolle. Oftmals lag ein Zusammenspiel der Problembereiche „Psychische Erkrankung“, „Sucht“ und „Verwahrlosung“ vor. Zumeist war die „Verwahrlosung“ die Folgeerscheinung einer Suchtproblematik bzw. einer psychischen Störung. Als äußerst schwierig stellte sich dar, Menschen mit einer sogenannten Messi-Problematik zu helfen. In vielen Fällen fehlt diesen Menschen, die glauben, alles sammeln zu müssen, das Problembewusstsein. In anderen Fällen lag eine gewisse Veränderungsmotivation vor, jedoch fehlt es an geeigneten Hilfsangeboten im Landkreis Ludwigsburg. Der Sozialmedizinische Dienst versuchte daher, im Rahmen einer psychosozialen Begleitung auf die spezifische Problemlage einzugehen. Es wird jedoch darauf hingewiesen, dass eine weiterführende intensive Betreuung nicht die Aufgabe des SMD ist und die Kapazitäten des SMD hierfür auch nicht ausreichen würden. In keinem Fall kann der SMD einen einsprechenden Fachdienst ersetzen. Der überwiegende Anteil der Arbeit gestaltet sich in Form von Kurzzeitbetreuungen (54 Prozent). Längerfristige Betreuung fand in 17 Prozent der Fälle statt. In 29 Prozent der Fälle konnte allerdings kein direkter Kontakt hergestellt werden. Hier fand eine Beratung Dritter (zum Beispiel Angehörige) statt. In 87 Fällen konnten konkrete Hilfen vermittelt werden. Dazu gehören Weitervermittlung an Beratungsstellen und Exponaten, des Sozialpsychiatrischen Dienstes, an Selbsthilfegruppen (zum Beispiel Suchtberatung/Schuldnerberatung), in stationäre Einrichtungen, in ärztliche Behandlung sowie die Vermittlung von hauwirtschaftlichen und/oder pflegerischen Leistungen. Besonders erschwerend ist, dass die Problematik der Klientel sich häufig schon über einen längeren Zeitraum entwickelt hat und Veränderungsbereitschaft nur noch sehr eingeschränkt vorhanden ist. Eine positive Veränderung der Lebenssituation kann nur dann stattfinden, wenn die betroffene Person: offen ist, eine Problemlage erkennt, ein Mindestmaß an Motivation aufbringen kann und Freiwilligkeit und Mitwirkungsbereitschaft zeigt. Vermittlungsversuche scheitern auch manchmal daran, dass die Klienten aufgrund einer ambivalenten Haltung und vermindertem Antrieb die möglichen weiterführenden Hilfsangebote nicht wahrnehmen können.


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