Oberriexingen (ub). 120 Tage ist er noch im Amt. Dann endet die Ära von Willi Baur, 38 Jahre lang Bürgermeister in Oberriexingen. Er ist der dienstälteste Schultes im Landkreis Ludwigsburg. Am 18. September wird er in der Festhalle verabschiedet. Sein Nachfolger fängt seine Arbeit am 6. Oktober im Rathaus an. Die VKZ begleitete Baur gestern Nachmittag bei einem Spaziergang durch „seine“ Stadt.
Willi Baur schließt die Rathaustür. Kommt Wehmut auf, wenn sie am 30. September zum letzten Mal ins Schloss fällt? Baur schüttelt den Kopf: „Es muss klar sein, dass einmal Schluss ist.“ Zwei Jahre geht seine reguläre Amtszeit noch, aber aus Altersgründen muss er mit 68 Jahren in den Ruhestand. „Die zwei Jahre hätte ich schon noch gemacht“, sagt er und schiebt hinterher, dass er aber im Oktober die Verwaltungsstelle nicht mehr betreten wolle. „Es sei denn, ich werde gerufen.“
Durch die Hägelesgasse geht es in die Enzgasse, die Vorzeigestraße von Oberriexingen. Baur erinnert sich an seine Anfangszeit, als Starkregen die Gasse immer wieder unter Wasser setzte. „Ich habe mich da gar nicht mehr runtergetraut.“ Die Kläranlage war zu dieser Zeit gerade im Entstehen, die bestehenden Regenauslässe wurden geschlossen und nicht beachtet, dass der Kanal anders belastet ist. Es war die erste große Aktion unter der Ägide des neuen Bürgermeisters, dass ein starker Kanal in der Enzgasse gelegt wurde und der Sammler in der Elmestraße in Betrieb ging. Seitdem ist Ruhe in der Enzgasse.
Es geht vorbei an der alten Zehntscheuer, die heute ein Wohn- und Geschäftshaus ist. „1972 hat der Gemeinderat beschlossen, keine Flächensanierung wie in Sersheim zu betreiben, sondern eine Objektsanierung“, erzählt Baur. Die Wohnqualität in der Enzgasse ist offensichtlich, vor allem junge Familien haben sich hier mittlerweile angesiedelt.
Das Kanu hängt am Balkon
seines Wohnhauses
Durch die Stadtmauer geht es hoch zur Enz. Sie sind doch ein begeisterter Kanut, Herr Baur? Die Augen des Bürgermeisters leuchten. An seinem Wohnhaus in der Mühlstraße, dem alten Betriebs- und Verwaltungsgebäude von LuK, hängt am Balkon das Kanu. Mit einem Elektroaufzug kann es heruntergelassen werden. Ein Blickfang am Enztalradweg.
Wir sind mittlerweile wieder auf die Hauptstraße gekommen. Baur bleibt stehen und weiß die nächste Geschichte. Weil die Kommune darauf bestand, dass die Kreisstraße nicht breiter als 5,50 Meter wird, wurde der Ausbau selbst bezahlt. Granitsteine dienen als Randbegrenzung. „Mit dieser charakteristischen Ortsstraße haben wir eine Vorreiterrolle eingenommen und wurden vom Regierungspräsidium als vorbildlich dargestellt.“ Baur ist stolz auf das Erreichte: „Ein Lastwagen, der zu Porsche will, fährt nur einmal durch unsere Stadt.“
Der dienstälteste Bürgermeister im Landkreis und vierfache Vater zeigt auf das Haus gegenüber. Heute ist der Kaufvertrag für das Gebäude Hauptstraße 42 gekommen. Die Metzgerei Langhans will hier nach den Plänen der Gemeinde investieren. Wenige Meter weiter steht die alte Post, heute ein Wohnhaus. „Die Eigentümer wollen verkaufen“, sagt Baur. Doch ob es an dieser lauten Ecke Investoren gibt, ist fraglich. Es ist schwierig, über die Straße zu kommen. Von der Enzbrücke kommen immer wieder Fahrzeuge. „Ein Punkt, der uns seit vielen Jahren zum Nachdenken bringt“, grübelt Baur. Was geschieht mit der Brücke? Wird sie zur Straße nach Unterriexingen verlängert oder kommt eine zweite Brücke bei der Kläranlage? „Man muss die Verkehrsentwicklung abwarten“, sagt Willi Baur. Und wieso wird die Brücke nicht breiter gemacht? Baur lacht. In den 80er Jahren wurde die Brücke das letzte Mal saniert mit Mitteln aus dem Topf für landwirtschaftliche Angelegenheiten beim Regierungspräsidium. Die Vorgabe: Die Brücke darf nicht breiter werden als fünf Meter.
