Illingen – Der Naturpark Stromberg Heuchelberg beherbergt viele verschiedene Lebensformen. Doch Spaziergänger wissen oft nicht viel über Flora und Fauna. Die Naturparkführer wollen deshalb Licht ins Dunkel bringen: Im Illinger Wald wird zum Beispiel eine Baumführung angeboten.
Die Illingerin Sabine Murschel hat sich gut vorbereitet. Ihr Rucksack ist prall gefüllt: Bücher, Prospekte, ein paar Holzstücke und Getränke füllen die Rückentasche. „Ein bisschen aufgeregt bin ich schon“, verrät sie. Kein Wunder: In knapp zehn Minuten wird sie zum ersten Mal elf naturinteressierte Menschen durch den Illinger Gemeindewald führen. Geschichten und Informationen aus der Welt der Bäume sollen dabei greifbar werden.
Ausgangspunkt für die Baumführung mit Sabine Murschel ist der Wanderparkplatz am Illinger Waldfriedhof. Von dort aus taucht sie mit ihren Gästen in den Naturpark Stromberg Heuchelberg, zu dem auch der Illinger Wald gehört, ein. „Man muss nicht immer um die halbe Welt reisen um schöne Landschaften und Wälder zu finden“, sagt sie. Der Naturpark beherbergt auf einer Fläche von knapp 330 Quadratkilometern etwa 40 verschiedene Baumarten und besteht zu 48 Prozent aus Wald. Damit gehört er zwar zu den kleineren Naturparks in Baden-Württemberg, wegen seiner zentralen Lage zwischen Stuttgart, Heilbronn, Pforzheim und Karlsruhe gilt der Naturpark jedoch als wichtiges Erholungsgebiet.
Am Waldfriedhof ragen drei Pyramidenpappeln in den Himmel. Ursprünglich war diese Baumart im Mittelmeerbereich beheimatet. Bis der Soldat und Herrscher Napoleon Bonaparte sie in unsere Gefilde entführte: „Die Bäume haben ihm so gefallen, dass er an den Seiten seiner Heerstraßen, die durch ganz Europa führen, Pyramidenpappeln pflanzen ließ“, erläutert Sabine Murschel. Jetzt wachsen sie auch bei uns.
Und weiter geht die Reise: Ein Vertreter der mächtigsten Bäume des Waldes steht ein paar hundert Meter entfernt am Wegesrand. „Diese Eiche ist etwa 220 Jahre alt“, sagt sie. Aus der Ferne hat der Baum erlebt, wie im Jahr 1854 der Eisenbahnverkehr nach Illingen kam und wie die Soldaten zweier Weltkriege durch das Land zogen. Ganz schön alt. Umarmen könnte Murschel den Baum wahrscheinlich kaum, denn über die Jahre ist auch der Stamm etwa drei Meter dick geworden.
Aber nicht nur die Größe dieses Baums ist beeindruckend. Die Rinde könne medizinisch wirken. „Bei Problemen im Mundraum kann man den Saft der aufgekochten Rinde gurgeln“, weiß Murschel, die ein Jahr lang eine Ausbildung zur Naturparkführerin gemacht hat. Aber auch für Sitzbäder eigne sich das Extrakt bestens. Früher diente die Eiche zudem als Nahrungslieferant. „Der Volksmund sagt, dass der beste Schinken auf der Eiche wächst“, erzählt sie. Schinken von Schweinen, die im Wald mit Eicheln gemästet wurden, habe lange Zeit als sehr gut gegolten. In Venedig wurde das Holz hingegen als Baustoff verwendet: Etwa die Hälfte der Pfähle auf denen die Lagunenstadt errichtet wurde kommen aus Eichenwäldern.
Die andere Hälfte der venezianischen Stämme sind aus Erlenholz. Und auch dieses Gehölz gibt’s im Naturpark Stromberg Heuchelberg. Zum Beispiel an den Ufern der drei Klosterseen zwischen Illingen und Schützingen. „Die Erle liebt das Wasser“, erläutert die Naturparkführerin und deutet mit ihrer Hand auf die ausgeprägten Wurzeln, die einer der Bäume Richtung Wasser geschlagen hat. Doch Erlen lieben nicht nur Wasser, sie leben auch harmonisch mit anderen Pflanzen zusammen: Mancher Baum teilt sich seinen Lebensraum zum Beispiel mit Stickstoff bindenden Strahlenpilzen.
Die Fünf-Kilometer-Tour führt die Gruppe vorbei an Hängeweiden, Eschen, Elsbeeren, verschiedenen Gräsern, Büschen und einigen Waldtieren zu einem schmalen Pfad, der durchs Geäst führt. „Wer den Wald spüren möchte, sollte auch mal so einen Weg einschlagen“, sagt Murschel und bittet ins Dickicht. Über Stock und Stein steuert sie eine kleine Lichtung an. Dort sollen die naturinterressierten Gäste in einem Spiel mit verbundenen Augen Stämme abtasten – und die jeweiligen Bäume erraten.
Ein Geheimnis lüftet Sabine Murschel erst ganz zum Schluss. Wie kommen eigentlich die gewaltigen Mammutbäume, die sonst nur in den Vereinigten Staaten von Amerika ihre Wurzeln schlagen, in den Illinger Gemeindewald? Ganz einfach: „König Wilhelm von Württemberg hat einst den Samen importieren und in der Wilhelma säen lassen“, erläutert sie. Vom botanischen Garten aus sei der Samen dann ins ganze Land getragen worden. Und eben auch ins Umland von Illingen in den Naturpark Stromberg Heuchelberg.
Gut zweieinhalb Stunden nach dem Start am Waldfriedhof klingt Murschel zufrieden: „Das hat ja ganz gut geklappt“, sagt sie und packt ihre mitgebrachten Bücher, Prospekte und Holzstücke wieder in ihren Rucksack. In Zukunft will sie die Führung regelmäßig anbieten, das nächste Mal am 1. Juni.
- Neben der Baumführung von Sabine Murschel bieten die 22 anderen Naturparkführer Führungen zu weiteren Themen an. Weitere Informationen gibt’s im Internet auf der Homepage www.naturpark-stromberg-heuchelberg.de.
Philipp-Marc Schmid


