Kleinsachsenheim (elf) – Das hat wahrlich ein G’schmäckle: Vermutlich aufgrund eines Sabotageakts liefen gestern in aller Frühe rund 100000 Liter Endsubstrat aus einem Lagerbehälter der Biogasanlage Kleinsachsenheim und verteilten sich auf dem Hof sowie den benachbarten Grundstücken. Sowohl Betreiber als auch Erbauer der Anlage schließen einen technischen Defekt aus. Vor dem Hintergrund von früheren Beschwerden wegen Geruchsbelästigungen und dem bevorstehenden Tag der offenen Tür am Sonntag vermutet der Betreiber Sabotage.
„Das war gewollt“, sagt Martin Schmid, einer der drei Betreiber der Biogasanlage Kleinsachsenheim. Mitarbeiter von ihm hätten gegen 5 Uhr bemerkt, dass die Pumpe des Endlagers läuft und den Gärrest (fermentierte Gülle) aus dem Behälter über das Lkw-Befüllrohr befördert. Der hatte sich zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon eine halbe Stunde lang seinen Weg über den gesamten Hof und auf die benachbarten Grundstücke gebahnt. Das Kuriose: Um die Pumpe einzuschalten, muss man mit einer Leiter auf den fünf Meter hohen Behälter steigen und zwei Schalter betätigen. Eine Leiter war indes weit und breit nicht zu sehen. „Die Pumpe geht nicht von alleine an“, sagt Martin Schmid. Außerdem seien sämtliche Leitern weggeschlossen gewesen. Die Vermutung liegt also nahe, dass ein Außenstehender – eventuell ein Gegner der Anlage – die Pumpe betätigt und sich samt Leiter aus dem Staub gemacht hat. „Ich werde diese Vermutung nicht aussprechen, doch ich habe Anzeige gegen Unbekannt erstattet und möchte, dass die Staatsanwaltschaft ermittelt“, so Schmid.
Klar, dass der Landwirt betroffen war, denn noch am gleichen Abend war auf dem Hof ein Abend mit der Theatergruppe „Kunterbunt“ geplant – sozusagen die Einleitung zum Tag der offenen Tür, der an diesem Wochenende im Rahmen der Gläsernen Produktion in der Biogasanlage stattfindet. Außerdem habe es auch Widerstand und Äußerungen gegen die Anlage gegeben.
Dass ein technischer Defekt auszuschließen ist, bestätigt auch Klaus Ascher, Fachberater Innenwirtschaft bei der BayWa AG, die an der Planung und am Bau der Biogasanlage beteiligt war. „Ich vermute Sabotage“, sagt Ascher. Die Pumpe des Endlagers werde unabhängig von der Anlagensteuerung manuell betätigt. „Eine Fehlschaltung ist definitiv auzuschließen“, so der Fachmann. Erst wenn der Hauptschalter betätigt und zusätzlich der Startknopf gerückt wird, springe die Pumpe an. Natürlich müsse man schon wissen, dass sich das Bedienpult in fünf Meter Höhe befindet und da hochklettern. Wer das Prozedere allerdings schon mal gesehen habe, sei durchaus in der Lage, die Pumpe einzuschalten. Zur Klärung wurde ein Sachverständiger hinzugezogen.
Wenn’s auch nicht sonderlich gestunken hat, eine Sauerei war es schon. Denn: fermentiert oder nicht – 100000 Liter ausgelaufene Gülle sind eklig. So eilte die Sachsenheimer Feuerwehr ihrem Kameraden Schmid mit vier Fahrzeugen und 30 Mann zu Hilfe. Zusätzlich bekam Schmid Unterstützung von rund 40 Helfern aus von Freunden und Verwandten. Sie alle waren stundenlang mit den Säuberungsarbeiten beschäftigt und versuchten damit zu verhindern, dass das Material ins Grundwasser fließt. Bereits nach wenigen Stunden waren 80000 Liter verarbeiteter Gülle wieder per Vakuumpumpe in den Endlagerbehälter zurückgepumpt worden. In etwa 300 Meter Entfernung bauten die Floriansjünger einen fünf Meter breiten und ein Meter hohen Wall, um den fließenden Güllestrom zu stoppen. Auf dem Grundstück des Nachbars, wo sich der Gärrest in der Garage und auf der Wiese verteilte, brachte die Feuerwehr Wasser auf und saugte anschließend das verdünnte Material wieder ab. Bis in die Mittagsstunden dauerte die unangenehme Arbeit, die nicht ohne Gummistiefel und einer gehörigen Portion Überwindung zu bewältigen war.
Während die Ehefrau von Martin Schmid von dem vermeintlichen Anschlag sehr mitgenommen war und notärztlich behandelt werden musste, war er selbst nach ein paar Stunden wieder gefasst. „Das Fest wird wie geplant stattfinden“, so sein kämpferisches Fazit. Die tagelangen Vorbereitungsarbeiten auch von der Eintracht Kleinsachsenheim und dem Sportschützenverein sollten nicht umsonst gewesen sein. So wird heute (31. Mai) ab 14 Uhr der Erdbeer- und Spargelanbau der Familie Schmid zu besichtigen sein, am Sonntag (1. Juni) wird der Tag der offenen Tür um 10 Uhr mit einer Kirche im Grünen und um 11 Uhr mit der Eröffnung durch Bürgermeister Horst Fiedler stattfinden. Von der Sauerei durch die braune Soße wird dann nichts mehr zu sehen und zu riechen sein, wenngleich auch ein Polizeisprecher sagte: „Die Sache stinkt zum Himmel.“

