Maulbronn – „Gratulieren – Jubilieren – Feiern“ – lautete das Motto der Festveranstaltung, mit der der Maulbronner Kammerchor am vergangenen Freitag sein 25-jähriges Bestehen zelebrierte. Sie dauerte über viereinhalb Stunden, so lange wie etwa eine Wagneroper.
Von Langeweile dennoch keine Spur, im Gegenteil: Als gegen Mitternacht das Fest im matt erleuchteten Kreuzgang des Klosters mit Brahms’ „Wiegenlied“ ausklang, ging wohl jeder Besucher mit dem Gefühl nach Hause, einem unvergesslichen Ereignis beigewohnt zu haben.
Gratulationen
Doch der Reihe nach. Als erster der – klugerweise von Gesang unterbrochenen – Wortgratulanten konnte Eberhard Mayer, der Präsident des Jubilarchors, stolz eine stattliche Zahl von Vertretern aus Regionalpolitik, Kirche, Kirchen- und Chormusik sowie Förderern und Freunden (Fans) begrüßen. Die glanzvolle Entwicklung des Chors, in dem er als Bass mitsingt, mochte er nur andeuten. Sie zu würdigen war Hans-Willi Hefekäuser, der Präsident der Arbeitsgemeinschaft deutscher Chorverbände, aufgerufen. Er stimmte ein Loblied auf das „wert- und kunstvolle“ Volkslied an, dem sich der gastgebende Chor und seine Gäste aus der Domstadt Köln in besonderem Maße verpflichtet fühlten. In Jürgen Budday, dem Maulbronner Chorleiter und Vorsitzenden im „Beirat Chor“ des Deutschen Musikrates, habe er einen engagierten Mitstreiter an diversen musikpolitischen Fronten. Sanfte Seitenhiebe auf gewisse öffentliche Institutionen ernteten Beifall.
Dessen konnte sich auch der Maulbronner Schultes Andreas Felchle sicher sein. Zugleich Vorsitzender des Fördervereins Maulbronner Kammerchor, pflegt er eine ideal zu nennende Partnerschaft mit Jürgen Budday zum Wohl des Chors und der durch ihn in aller Welt hervorragend repräsentierten Stadt, von der Ausstrahlung auf das Weltkulturerbe gar nicht zu reden. Leider enttäuschte der Festvortrag des Landauer Kulturredakteurs Dr. Karl Georg Berg, da er im Wesentlichen nur in der rasch abgelesenen Aufzählung von allgemein bekannten (auch im Programm abgedruckten) Daten und Fakten aus der Geschichte des Chors bestand: Reisen, Preise, Händel-Oratorien, CD-Einspielungen, Pressestimmen.
Jubilierende Chöre in edlem Wettstreit
So hatte der Chor selbst für den Festjubel zu sorgen, und das tat er mit ansteckendem Enthusiasmus. Den Vortritt ließ er selbstverständlich der Kölner Kantorei, mit der er seit Jahren eng verbunden ist, was sogleich bei den Begrüßungsliedern im gemischten Rund vernehmbar wurde. Nach kleinen (intonatorischen) Startschwierigkeiten erwiesen sich die Kölner unter ihrem langjährigen Dirigenten als Garanten einer effektvollen, zeitgemäßen Präsentation deutscher Volkslieder. Dabei ähneln sich die kompositorischen Verfahren der modernen Bearbeiter durchaus (Imitation von Begleitung, Summen, Jazz-Rhythmen etc.), andererseits fallen die Ergebnisse – wie beim Kuckuckslied zu hören – ganz verschieden aus. Präzise Aussprache, auch in zungenbrecherischem Tempo, Ausgewogenheit der vier Stimmlagen und fein entwickelter Klangsinn (Winterlieder) kennzeichneten das Ensemble aus der Domstadt. Mit der gelegentlich leicht Kölsch gefärbten „Schwäb’schen Eisenbahne“ heimsten sie den verdienten Riesenapplaus ein.
Jürgen Buddays erste „Antwort“ mit dem Kammerchor fiel zunächst verhalten, ja fast elegisch aus. Zwei schwedische Lieder und die lange, empfindsame „Lenznacht“ von Wilhelm Stenhammar (von Erika Budday am Klavier begleitet) ließen gewiss Buddays sensible Handschrift erkennen, Whitacres „Sleep“ auch enormes klangliches Piano-Raffinement, aber erst bei Brahms’ „Vineta“, voll ausgesungen, fühlte sich das Publikum ganz zu Hause. In ihrem zweiten deutschen Volksliedteil setzten die Kölner auf die Themen „Liebe und Leid“ (unter anderem „Wenn ich ein Vöglein wär“), „Heimat“ (u.a. „Ein Jäger aus Kurpfalz“), „Abend“ und „Geselligkeit“. Das war ganz nach dem Geschmack des Publikums, das die modernen Versionen sichtlich goutierte. Auch hatte Hempfling inzwischen sein Jacket abgeworfen und das Temperament seiner SängerInnen gehörig angeheizt – freilich ohne je die Tempokontrolle zu verlieren oder die Disziplin zu lockern.
