Vaihingen (awa/phs) – „Manege frei!“, heißt’s ab Samstag in Vaihingen. Der Rastatter „Circus Bely“ gastiert wieder für zehn Tage im Gewerbegebiet Flosch. Rund 100 Tiere und ein volles Programm haben die Zirkusleute aus Rastatt dieses Mal im Gepäck.
Marina Frank ist im Stress. Eigentlich hätte ein Transporter ihre Herde schottischer Hochlandkühe schon vor Stunden im Vaihinger Gewerbepark Flosch abliefern sollen, doch irgendetwas scheint schief gelaufen zu sein. „Ich weiß auch nicht, wo die stecken“, sagt sie. Marina Frank gehört zur Crew vom „Circus Bely“. Und der gastiert ab Samstag (17. Mai) für zehn Tage in Vaihingen.
Arbeit gibt es für die 15 Familienmitglieder bis dahin noch genug – auch ohne die Rinder aus Schottland. Bisher haben sie die Stallungen und Freigehege für die rund 100 Tiere, ein knapp 15 Meter hohes Zirkuszelt und die Quartiere für die Artisten aufgebaut. Genau 320 Eisenanker sorgen dafür, dass im Inneren des Zeltes die Sitzbänke nicht umkippen können und die Zelte nicht vom Wind weggeblasen werden. Bis zur ersten Vorstellung am Samstag müssen im Zelt zum Beispiel noch eine ganze Menge Lichttechnik angebracht und eine Klimaanlage installiert werden. „Die Anlage ist ganz wichtig, denn ohne die würde es im Zelt unerträglich heiß werden“, sagt Frank, die weiß von was sie spricht: Denn wenn draußen die Sonne scheint, heizen sich die Wohnwagen der Zirkusleute schon mal auf über 50 Grad auf.
Vor dem Zirkuszelt stehen unter anderem Zebras, Kamele, Pferde, Hunde, Schweine und Gänse in ihren Gehegen. Und die wollen gepflegt werden: „Pro Tag geben wir etwa 450 Euro für Tierfutter aus“, sagt Marina Frank. Jedes Tier brauche sein eigenes Spezialfutter. Nur Karotten bekommen sie alle, denn die entwurmen die Tiere auf dem natürlichen Weg. „Knapp vier Zentner Mohrrüben brauchen wir täglich“, sagt die Zirkusfrau, bei der die Fäden des Familienbetriebs zusammenlaufen.
Eine Raubtier-, oder Elefantennummer gibt es in dem Zirkus nicht. Und das hat seinen Grund: „Wir könnten diese Tiere nicht artgerecht halten“, erläutert sie. Deshalb habe der Zirkus in seiner 150-jährigen Geschichte immer darauf verzichtet. „Kein Zirkus kann behaupten, dass er Raubtiere und Elefanten richtig halten kann.“
„Nino, Nino“, ruft Marina Tatjana Frank ihren hoch gewachsen, blondhaarigen Sohn herbei. Er soll einen roten, runden Tisch für Tochter Neyenne ins Kamelgehege tragen. Neyenne erscheint in einem eng anliegenden Kostüm, um nochmal eine Nummer zu üben. Während ihr Bruder die Kamele füttert, stellt sie sich auf den Tisch, lässt sich nach hinten in die Brücke fallen und krabbelt durch ihre Füße hindurch. Gleichzeitig setzt sie ein einstudiertes Lächeln auf. Neyenne liegt einerseits auf dem Bauch, anderseits steht sie aber gleichzeitig. Ein groteskes Bild.
„Neyenne, mach mal Handstand“, fordert Mutter Marina, die ihre Kinder zum Teil selbst trainiert. Das schlanke Mädchen konzentriert sich, drückt sich in den Handstand und knickt ihre Hüfte, damit die Beine Richtung Kopf wandern. Die Zwölfjährige hat, wie ihre 25-jährige Schwester, mehrere Auszeichnungen für ihr Können bekommen. „Meine Töchter haben in Monaco sogar den Goldenen Clown gewonnen“, sagt Marina Frank stolz.
Auf das Programm ist die Zirkusfamilie ganz besonders stolz: Vorgesehen sei neben Pferdedressur und Clownerie, Bodenakrobatik, Hunderevue und Kunstreiterei auch eine Luftnummer in elf Metern Höhe. Ohne Sicherheitsnetz. „Nummern mit Sicherung will das Publikum nicht mehr sehen“, sagt Frank. Schlimm finde sie das aber nicht, denn schließlich sei die Familie geübt und schaffe das auch so. Zudem sind zwei Nummern im Programm, die in Europa als einzigartig gelten: Artist Harry springe in der Manege auf ein galoppierendes Pferd und ein anderes Pferd könne seine Beine verknoten. Mehr wird aber nicht verraten.
„Wir wurden alle in den Zirkus hinein geboren“, erzählt Marina Frank. Sie gehört zur siebten Generation im „Circus Bely“. Die Kinder besuchen im Alter von sechs bis elf Jahren Artistenschulen in den Städten Berlin, Dresden und Hamburg. Dort lernen sie alles Nötige. „Und wenn sie nach vier Jahren die Schule abschließen, haben sie ihren sicheren Beruf.“
Einen festen Wohnsitz hat die Großfamilie nur im Winter. Dann beziehen sie mit samt den Tieren eine alte französische Kaserne in Rastatt. Von April bis Oktober gastiert der Zirkus in rund 21 Städten in ganz Baden-Württemberg. Jeder Platzwechsel bedeutet auch für die Kinder eine Umstellung: „Immer dort, wo wir auftreten, besuchen sie die Schule“, erzählt sie.
Die Familienmitglieder wohnen zwar in Wohnwagen – Bad, Küche, Wohn- und Kinderzimmer unterscheiden sich aber optisch kaum von einer herkömmlichen Wohnung. Nur eines ist anders: Damit bei den ständigen Reisen nichts durcheinander gerät oder auf den Boden fällt, muss die Einrichtung praktisch und gut durchdacht sein.
„Braucht ihr mich noch? Sonst kaufe ich jetzt eine Wanne für die Hunde“, ruft Nino Frank plötzlich und unterbricht damit die Erzählung seiner Mutter. „Die Hunde wollen baden.“ Auch an solche Kleinigkeiten muss gedacht werden.
- Der „Circus Bely“ gastiert vom 17. bis zum 26. Mai im Vaihinger Gewerbegebiet Flosch. Die Vorstellungen beginnen um 15 Uhr, der Tierpark ist ab 10 Uhr geöffnet.


