Vaihingen (ub). Die Stadt Heidelberg war im vergangenen Jahr der wärmste Ort Deutschlands. Der Deutsche Wetterdienst errechnete einen Mittelwert von 11,7 Grad Celsius. Da kann Vaihingen nicht ganz mithalten: 10,5 Grad ist hier der Durchschnittswert im Jahr 2009.
Während Jörg Kachelmann sitzt, läuft seine Wetterstation beim Stromberg-Gymnasium weiter. Die Warte der Kachelmann-Firma Meteomedia – ein Konkurrenzunternehmen zum Deutschen Wetterdienst – liefert seit April 2004 Wetterdaten für Vaihingen.
Mit ein paar Klicks zaubert Markus Mönnig mehrere Diagramme auf seinen Bildschirm. Mönnig ist Abwassermeister und beim Tiefbauamt der Stadt Vaihingen für die Unterhaltung und den Betrieb des Kanalnetzes zuständig. Alle sechs Stunden ruft ein Modem direkt die Daten von der Wetterstation hinter der Sporthalle beim Stromberg-Gymnasium ab. Und so ist Mönnig quasi nebenher der „Wetterfrosch“ der Stadt.
Im Mai bis jetzt nur
189 Minuten Sonnenschein
Und die Auswertung der Wetterdaten unterstreicht beispielsweise eindrucksvoll das bisherige Sauwetter im Mai. Bisher hat es 11,5 Liter auf den Quadratmeter geregnet – im Vergleich: im gesamten April waren es 19 Liter. Die maximale Temperatur in der ersten Maiwoche war gerade einmal 17,5 Grad; im April war der Spitzenwert 27,7 Grad (29. April). Bescheidene 189 Minuten schien im Wonnemonat die Sonne in Vaihingen. Im April gab es eine Sonnenscheindauer von knapp 215 Stunden.
Ermittelt wird im Vaihinger Tiefbauamt durch die Meteomedia-Daten auch ein Jahresmittelwert. So errechneten sich die 10,5 Grad für 2009 (2008 10,6 Grad). Die maximale Temperatur betrug im letzten Jahr 35,1 Grad, die niedrigste minus 17,4. Über 1700 Stunden schien die Sonne. Im Jahr 2008 kletterte das Thermometer in Vaihingen auf maximal 34 Grad; die kälteste Temperatur betrug nur minus 7,6 Grad. Die Sonnenscheindauer in Minuten: 103825.
Die Windrose an der Vaihinger Wetterstation ermittelt beispielsweise, woher und wie stark der Wind bläst. Markus Mönnig: „Wir bekommen auch von Bürgern Anfragen, die nach Sturmschäden die Windgeschwindigkeit ermittelt haben wollen.“ In der ersten Maiwoche war die Hauptwindrichtung in Vaihingen mit 32,1 Prozent der Nordosten. Über das Jahr verteilt ist die Hauptwindrichtung aber Südsüdwest. Im letzten Jahr registrierte die Windrose mit 103 Stundenkilometern die größte Windgeschwindigkeit.
Nach den Berechnungen von Mönnig aus den Jahren 1993 bis 2008 ist die Niederschlagsmenge in Vaihingen leicht rückgängig. Das trockenste Jahr war mit Abstand 2003: hier regnete es nur 395 Liter auf den Quadratmeter.
Nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) werden die deutschen Landwirte im Verlauf dieses Jahrhunderts aufgrund steigender Temperaturen zunehmend Wärme liebende Pflanzen einsetzen. Auf die zu erwartenden milden Winter kann mit der Umstellung auf Getreidesorten reagiert werden, die nicht so stark auf einen Kältereiz angewiesen sind. Außerdem sei künftig mit neuen Pflanzenarten wie Hirse oder Sudan-Gras auf den Feldern in Deutschland zu rechnen. Da auch die Winter milder werden, wird der Bodenfrost nicht mehr so tief in den Boden eindringen. Dadurch geht dessen den Boden auflockernde Wirkung zurück. Das senkt die Erträge.
Hier zeigt sich laut DWD die Ambivalenz des Klimawandels. Mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre und höhere Temperaturen bringen Vorteile beim Wachstum und durch Mehrfachernten in Regionen mit guten Böden und genug Wasser. Der Klimawandel könnte aber zugleich regional auch zu geringeren Erträgen führen. Alle Landwirte müssen künftig auch damit rechnen, dass mildere Winter die Gefahr von Schädlingsbefall erhöhen – eine Herausforderung, auf die sich der Pflanzenschutz vorbereiten muss. Ziemlich sicher könne man laut DWD heute schon sagen, dass die nordeuropäische Landwirtschaft zu den Profiteuren des Klimawandels gehören wird. Der Temperaturanstieg wird dort die Anbaumöglichkeiten stark erweitern. Die südeuropäischen und vermutlich auch die südosteuropäischen Bauern werden dagegen mit weniger Niederschlägen auskommen müssen.
Bedrohlich für den deutschen Wald könnten höhere Temperaturen und mildere Winter mit dann mehr Schädlingen wie Borkenkäfern oder Pilzen sein. Der DWD rechnet damit, dass sich Waldbesitzer gegen kritische Witterungseinflüsse und den Klimawandel schützen, indem sie Fichten durch robustere Douglasien und Roteichen sowie für Schädlinge besonders anfällig Monokulturen durch widerstandsfähigeren Mischwald ersetzen. Das habe Folgen: „Der Anblick unserer Wälder wird sich in diesem Jahrhundert deutlich verändern.“
Das Jahr 2009 entsprach laut DWD ganz den Vorstellungen vom Klimawandel: Es war wieder zu warm – in Deutschland, in Europa und weltweit. Hierzulande erreichte das vergangene Jahr eine Durchschnittstemperatur von 9,2 Grad Celsius. Damit lag die Jahresmitteltemperatur um 0,9 Grad über dem Wert der internationalen klimatologischen Referenzperiode 1961 bis 1990. Das vergangene Jahr war das 13.wärmste seit 1881.
In den anderen europäischen Staaten war 2009 ebenfalls wieder wärmer als im statistischen Durchschnitt. Dabei lag der Schwerpunkt der Erwärmung wie im Vorjahr im Osten und Norden Europas. Weltweit lag 2009 auf Rang fünf. Zusammengefasst bedeutet das: 2009 brachte zwar keine neuen Rekorde – hat den Erwärmungstrend der vergangenen Jahrzehnte aber klar bestätigt.
Die wärmste Dekade seit
Beginn der Messungen
Ein Blick in das 130 Jahre zurückreichende Klimaarchiv des DWD zeige, dass die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland seit 1881 um 1,1 Grad gestiegen ist und das Jahrzehnt 2000 bis 2009 in Deutschland – und auch weltweit – die wärmste Dekade seit Beginn flächendeckender Messungen war. Das Archiv des DWD belege auch regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands. So zeigt sich seit 1881 eine deutlich stärkere Temperaturzunahme im Westen im Vergleich zum Nordosten. Die Jahresniederschläge nahmen deutschlandweit um elf Prozent zu. In westlichen Ländern waren es bis zu 17 Prozent.