Wir gehen die Mühlstraße hoch. Hier steht der Umbau der Bushaltestelle noch vor den Sommerferien an. Baur sinniert: Als Bürgermeister könne man schon sehr viel gestalten, eigene Ideen einbringen. „Das A und O ist der gesunde Menschenverstand.“ Baur arbeitet mit Herzblut, bezeichnet sich selbst als typischen Dorfschultheißen, der sich mit dem Ort identifiziert. „Wenn etwas gelingt, kann man es als Erfolg werten, geht etwas schief, bekommt man eben die Kritik ab.“
Vor der Feuerwehr schüttelt Baur den Kopf: „Eine Bausünde.“ Der Sandsteinbalkon der ehemaligen Villa Kaltschmid musste damals weichen. „Da hat vielen das Herz geblutet.“
Beim Spaziergang durch „seine“ Stadt fällt Willi Baur immer wieder eine Geschichte ein. Jeder Platz habe seine Vergangenheit. Dann tauchen die Fest- und Sporthalle auf, „das Herausragendste in meiner Amtszeit“. Mit damals 2200 Einwohnern habe man schon etwas Tolles geschaffen – „und das Dach bei der Sporthalle bekommen wir auch in den Griff“.
Beim Sportplatz fehlt
noch eine Boulebahn
Weniger Meter weiter erinnert Baur an die Sportplatzdiskussion, an den Flächennutzungsplan, der hier auch ein Freibad vorgesehen hat. „In den 70er-Jahren erklärten wir alles zum Sportgelände und stellten den Plan für einen zweiten Sportplatz auf.“ Zufrieden blickt jetzt Baur über das Areal, lobt den zweiten Sportplatz und sagt, dass nur noch eine Boulebahn fehlt. „Aber das ist nicht mehr meine Aufgabe.“ Baurs Aufgabe war aber die Schule: Bei Amtsantritt ein Fertigbau mit zwei Klassen, heute eine Gebäude mit neun Klassen, Aula und Mensa.
Weiter durch die Hauffstraße. „Das war ein Gewerbegebiet, als ich nach Oberriexingen gekommen bin“, erzählt der Schultes. Heute ist es ein Mischgebiet. In der Abertstraße zeigt Baur nach links – hier hätte Ende der 70er-Jahre ein Zentrum mit Rathaus, Feuerwehrmagazin, Lebensmittelgeschäft und Bank entstehen können. „Der Anteil von 500000 Mark erschien uns damals aber zu hoch“, sagt Baur. „Wahrscheinlich eine kurzsichtige Entscheidung.“ Das Rathaus blieb in der Hauptstraße, die Feuerwehr in der Mühlstraße.
Wir biegen in die Wernerstraße ein. Hier droht demnächst eine Diskussion, was mit den bestehenden Bauernhöfen passieren soll. „Aber das muss mein Nachfolger lösen.“
In der Hauptstraße, nicht weit weg vom Rathaus, entstehen bald Gebäude für Betreutes Wohnen. Auch eine Arztpraxis und ein Café sollen sich ansiedeln. Dazu musste das Kriegerdenkmal in den Friedhof verlagert werden. „Da bin ich richtig angegangen worden. Jetzt gibt es aber nur noch Lob“, erzählt Baur aus seinem Alltag.
Als Baur 1971 nach Oberriexingen kam, war es ein Bauerndorf mit Misthaufen an der Hauptstraße. Heute ist es eine attraktive Wohngemeinde. „Und es herrscht ein gutes Klima im Ort. Man kann jedem freundlich begegnen“, sagt Baur. Für ihn hat jetzt die Kür begonnen. Die Vereine basteln schon an Aufführungen für seine Verabschiedung. Kein Wunder: Bürgermeister Baur ist schließlich Mitglied in allen Oberriexinger Vereinen.
