Vaihingen (sr). Seit Jahren blicken die Mitglieder des Bezirksfischereivereins Vaihingen sorgenvoll auf einen Enzabschnitt in Vaihingen: In dem rund einen Kilometer langen Gewässerabschnitt zwischen Mühle Auch und Löbertsbrunnen sei eine extreme Verarmung der Flora und Fauna festzustellen. Auf eigene Rechnung hat der Verein nun eine Maßnahmenkonzeption zur Revitalisierung des Teilstücks erstellen lassen.
In vielen Köpfen hänge noch das Klischee vom biertrinkenden Angler, der am laufenden Band Fische totschlägt. Detlef Marth vom Bezirksfischereiverein Vaihingen: „Dabei verbringen wir bestimmt 80 Prozent unserer Zeit mit Naturschutzmaßnahmen und damit, unsere Gewässer in Ordnung zu halten.“ Vereinskollege Andreas Arndt fügt hinzu: „Wir sind ein anerkannter Naturschutzverband.“ Und Franz Josef Hönekop, 1. Vorsitzender, ergänzt: „Eines ist klar: Wenn wir nicht wären, wären viele Fischarten schon ausgestorben.“
Aus Sorge um den Zustand eines Teilstücks der Enz wurde der Verein nun aktiv. Auf eigene Rechnung ließen die Fischer eine Maßnahmenkonzeption zur Verbesserung der Gewässerstruktur erstellen. Von der Mühle Auch in Vaihingen bis zum Löbertsbrunnen flussabwärts lässt die Enz Sorgenfalten beim Bezirksfischereiverein Vaihingen, Pächter dieses Gewässerabschnitts ist, entstehen. Die Unterhalts- und Ausbaupflicht liegt für die Enz, als Gewässer erster Ordnung, beim Land Baden-Württemberg. Ein erster Schritt der Vaihinger Fischer war daher der Gang zum Regierungspräsidium (RP) Stuttgart. Bei einem ersten Gespräch im Herbst letzten Jahres wurde von den Vereinsmitgliedern angeregt, „dass das Land in seiner Verantwortlichkeit bauliche Verbesserungsmaßnahmen tätigt“, so Arndt. Im Prinzip sei man sich über den Handlungsbedarf einig gewesen. Finanzierung und konkrete Maßnahmen lagen jedoch im Dunkeln.
„Um der Sache in Dringlichkeit und Wichtigkeit Nachdruck zu verleihen“, habe sich der Verein dazu entschlossen, die Präsentationsmappe erstellen zu lassen. Diese liegt Ministerpräsident Günther Oettinger, dem RP und Landrat Dr. Rainer Haas mittlerweile vor und wurde am Donnerstag Oberbürgermeister Gerd Maisch und weiteren Vertretern der Vaihinger Stadtverwaltung übergeben.
In den 60er Jahren wurde die Enz in diesem rund einen Kilometer langen Abschnitt von einer „idyllischen, kleingliedrigen Flusslandschaft“ zu einem monotonen, kanalartigen Gewässer ausgebaut. So umschreiben es die Experten vom Landschaftsarchitekturbüro Geitz und Partner, das die Konzeption erstellt hat und unter anderem die Reaktivierung des Enzarms Bruckenwasen in Enzweihingen geplant und durchgeführt hatte. Aus der Verbreiterung des Flussbetts resultiert eine Verringerung der Fließgeschwindigkeit, was wiederum Folgen hat. „Es kommt zu einer ständigen Sedimentablagerung, hauptsächlich mit Sand, der das ursprüngliche Flussbett zusetzt“, sagt Andreas Arndt. In diesem Bereich des Fließgewässers sei eine extreme Verarmung der Flora und Fauna zu beklagen. Arndt: „Es gibt keinerlei Unterstände und Biotope mehr für Klein-, Laich-, und Großfische.“ Besonders bei Niedrigwasser mache die Erwärmung den Organismen zu schaffen und auch das Fehlen einer Rinne, in welche eine ausreichende Wassertiefe auch für hochrückige Fischarten erreicht wird, wird bemängelt. Außerdem müsse die Enz laut der Europäischen Wasserrahmenrichtlinien durchgängig werden, sagt Vorsitzender Hönekop. Hierzu sind beispielsweise Fischaufstiegsanlagen an Wehranlagen erforderlich. An der Wehranlage an der Mühle Auch sei zwar eine solche vorhanden. Geitz und Partner in ihrer Maßnahmenkonzeption: „Diese ist aber nach heutigem Wissensstand mit großen Mängeln versehen, da weder eine ausreichende Lockströmung im Unterwasser, noch ein geeignetes Aufstiegsgefälle für die hier heimischen Fischarten vorhanden ist.“ Anlässlich eines Betreiberwechsels der Anlage sei mit einer Umgestaltung der Aufstiegsanlage zu rechnen. Geitz und Partner schlagen hierfür ein Verbindungsgerinne vor. Diese Wanderhilfe würde etwas abseits des Hauptgewässers über städtisches Gelände führen. Mit verschiedenen Bauelementen könnten nach Ansicht der Planer die Strukturen am Enzabschnitt verbessert werden. Die bestehenden Hochwasserdämme sollen dabei in Lage und Höhe beibehalten werden.
Der Einbau von sogenannten Tauchbuhnen – flach geneigten, dammartigen Querbauten – würde ein Pendeln des Stromstiches bewirken und das Wasser bei niedrigen Wasserständen zusammenführen. An den Buhnen erfährt die Strömung Veränderungen, wodurch sich unterschiedlichstes Sohlmaterial ablagern kann. Gute Voraussetzungen für eine „Fischkinderstube“.
Struktursteine verbessern ebenfalls die Strömungs- und Habitatvielfalt. Sie beleben optisch und akustisch die Fließstrecke und fördern den Sauerstoffeintrag ins Gewässer. Unterschiedlich große, dynamische Inseln aus vor Ort befindlichem Baumaterial verändern sich durch Erosion und Sedimentation. Manche von ihnen können von der Vegetation eingenommen werden. Schließlich könnten Stummelbuhnen und Totholzelemente für eine Strukturanreicherung sorgen.
Für die gesamte Maßnahme ergeben sich laut Präsentationsmappe Kosten von rund 860000 Euro, exklusive Umgehungsgerinne. Das Fazit der Planer: „Die Maßnahmenkonzeption zur Revitalisierung der Enz im Fließbereich unterstrom des Kraftwerks Mühle Auch wird eine erhebliche Aufwertung des Lebensraums Fließgewässer bewirken.“ Außerdem würden die kleingliedrigen Uferstrukturen mit unterschiedlichen Strömungsbildern die Enz beleben und hohe Qualitäten für Naherholung und Freizeitgenuss bieten.
Die Entscheidungsbefugnis liege letztendlich beim Regierungspräsidium, so die Männer vom Bezirksfischereiverein Vaihingen. Eine Realisierung der Pläne „wäre unser größter Wunsch“, sagt Andreas Arndt.
