Nussdorf (aa). Der Pilot schüttelt den Kopf. Da geht nichts. Auf dem Gelände beim Reiterzentrum in Nussdorf sind am Dienstagmorgen nicht mal die Spitzen der Hochspannungsmasten auszumachen. An einen Einsatz ist bei diesen Bedingungen nicht zu denken. Warten ist angesagt. Schäden an den Hochspannungsleitungen sollen repariert werden, da muss das Wetter mitspielen. Und es spielt dann tatsächlich noch mit.
Regen, Wind, Nebel. Das ist eine Giftmischung, wenn in der Luft gearbeitet werden soll. Und das letzte Wort hat dann immer die Crew im Helikopter. Die Maschine steht in einem Acker, die Piloten hocken in der Kanzel und lassen den Regen auf die Scheiben prasseln. Es geht nichts.
Warum wird mit Hubschrauberhilfe am Hoch- und Höchstspannungs-Freileitungsnetz gearbeitet? Dagmar Jordan vom EnBW-Regionalzentrum Schwarzwald erklärt: „Überwiegend handelt es sich um Beschädigungen durch Blitzeinschläge. Die EnBW führt regelmäßig Kontrollflüge oder Kontrollgänge durch und bündelt dann die Reperaturarbeiten.“ In dieser Woche sind an drei Tagen insgesamt elf Einsätze vorgesehen, die über das ganze Netzgebiet in Baden-Württemberg verteilt sind. Wie gesagt: Einigermaßen gutes Wetter ist Voraussetzung.
Der Hubschraubereinsatz ist mittlerweile fester Bestandteil. Die Aktionen sehen spektakulär aus, sind aber nach inzwischen rund 400 Einsätzen mit ausgereifter Technik Routine für ein eingespieltes Team. Der Spezialhubschrauber befördert den an zwei voneinander unabhängigen Seilsystem 15 Meter unter der Maschine hängenden Arbeitskorb mit den beiden Monteuren an den Einsatzort, der rund 80 Meter über dem Boden liegt. In aller Regel müssen sich die Männer um die zwischen den beiden Mastspitzen verlaufenden Erdseile, die die Funktion eines Blitzableiters haben, kümmern. Manchmal sind es aber auch die an den Masttraversen befestigten Leiterseile, deren Aluminium-Adern durch Blitzschlag beschädigt sind.
„Packen wir die Sch... an“, heißt es gegen 12.30 Uhr. Die Türen des Hubschraubers werden ausgehängt; es soll nicht zu viel Ballast mitgeschleppt werden. „Die Erde ist drin“, wird gemeldet. Dafür waren zwei Monteure oben auf Mast 157 zuständig. Die Stromkreise sind inzwischen aus Sicherheitsgründen frei geschaltet. Der Pilot fliegt im Bogen an die Schadstelle heran. Der Korb wird in Position gebracht, bis das zu reparierende Seil auf den beiden Auslegern aufliegt. Nach Analyse des Schadens wickeln die beiden Monteure vom Korb aus die rund zwei Meter langen Reparaturspiralstäbe um das Leiterseil. Nach wenigen Minuten ist der Fall erledigt, der Stromkreis in der 380-kV-Leitung, die nach Pulverdingen führt, kann wieder zugeschaltet werden. Die Truppe, die am Morgen in Plüderhausen im Einsatz war, setzt um in Richtung Philippsburg. Mit dem Hubschrauber ist das ein Katzensprung, doch auch die „Bodentruppen“ müssen folgen.
Seit mehr als zehn Jahren ist die EnBW zu Schadensbehebung an Leiterseilen mit einem Hubschrauber unterwegs. Als Verfahren wurde damals in Zusammenarbeit mit der Firma Meravo das „Human External Cargo System“ entwickelt, bei dem die Monteure als angehängte Außenlast im Korb an die Schadstelle geflogen werden. Das Luftfahrtbundesamt hat die Methode 1995 zur Breitenerprobung freigegeben. Ein Jahr später kam die Musterzulassung, mit der gleichzeitig der EU-weite Einsatz erlaubt ist.
Früher war die Schadensbehebung oft mit einem riesigen Aufwand verbunden. Teilweise musste parallel zum beschädigten Leiterseil ein befahrbares Beiseil gezogen und von dort aus repariert werden. Auch das Ablassen des Seils war an der Tagesordnung. Dabei gab es teilweise lange Abschaltphasen auch zu Höchstlastzeiten. Auch heute wird nicht grundsätzlich zum Hubschrauber gegriffen. Dagmar Jordan: „Die Wirtschaftlichkeit ist nach wie vor die Messlatte dafür, welche Art der Reparatur gewählt wird. Auch ein Hubsteiger oder ein Kran mit Personenkorb kommen zum Einsatz, sofern es die Verhältnisse zulassen.“
Sechs Schadstellen können unter normalen Bedingungen pro Einsatztag repariert werden (die Kosten liegen jeweils bei rund 3000 Euro) – wenn sie nicht zu weit auseinanderliegen und das Wetter es zulässt. Da hat man bei Nussdorf gerade noch Glück gehabt.