Ein Chor feiert sich selbst
Nach der Pause, in der im Eintrittspreis inbegriffene „Speisen und Getränke“ gereicht wurden, zeigten die Maulbronner, dass sie nicht nur Händel und „Kunstlied“ beherrschen. Bei den mehr oder weniger klassischen anglophonen Jazz- und Popsongs à la „I’m the train“, „Short People“, „Over the Rainbow“, dem wahrhaft virtuos dargebotenen „Joshua fit the battle of Jericho“ (welch glänzende Artikulation!) oder auch dem gekonnt vom Schlagzeug unterstützten südafrikanischen „Gabi, Gabi“ trieben Budday und sein groß besetzter Kammerchor die Begeisterung des Publikums in dem ehrwürdigen Laienrefektorium auf den Siedepunkt.
Doch damit noch nicht genug. Eine auffällige Eigenart des Maulbronner Kammerchors durfte bei diesem Festkonzert nicht undokumentiert bleiben: die Kleingruppen, die so phantasievolle Namen tragen wie „sotto voce“, „Bona note“, „FRÄT AllStars“, „Cape“ und „Quartsext“. Zwischen dem unvermeidlichen „Auf em Wasa graset d’Hasa“, der ach so romantischen „Nightingale“, dem schnulzigen „Wonderful tonight“ und „Blue moon“ stachen Beatle Songs à la „Yesterday“ und „Sinner Man“ (Quartsext) in fast professionellen Darbietungen hervor. Hier tobten sich beachtliche Sing-Showtalente mit erstaunlichem parodistischem Potenzial ungehemmt aus. In der Besetzung Saxophon, Gitarre, Klavier und Gesang („Stormy Weather, „Personal Jesus“) feierte die Vielseitigkeit der Vollblutmusiker Triumphe. Und es wurde deutlich, aus welch kräftig sprudelnden musikalischen Quellen sich der Maulbronner Kammerchor speist. Es muss eine Lust sein, mit diesem „Instrument“ zu arbeiten. Sie sei Jürgen Budday von Herzen noch lange gegönnt.
Ein besonderes Jubiläumsgeschenk ist übrigens das vom Förderverein des Chores herausgegebene Hochglanz-Magazin „Klang“. Darin werden der Maulbronner Kammerchor und sein charismatischer Leiter in all ihren individuellen Facetten porträtiert und mit einer „Best of…“-CD gewürdigt. Dazu frisches Lob aus dem Munde (der Feder) des Bundespräsidenten (kürzlich in Bruchsal). Dem darf sich der Rezensent mit einem aufrichtigen „Ad multos annos!“ anschließen.
Nachklang
Keine 24 Stunden nach der kräftezehrenden Gala das „richtige“ geistliche Konzert der beiden Chöre in der voll besetzten Klosterkirche. Ein höchst anspruchsvolles, die ganze Konzentration erforderndes Programm mit Werken von Reger, Mendelssohn, Lauridsen, Mocnik, Hanelt, Sandström, Rheinberger, Jenner, Tschesnokow, Buchenberg, Schanderl, Taverner, Nystedt, Rutter (in der Aufführungs-Reihenfolge), gesungen von den Kölnern und Maulbronnern getrennt und gemeinsam, dirigiert abwechselnd von Volker Hempfling und Jürgen Budday.
Die summarische Auflistung kann natürlich dem grandiosen Konzert nicht gerecht werden, das besonders im Bereich der neuen Chormusik (die meisten Komponisten leben noch) erstaunliche Entdeckungen, ja veritable Meisterwerke zu Tage brachte. Aber näher darauf eingehen hieße das oben gespendete Lob nur vervielfachen. Zu bewundern war höchste Klangkultur, unerhörte Differenzierung, makellose Intonation, überzeugende, aus dem Sinn der Texte und der Musik erwachsende Deklamation, rückhaltlose Expressivität. Eine geradezu mystische Erfahrung: In jeder Komposition erstrahlt neu das Licht, besiegt die Finsternis. Die dunkle, von Kerzen schwach erhellte Klosterkirche verwandelt sich in einen Tempel des Lichts. Gefragt war hier eher Theologie, keine Konzertkritik.
Dr. Dietrich Klose
