Donnerstag, 24. Mai 2012

Turm-Tour in Vaihingen




Auf dem Vaihinger Kirchturm.
Auf dem Vaihinger Kirchturm.
Im Pulverturm. Fotos: Arning
Im Pulverturm. Fotos: Arning

Vaihingen (aa). Es gibt die"normalen" Stadtführungen und die Touren durch die Keller. Und es gibt auch „Vaihingen von oben“. Nein, nicht aus dem Segelflieger, obwohl das auch an fast jedem Wochenende möglich ist. Bei „Vaihingen von oben“ stehen die Türme der Stadt im Mittelpunkt.
Treffpunkt ist im Innenhof von Schloss Kaltenstein. Die Vaihinger Türme sollen an diesem Samstagnachmittag erkundet werden. Jugenddorfleiter Drensek ist nicht gefragt; er räumt noch schnell den Müll auf, den ihm seine Frau vor die Tür gestellt hat. Knut Berberich ist der Experte für die Führung. Um ihn scharen sich 16 Personen, die etwas über die Vaihinger Turmlandschaft erfahren wollen. Da bietet sich ein Start auf dem Kaltenstein an, denn das Schloss hat ja auch einen Turm.
Eigentlich sei es ja mehr eine Burg, erklärt Berberich. Aber ab 1564 habe sich der Begriff Schloss halt festgesetzt. Da habe der Herzog die Anlage, die 1096 erstmals urkundlich erwähnt wird, umbauen lassen. Sprung in die Jetztzeit: Um 14.36 klingelt ein Handy. Der Besitzer nimmt ab und entschuldigt sich nach dem Gespräch: Der Bundespräsident sei im ersten Wahlgang gewählt worden. Jetzt kann ja nichts mehr schiefgehen. Berberich erzählt, dass der Turm am Schloss (5,50 x 5,50 Meter) eigentlich ein Hochwachtturm ist und um 1560/70 auf die äußere Ringmauer aufgesetzt wurde. Vom Innenhof aus rage er sieben Stockwerke hoch 24 Meter in den Himmel. Hier hätten einst die Hochwächter über die Stadt geblickt und Ausschau gehalten, bei Bränden oder Angriffen Alarm geschlagen. Auch ein Glocke habe es hier gegeben, die synchron mit der Kirchturmuhr geschlagen worden sei.
Über enge Stiegen geht es hinauf in den Turm. „Ich habe 60 Jahre gebraucht, bis ich das erste Mal hier oben war“, berichtet Berberich. Das Schloss sei ja immer bewohnt gewesen. Auch die Stadt Vaihingen habe hier noch ein Zimmer, erfährt man. Der Ausblick über die Stadt ist fantastisch. Und auch die Gäste mit den Fotogeräten können sich schnell wieder vom Panorama lösen. Da hat Berberich immer Sorgen.
Die Stadtkirche ist
54,53 Meter hoch
Zweite Station ist die evangelische Stadtkirche. Aus Holz sei sie einst gebaut gewesen, doch dann bei den großen Stadtbränden in Schutt und Asche gelegen. Nach dem Brand von 1693 habe man den Turm gemauert, 54,53 Meter hoch. Viele erinnern sich noch an die umfangreichen Sanierungsarbeiten in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der rund 2000 Tonnen schwere Turm hat sich, da auf einer Lehmschicht sitzend und nur mit mickrigen Fundamenten ausgestattet, um 29 Zentimeter talseitig geneigt und Risse am Kirchenschiff verursacht. Der Boden musste aufwendig mit viel Zement injiziert werden. 132 Stufen sind es bis nach oben auf dem Umgang (wir haben hoffentlich richtig gezählt). Zwischendrin erfährt man Geschichten von den Jungen, die bis in den 50er Jahren die Glocken läuteten und sich dann am Seil der größten Glocke bis an die Decke ziehen ließen. Ein Läutebub war auch Knut Berberich. Die größte Glocke wiegt übrigens 1200 Kilogramm, die Silberglocke bringt es nur auf 115 Kilogramm. Auf dem Umgang zieht es gewaltig, doch der Blick auf die Dächer der Stadt fasziniert.
Ein Betonklotz
blockiert den Haspelturm
Am Haspelturm (auch Diebsturm genannt) in der Grabenstraße gibt es nichts zu besteigen. In ihn konnte man einst nur über die Stadtmauer gelangen. Die Verurteilten wurden mit Hilfe einer Haspel durch ein Loch in ein Verlies gelassen. Der Turm, 24,21 Meter hoch, wurde als Teil der Stadtbefestigung im 13. oder 14. Jahrhundert gebaut. Später, als hier unter anderem das Heimatmuseum untergebracht war, führte eine Treppe zur Türe hoch. Sie musste jedoch nach Prozessen abgerissen werden, als in den 60er Jahren Nachbarn einen Anbau an ihr Haus planten. Will man jetzt oben in den Turm gelangen, müssen Leitern angelegt werden oder der Hubsteiger muss ausrücken. Die Türe im Erdgeschoss gibt es erst sei 1944. Doch durch sie gelangt man nur in das ehemalige Verlies, in dem als Erinnerung an den Kunstsommer von 1990 noch ein gewaltiger Betonblock steht. Ihn zu entfernen wagt offenbar niemand - aus Furcht, sich an einem „Kunstwerk“ und am Urheberschutz zu vergreifen. Berberich hat da eine eigene Meinung: „Sprengen. Wir haben Fachleute in der Stadt, die das könnten.“
Der Pulverturm an der Enz wurde 1492 von den Familien Gremp und Aschmann gestiftet. Er stand damals außerhalb der Stadtmauer und war vermutlich mit einem Steg an die Mauer angehängt. Als Waffenlager diente er, als Gefängnis, als Stadtarchiv, als Wäscherei und Freibanklokal. Nach dem Krieg gab es hier Wohnungen. Auch Wanderarbeitern diente der 26,59 Meter hohe Turm mit den bis zu drei Meter dicken Mauern als Unterkunft. Seit den 90er Jahren finden im Pulverturm nur noch Ausstellungen statt. Die Bilder für die nächste Schau hängen schon. Künstler aus Köszeg, der Partnerstadt in Ungarn, zeigen ihre Werke. Knut Berberich verweist auf die mächtigen Balken in den Decken. „Mich würde schon mal interessieren, wie viele Baumstämme hier verbaut wurden“, sagt er. Und irgendwann will er es auch ausrechnen.
Drei, vier solcher Turmführungen bietet Berberich, der pensionierte Bauingenieur, im Jahr an (Anmeldungen über das Stadtarchiv). Die erste hat er mit Oberbürgermeister Gerd Maisch unternommen. Die Aktionen mit den Kellern wurde zuvor mit Heinz Kälberer begonnen. Mal sehen, was Berberich noch einfällt.

Informationen zu den Stadtführungen gibt es im Stadtarchiv, Telefon (07042) 98100.




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