Wer fleißig ist, kriegt auch nicht mehr
Vaihingen (sr) – Der Ärzteprotest der Mediziner gegen die Gesundheitsreform bleibt Vaisana-Patienten nicht verborgen. In Zeitungsanzeigen des Vaihinger Ärztehauses klingen kritische Töne durch und an den Anmeldungstheken liegen Unterschriftenlisten zur Unterstützung der Ärzte aus. Dr. Christoph Schöll, Internist und Geschäftsführer im Vaisana, findet klare Worte: „Die Bevölkerung muss lernen, dass die Gesundheitsreform zur Verschlechterung der Versorgung führt.“
Das Ärztehaus soll ab 1. Juni „angesichts der sich finanziell verschärfenden Situation im Gesundheitswesen“ von 12.30 bis 14 Uhr geschlossen werden. Darüber mag sich der eine oder andere Patient wundern. Genauso wie über Brückentage, an denen die Vaisana-Mediziner kollektiv ihre Praxen schließen. Denn manch’ Kranker hatte sich ein allzeit besetztes Ärztehaus erhofft. „Am Brückentag“, erklärt Dr. Christoph Schöll, Internist und Geschäftsführer im Vaisana, „hatten die Praxen auch vor Vaisana schon geschlossen.“ Seit es die Notfallpraxis in Sersheim gibt, lassen alle Ärzte, die in der Notfallpraxis organisiert sind, an Brückentagen die Arbeit ruhen. Schöll: „Für die Notfallpraxis ist das finanziell gesehen ein wichtiger Tag um zu überleben.“
Ein Anzeigentext bezüglich der Mittagspause sei bewusst provokativ formuliert, räumt der Mediziner ein: „Es sollte schon ein bissle Ermunterung sein, darüber nachzudenken, dass das Gesundheitswesen schlechter wird.“ Das Telefon im Ärztehaus, betont Schöll, sei aber trotzdem durchgehend besetzt, „von 8 bis 18 Uhr“.
Grund für die mittägliche Schließung sei die „minimale Inanspruchnahme“ in dieser Zeit und: „Die Praxen müssen sich betriebswirtschaftlich rentieren. Seit dem 1. Januar 2008 sind die Hausärzte ganz streng budgetiert.“ Pro Patient stehe den Hausärzten zur Abrechung mit der kassenärztlichen Vereinigung eine Pauschale von rund 40 Euro pro Quartal zur Verfügung. In dieser Versichertenpauschale sind die beim Hausarzt üblicherweise erbrachten Leistungen wie Betreuungs-, Koordinations- und Dokumentationsleistungen inklusive, beispielsweise auch Laboruntersuchungen und Blutentnahme. Erscheint der Kranke mehrmals innerhalb dieser drei Monate, arbeite der Arzt sozusagen unentgeltlich, so Schöll. Ob Handwerker bei solchen Konditionen arbeiten würden, sei fraglich, meint eine Kollegin.
Momentan wird das Honorar der Kassenärzte außerdem noch nach einem Punktesystem errechnet. Die Krankenkassen füllen, vereinfacht gesagt, mit den Beitragsgeldern ihrer Mitglieder die Töpfe der kassenärztlichen Vereinigung. Je mehr Behandlungen die Ärzte abrechnen, desto geringer fällt der Punktwert aus. „Die Zahlungen für ein Quartal erfolgen zum Teil bis zu sechs Monate später“, macht Schöll deutlich. Der Punktwert liege derzeit bei zirka vier Cent, pro Patient und Quartal steht ein Budget von rund 1000 Punkten zur Verfügung. Vom 1. Januar 2009 wird dann, so Bundesministerin Ulla Schmidt vor wenigen Tagen auf dem Deutschen Ärztetag, die neue Honorarabrechnung für ambulante Leistungen in Kraft treten, „weg von den floatenden Punktwerten, hin zu festen Preisen einer Gebührenordnung in Euro und Cent. Ab 2009 wird damit endlich auch die unterschiedliche Vergütung zwischen Ost- und Westdeutschland beendet“. Dieser Umstand bereitet Schöll Kopfzerbrechen. Denn, „wenn eintritt, was die Bundesregierung plant, fallen in Baden-Württemberg nochmal 15 bis 20 Prozent der Erträge weg“, so der Mediziner.
Seither würden bundeslandabhängige Punktwerte gelten, wobei Süddeutschland besser gestellt sei als beispielsweise der Osten Deutschlands. Wird dieser Punktwert bundesweit gleichgemacht, würde dies einem „betriebswirtschaflich, kalkulatorischen absolutem Blindflug“ gleichkommen, befürchtet der Vaisana-Geschäftsführer. In einem Gutachten über die Auswirkungen jener Umverteilung im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit heißt es dagegen: „Wir halten den regionalen Denkansatz, der hinter den namentlich von Baden-Württemberg, Bayern aber auch Hessen vorgetragenen Argumenten liegt, für verfehlt. Das Regionalprinzip ist dem Sozialversicherungsrecht fremd.“
Die Ärzte sehen schon aufgrund der demografischen Entwicklung einem steigendes Arbeitspensum auf sich zukommen. Schöll: „Die Bevölkerung wird älter und kränker.“ Eine adäquate Vergütung der erbrachten Leistung sei durch die Gesundheitsreform in keinster Weise gewährleistet. Dazu trage zum einen die Versichertenpauschale, zum anderen die Fallzahlbeschränkung bei. Schöll legt eine anonymisierte Arztabrechnung aus Vaisana vor: Die Fallzahlzuwachstoleranz von fünf Prozent war in dieser Praxis im vierten Quartal 2007 um 187 Fälle überschritten. „Die Praxis war fleißig“, sagt Schöll mit Blick auf die eingereichten 1074 Fälle. Doch für den „Überschuss“ von 187 Fällen erhalte der Arzt kein Honorar. Schöll: „Wir wollen nicht jammern wie blöd, aber es ist zum Jammern.“
Im April stimmten rund 7000 Ärzte aus Baden-Württemberg in Stuttgart unter anderem für „feste Vergütung unserer Arbeit nach Stundensätzen vergleichbarer freier Berufe und Selbstständiger“ und für ein Ende der überbordenden unbezahlten Bürokratie in den Praxen. Der Stundenlohn eines niedergelassenen Arztes für die Behandlung gesetzlich Versicherter beträgt übrigens, laut Berechnungen der Kassenärztliche Bundesvereinigung von 2007: Honorareinnahmen von rund 173385 Euro pro Jahr. 58,8 Prozent davon gehen als Betriebskosten ab. Nach Versteuerung und Abzug für Altersvorsorge und Krankenversicherung bleiben als durchschnittliches Nettoeinkommen 2328 Euro monatlich, was bei gewöhnlich 51 Wochenarbeitsstunden einem Stundenlohn von 11,94 Euro entspreche. Einnahmen aus der Behandlung von Privatpatienten sind in diesem Betrag beispielsweise nicht enthalten.
Mit der baden-württembergweiten Unterschriftenaktion der Autorin Renate Hartwig „patient-informiert-sich.de“ wird den Patienten im Vaisana die Möglichkeit gegeben, ihre Solidarität mit den Ärzten auszudrücken. Bis Ende Juni sollen die Unterschriften ausgezählt und an den Ärzteverband Medi Baden-Württemberg übergeben werden.
